Fall Kiesewetter: Hoffnung durch Thüringer Akten

Heilbronn - Klärt sich Jahre nach dem Mord der rechten Terrorgruppe NSU an Polizistin Michèle Kiesewetter doch noch, warum diese Tat ausgerechnet in Heilbronn erfolgte?

Von Carsten Friese

Blumen am Gedenkort: Noch ist der Hintergrund des Mordes an Michèle Kiesewetter im April 2007 auf der Heilbronner Theresienwiese ungeklärt.Foto: dpa

Heilbronn - Klärt sich Jahre nach dem Mord der rechten Terrorgruppe NSU an Polizistin Michèle Kiesewetter doch noch, warum diese Tat ausgerechnet in Heilbronn erfolgte?

Ein Foto, das Beate Zschäpe am Ludwigsburger Schloss zeigt, ein Partybesuch von Uwe Mundlos und Beate Zschäpe Ende der 90er Jahre bei einem Skinhead-Musiker der rechten Ludwigsburger Szene, Briefe von Mundlos, in denen er nach Angaben der "taz" vom Osterbesuch bei den "Spätzles" schwärmt: Bezüge des aus Thüringen stammenden Terrortrios in den Großraum Heilbronn werden intensiver.

"Der Nazi-Kumpel aus Ludwigsburg" überschreibt die Ludwigsburger Kreiszeitung einen Bericht über Verbindungen zu Kontaktmann Michael E. und weiteren vier Personen in der Stadt, die 40 Kilometer von Heilbronn entfernt ist. Liegt hier der Schlüssel zum Hintergrund des Kiesewetter-Mordes?

Vernetzt

Hartfrid Wolff (42), FDP-Obmann im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages, hat Hoffnung. Von einer Ludwigsburg-Connection will der Schorndorfer nicht sprechen. Aber: Für intensive Bezüge des NSU in die Großregion gebe es viele Hinweise. Unter anderem die rechtsextreme Band "Noie Werte" aus dem Rems-Murr-Kreis, deren Hintergrundmusik auf Bekennervideos des NSU zu hören ist.

Fall Kiesewetter: Hoffnung durch 1700 Thüringer Akten
Hartfrid Wolff, FDPFoto: privat
Wolff überrascht das nicht. Vom rechtsextremen Thüringer Heimatschutz, in dem auch das NSU-Trio war, seien einige Mitglieder nach Baden-Württemberg gezogen. "Da verwundert es nicht, dass es vernetzte Strukturen gab." Erkenntnisse über Kontaktlisten mit Heilbronner Namen gebe es bisher nicht.

Die Querverbindungen des NSU zu Baden-Württemberg sollen im Ausschuss erhellt werden. Wolff ist zuversichtlich, da man 1700 Akten vom Thüringer Geheimdienst erhalten habe. Den konkreten Ablauf am 25. April 2007 auf der Theresienwiese möchte er beleuchten, wie viele Beteiligte dort waren, ob baden-württembergische Neonazis eine Rolle spielten. Er glaubt nicht an eine reine Zufallstat.

Weil es nicht der Handschrift des NSU entspricht und die Neonazis bei ihren geplanten Taten oft − wie in Heilbronn − im Wohnmobil reisten. Ein gezielter Schlag gegen den Staat ist für ihn ebenso denkbar wie er Bezüge im Umfeld Michèle Kiesewetters zu den Tätern nicht ausschließt. "So kaltblütig mordet man nicht aus Zufall."

Schuldig

Der NSU-Ausschuss muss mit dem Ende der Legislatuperiode 2013 seine Arbeit beenden. Wolff möchte wie andere Kollegen empfehlen, den Ausschuss fortzuführen. Den Opfern und der Bevölkerung sei man eine "bestmögliche Aufklärung schuldig". Ziel der Arbeit sei, Reformvorschläge für die künftige Sicherheitsarchitektur, für eine bessere Kontrolle der Geheimdienste und den Opferschutz vorzulegen. Und dafür reichen dem Juristen "die Erkenntnisse noch nicht".

Ausschuss, Anklage

Seit Januar 2012 beleuchtet der NSU-Untersuchungsausschuss die Vorgänge um den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), dem bundesweit neun Morde an Migranten und der Mord an einer Polizistin in Heilbronn zugeschrieben werden. Von dem Terrortrio, das in Jena aufwuchs, lebt nur noch Beate Zschäpe. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erschossen sich, als die Polizei nach einem Banküberfall auf ihre Spur kam. Gegen Zschäpe soll im April in München der Prozess starten – unter anderem wegen Mittäterschaft an zehn Morden. 

 

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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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