Ein Verbrechen, das alles in der Stadt zum Erliegen bringt

Angespannt suchen Polizisten den Mörder ihrer Kollegin ­ Zeitweise ist kaum ein Hinauskommen aus Heilbronn möglich

 

Heilbronn - Eine Stadt im Ausnahmezustand. Es ist, als ob alles Alltägliche stehen geblieben wäre und sich nur noch die Polizei bewegt. In der Fußgängerzone halten die Menschen an und sehen hinauf zu den Polizeihubschraubern, die den ganzen Tag kreisen. Am Bahnhof und anderswo muss die Polizei den Verkehr nicht erst stoppen, um Autos zu durchsuchen: Der Verkehr ist zusammengebrochen, alles steht.

Bahnhofsvorplatz, 16 Uhr. Nur wenige Menschen haben noch nicht mitbekommen, dass auf der Theresienwiese eine Polizistin erschossen, ihr Kollege lebensgefährlich verletzt worden ist. Der gepflegte junge Mann im weißen Hemd ist einer dieser wenigen. Er steht am Straßenrand und versteht nicht, warum sein Auto von der Polizei kontrolliert wird, eine junge Beamtin hinter die Sitze und in den Kofferraum schaut.

 

 

„Wir suchen jemanden”, erklärt ihm die Polizistin und wendet sich bereits zum Weitergehen. „Heute Abend hören Sie es in den Nachrichten.” Dann steigt sie gemeinsam mit drei Kollegen in die Stadtbahn Richtung Innenstadt. Der Zugführer lässt die Beamten durch seine eigene schmale Tür einsteigen; die offiziellen Türen bleiben zu, damit niemand flüchten kann.

Die Hand an der Waffe

Am Straßenrand, am Stadtbahnsteig, überall Polizisten: Polizeibeamte, in erster Linie sehr junge, die genau das tun, was für ihre Kollegin vermutlich tödlich war ­ Personen kontrollieren. Sie suchen: den Mörder ihrer Kollegin. Dass sie sich dessen bewusst sind, merkt man ihnen an. Sie arbeiten in angespannter Ruhe. Mit der Presse sprechen mag keiner von ihnen. „Es wird schwer sein, einen Ansprechpartner zu finden”, sagt einer. „Ich hoffe, das verstehen Sie.”

 



Die Hand an der Dienstwaffe, lässt ein Polizist einen Fahrer die Hintertüren seines Transporters öffnen. Erleichterung, die Hand sinkt von der Pistole weg, die Ladefläche ist leer. Da holt ihn ein Kollege: „Da ist einer, der hat Angst vor der Kontrolle.” Gemeinsam sichern sie das Auto und durchsuchen es. Auch hier: Fehlanzeige.

Abgeschnittene Heimwege

Direkt daneben wartet Thomas Feeser im Cabrio darauf, vom Busbahnhof irgendwohin abbiegen zu können. Der Ingenieur will von der Arbeit nach Hause; warum das nicht geht, hat er im Radio gehört. Marcel Zeidler (25) hat mit dem Fahrrad Richtung Theresienwiese „für 50 Meter eine Stunde gebraucht”. Er weiß von der Tat. Und er ist bestürzt. „Ich hätte nicht gedacht, dass in Heilbronn so etwas passieren kann.”

 



Es gibt viele Menschen, die nicht dorthin gelangen, wohin sie wollen. Mit den Autos versuchen sie Schleichwege, per Handy sagen sie Termine ab. Am Abend gibt es in der ganzen Stadt kein freies Hotelzimmer mehr. Das Stimme-Forum zur Gundelsheimer Bürgermeisterwahl muss wegen der Staus auf heute verschoben werden. Busse fallen aus. Handynetze brechen zusammen. Das Internet-Video auf stimme.de verzeichnet in den ersten 50 Minuten über 10.000 Zugriffe. Und immer wieder, überall: Polizeiautos mit Blaulicht und Martinshorn.


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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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