Dem Phantom auf der Spur

Heilbronn - Der weißhaarige Mann ist Schriftsteller, gebürtiger Korse, und lebt östlich von Paris. Dass Michel Ferracci-Porri (58) nun erstmals in seinem Leben nach Heilbronn gekommen ist, liegt an einer Frau, die er nicht kennt. Die kein Heilbronner kennt, nicht einmal die Polizei, die seit über einem Jahr fieberhaft nach ihr sucht. Das Phantom im Polizistenmordfall hat den studierten Literaturwissenschaftler elektrisiert. Seit er im französischen Fernsehen einen Bericht über den Fall sah, lässt ihn die Geschichte nicht mehr los

Von Carsten Friese

Auf Spurensuche in Heilbronn: der Franzose Michel Ferracci-Porri  
Heilbronn - Der weißhaarige Mann ist Schriftsteller, gebürtiger Korse, und lebt östlich von Paris. Dass Michel Ferracci-Porri (58) nun erstmals in seinem Leben nach Heilbronn gekommen ist, liegt an einer Frau, die er nicht kennt. Die kein Heilbronner kennt, nicht einmal die Polizei, die seit über einem Jahr fieberhaft nach ihr sucht.

Berührt

Das Phantom im Polizistenmordfall hat den studierten Literaturwissenschaftler elektrisiert. Seit er im französischen Fernsehen einen Bericht über den Fall sah, lässt ihn die Geschichte nicht mehr los. Die Entschlossenheit im Gesichtsausdruck von Soko-Chef Frank Huber, die mutmaßliche Mörderin zu fangen, hat ihn fasziniert. Berührt war er vom Foto der getöteten Michéle Kiesewetter (22), die vom Alter her seine Tochter hätte sein können.

Die Exekution auf der Theresienwiese am helllichten Tag, der Fakt, dass das Phantom weder Skrupel noch Mitleid kenne, die vielen DNA-Spuren der Unbekannten, das Puzzle, das die Polizei zusammensetzen muss – all das war für Ferracci Anlass, das Buchprojekt zu starten. Er kann kaum Deutsch. Er schreibt in seiner Muttersprache. „So einen Fall hat es noch nicht gegeben. Der interessiert viele, auch in Frankreich“, ist er überzeugt. Sein Verleger sagte nur „mach das Buch“. In seinem jüngsten Werk hatte Ferracci einen Serienmörder porträtiert, den letzten Menschen, der in Frankreich im Jahr 1939 mit dem Fallbeil getötet wurde.

Rund 600 Kilometer fuhr der Literat nun von Paris nach Heilbronn, um jenen Ort zu sehen, an dem alles geschah. Überrascht war er von der Öde auf dem Schotterparkplatz Theresienwiese, davon, dass dort so wenig Grün ist. Er wird die Bilder einarbeiten, auch seine Erkenntnis, dass der Tatort der Exekution gut einsehbar war. Keine Zeugen? Der Franzose versteht es nicht, auch nicht, dass sich bei 150 000 Euro Belohnung niemand gemeldet hat.

Distanz

Dem Phantom tritt er mit Distanz gegenüber, erzählt der Autor im Gespräch mit der Stimme. Weil niemand wisse, ob sie intelligent oder unkultiviert und dumm sei. „Vielleicht hat sie auch vor der Erfindung der DNA-Technik schon getötet, vielleicht war sie aber auch immer nur im Hintergrund dabei.“

Mehrere Ordner Material hat der 58-Jährige zusammengetragen, Zeitungsartikel, Berichte aus dem Internet, TV-Filme. Bisher gibt es für sein Buch nur ein Gerüst. Wann er fertig sein wird, weiß er noch nicht. Nur der Einstieg steht schon fest: Es wird die Szene, als Menschenmassen an jenem 25. April 2007 im abgeriegelten Heilbronn im Stau auf den Straßen stehen „und keiner weiß, was los ist“.
Einen Helden gibt es in seinem Buch nicht. „Höchstens die Polizei“, schiebt Ferracci nach – wenn sie das Phantom findet.

 

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Am 25. April 2007 gegen 14 Uhr findet ein Radfahrer zwei Polizisten blutüberströmt bei ihrem Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese liegend. Es handelt sich um die 22-Jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und ihren 24-jährigen Kollegen. Kieseweter ist tot. Ihr Kollege liegt schwer verletzt daneben.

Etwa vier Jahre später wird der Zwickauer Terrorzelle eine Mordserie zugeordnet, darunter auch der Anschlag in Heilbronn. 2013 beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe, der einzig Überlebenden des Terror-Trios.

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