Konzentriert auf das Wesentliche

Leingarten  Das Museum Altes Rathaus wurde 1990 eröffnet. Wechselnde Schauen ergänzen von Beginn an die Dauerausstellung.

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Michael Scheurer im Lothar-Böhringer-Saal. "Aus Erde" heißt die aktuelle Ausstellung. Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat sie bei der Museums-Einweihung im kleinen Kreis schon gesehen, alle anderen können sie demnächst virtuell anschauen.

Das Dach des Altbaus ist zur Hälfte neu gedeckt. Jetzt fehlt nur noch das Okay des Landesdenkmalamts für die Farbe der neuen Sprossenfenster. Dann sind Um- und Anbau des Leingartener Museums Altes Rathaus nach rund drei Jahren Bauzeit so gut wie perfekt. "Was wir jetzt haben, ist eine funktionierende, tolle Geschichte. Man kann hier viel machen", freut sich Michael Scheurer, der das Haus seit 2016 zusammen mit Fritz Eichholz ehrenamtlich leitet.

Sein ganzer Stolz ist natürlich der Anbau, von dem der Heimatverein "intern schon seit der Einweihung des Museums" im Jahr 1990 geträumt hat. Im Herzstück, dem Lothar-Böhringer-Saal, der nach dem Museumsgründer benannt ist, wartet aktuell ein Teil der neuen Ausstellung "Aus Erde" auf die ersten Besucher nach dem Lockdown. Vier ehemalige Schüler des Bildhauers Rudolf Daudert haben Scheurer und Eichholz dafür gewonnen. Insgesamt mehr als 200 Exponate - Bilder, Zeichnungen und Skulpturen - sind im ganzen Haus verteilt. "Das ist der Wahnsinn", ist Scheurer begeistert.

Immer wieder Neues entdecken

Von Beginn an war das Museum als ein Mix aus Dauer- und Wechselausstellung konzipiert. "Damit niemand sagen kann, das Heimatmuseum kennen wir schon, da müssen wir nicht nochmal hin", erklärt Scheurer. Schon im Altbau gab es vier Räume für die temporären Schauen. Von der Größe her kein Vergleich zum Böhringer-Saal, in dem jetzt auch Platz für Lesungen oder kleine Konzerte mit bis zu 100 Besuchern ist. "Das war bisher die Krux: Die Festhalle und das Kulturgebäude waren für solche Veranstaltungen zu groß."

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Erst mit der Aufnahme Schluchterns ins Sanierungsgebiet wurden Um- und Anbau möglich. Es gab Fördergelder für das 2,5-Millionen-Projekt.

Fotos: Claudia Kostner

Die Dauerausstellung im ehemaligen Schluchterner Rathaus bleibt, wie sie ist, betont der 72-Jährige. "Die hängt ja genauso wie die Archäologieabteilung ganz eng mit der Ortsgeschichte zusammen." Sei es die Werkstatt von Wagner, Sattler oder Schuster: Alle Exponate stammen von Handwerkern aus Schluchtern und Großgartach. Eine besonders spannende Geschichte erzählen der riesige Blasebalg aus dem Jahr 1733 und weitere Utensilien der Schmiede von Johann Jacob Link. Von Großgartach nach Amerika ausgewandert, ist er ein Vorfahr von Dwight D. Eisenhower, der von 1953 bis 1961 Präsident der Vereinigten Staaten war. "Das ist belegt. Und der Name Eisenhower passt ja auch zum Beruf des Schmieds", so Scheurer.

1901 erbaut, war das Gebäude in der Eppinger Straße 150 zunächst Rathaus, auch Bücherei und Feuerwehr waren zeitweilig dort untergebracht. Nach dem Zusammenschluss von Großgartach und Schluchtern im Jahr 1970, wurde das Haus als Verwaltungsgebäude nicht mehr benötigt.

Kein Überfluss an Informationen

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Der Besitzer dieses Blasebalgs war ein Vorfahre von US-Präsident Eisenhower.

Schon bald begann der Hauptschullehrer Lothar Böhringer in einer AG mit seinen Schülern, einen der Kellerabschnitte herzurichten. "Ab 1975 wurde hier viel gelagert, die Leute haben mit Begeisterung Dinge vorbeigebracht, wenn sie ihre Häuser ausgeräumt haben", weiß Michael Scheurer. "Aber das war ein Sammelsurium." Auch dank der Unterstützung des damaligen Leingartener Bürgermeisters Hermann Eppler wurde daraus ein Museum, das Lothar Böhringer vom Beginn bis 2016 geleitet hat.

Vollgestopfte Räume gibt es hier keine. "Wir wollen nicht Massen an Dingen ausstellen, sondern exemplarische Objekte, die sich die Besucher selbst erschließen können", erläutert Michael Scheurer. "Man wird nicht mit Informationen überschüttet, sondern kann sich das Wesentliche selbst raussuchen." Vieles davon, so ist der pensionierte Lehrer überzeugt, wäre spannend für Schulkinder, vor allem aus dem Ort. "Aber leider kommen mehr Klassen von außerhalb als aus Leingarten."

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Töpfe der "Großgartacher Kultur" aus der Zeit um 5000 vor Christus.

Ihn selbst, seit 1984 aktiv dabei, begeistert nach wie vor die Archäologie-Ausstellung: "Es ist faszinierend, dass Leingarten seit der Jungsteinzeit durchgehend besiedelt war." Auf 5000 vor Christus werden die Töpfe mit Bandkeramik der "Großgartacher Kultur" datiert, die 1899 bei Ausgrabungen im Ort gefunden wurden, und deren Repliken im Museum zu sehen sind. "Den Großgartacher Stil gibt es überall, sogar im Naturhistorischen Museum in New York habe ich Objekte gesehen. Nur kennt dort keiner Großgartach", so Scheurer.

Virtueller Besuch

"Leingarten auf dem Weg zur Stadt" war der Titel der ersten Ausstellung 2020 – das war vor Corona. "Bizarr" von Barbara Bucher konnten Interessierte dann erst einmal nur virtuell besichtigen, bevor das Museum ab Juni wieder eingeschränkt zugänglich war. Die Zahl von insgesamt 8000 virtuellen und echten "Bizarr"-Besuchern hat Michael Scheurer beeindruckt: "Sonst haben wir im Schnitt 3000 bis 4000 Gäste im Jahr. Die virtuelle Sache lohnt sich auf jeden Fall." Das habe sich auch beim Online-Blues-Konzert mit Ignaz Netzer und Werner Acker gezeigt, ebenso bei den virtuellen Lesungen des Schwaigerner Schriftstellers Gunter Haug. Die aktuelle Ausstellung "Aus Erde" wird demnächst auch für YouTube aufbereitet. Alles zu sehen auf www.heimatverein-leingarten.de

 

Claudia Kostner

Claudia Kostner

Autorin

Claudia Kostner ist seit 1996 Redakteurin der Heilbronner Stimme. Der gebürtigen Heilbronnerin liegt die Region am Herzen. Sie berichtet hauptsächlich aus Zabergäu und Leintal, aber auch über die Volkshochschule Unterland.

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