"Tante Meta" feiert ihren 100. Geburtstag

Schwaigern  Meta Schilling hat Generationen von Stettener Kindergartenkindern betreut. Heute wird sie 100 Jahre alt.

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Seit zwölf Jahren wohnt Meta Schilling im ASB-Pflegeheim in Schwaigern. Aber auch dort wird sie von ihren früheren Schützlingen nicht vergessen. Die erste Karte zum Hundertsten kam schon Tage vorher aus Amerika.

Foto: Claudia Kostner

"Ich war Kindergärtnerin aus Liebe", sagt Meta Schilling. Und die Liebe, die sie gesät hat, ist aufgegangen: Viele ihrer ehemaligen Schützlinge aus Stetten melden sich noch als Erwachsene regelmäßig bei ihr. Rufen an, schreiben, bringen Blumen, Süßigkeiten und kleine Geschenke ins ASB-Pflegeheim in Schwaigern. Sogar aus Amerika hat "Tante Meta" zu ihrem 100. Geburtstag Post bekommen.

"Dass ich Hundert werden darf, das hätte ich nie gedacht. Aber ich habe es mir auch nicht gewünscht", erklärt die Jubilarin. Nach einem Treppensturz in ihrem Häuschen in der Entengasse in Stetten sei sie vor zwölf Jahren ins Pflegeheim eingeliefert worden. "Die Ärzte haben mir noch zwei Tage gegeben."

Bruder, Mann und beide Söhne verloren

Wenn Meta Schilling daran denkt, dass mit ihrem Bruder Willi, ihrem Ehemann Gottlieb und den beiden Söhnen Helmut und Werner vier ihrer wichtigsten Menschen viel zu früh gestorben sind, füllen sich ihre Augen mit Tränen: "Sie fehlen mir so. Das ist eine harte Sache am Hundertsten." Auch dass sie ihren Geburtstag wegen Corona nicht in großer Runde feiern darf, macht sie traurig. "Ich habe gebetet, dass es bis dahin anders wird."

"Erinnerung ist ein Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann", zitiert die vierfache Großmutter und siebenfache Urgroßmutter den Dichter Jean Paul. Und ihre Erinnerungen sind auch im hohen Alter noch lebendig. An die Jahre in ihrer geliebten Geburtsstadt Heilbronn ebenso wie an jene in Stetten, wo sie "gleich daheim war".

Als junges Mädchen hat Meta, geborene Werner, in der Heilbronner Olgakrippe den Beruf der Kindergärtnerin erlernt. Nicht Erzieherin, wie es heute heißt: "Mutter und Vater sind Erzieher, ich bin Kindertante", sagt sie bestimmt. Dass sie dann zum Reichsarbeitsdienst in Heubach/Rosenstein auf der Schwäbischen Alb musste, hat ihr das Leben gerettet. Ihre Kolleginnen vom Au-Kindergarten, in dem sie davor gearbeitet hatte, kamen am 4. Dezember 1944 alle um.

Ihre Eltern waren nach der Bombennacht nach Schwaigern evakuiert worden. Dort kam sie 1945 im Alter von 24 Jahren an und begann wieder als Kindergärtnerin zu arbeiten. Mit dem Fahrrad fuhr sie nach Stetten und betreute im Gasthaus von Emile Schmälzle alleine 60 Mädchen und Jungen. "Sie haben viel mit Bauklötzle gespielt, und ich habe aus Schächtele ein Puppenstüble gemacht", erzählt Meta Schilling. "Wie bescheiden - es war eine andere Zeit."

Sie war kein Bauernmädle

Bei Freunden im Dorf lernte sie dann auch ihren Gottlieb kennen. "Er war ein richtiger Weingärtner, hat die Weinbauschule in Weinsberg besucht, als einziger aus Stetten", berichtet sie stolz. "Er hat den Kerner nach Stetten gebracht." Seine Eltern waren gegen die Verbindung. "Sie wollten mich nicht haben, weil ich kein Bauernmädle war. Aber ich habe es ihnen gezeigt. Ich habe alles können", sagt Meta Schilling.

Ab 1949 machte sie Familienpause. Nach dem frühen Tod ihres Mannes im Jahr 1968 fing die zweifache Mutter bald wieder als Kindergärtnerin an. Jetzt waren es teilweise die Töchter und Söhne ihrer früheren Schützlinge, denen Tante Meta Reime und Lieder beibrachte, mit denen sie bastelte und die sie mit ebenso viel Herzblut betreute.

"Der Mensch lebt viel von Liebe", sagt die 100-Jährige. Dankbar ist sie für ihre Familie. Aber auch für liebe Freunde, die sie im Leben begleitet haben - und die auch im Pflegeheim an sie denken: Angefangen von Generationen von ehemaligen Kindergartenkindern über den evangelischen Pfarrer Jörg Kohler-Schunk bis hin zu Ute Scherer, ihrer Patentochter. "Die kümmert sich so gut um mich", freut sich Meta Schilling. "Früher hatten die Menschen mehr Zeit. So bescheiden waren die Leute früher, das gibt es nicht mehr", meint sie wehmütig.

Bis vor einem Jahr sei sie noch mit ihrem "Mercedes" - ihrem Gehwägele - unterwegs gewesen. Jetzt sitzt Meta Schilling im Rollstuhl. Auch Augen und Ohren haben stark nachgelassen. "Aber geistig bin ich noch sehr rege", sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln. An ihrem Ehrentag will sie sich selbst ein Geschenk machen: "Ich sag mir ein Versle: ,Heute soll Geburtstag sein, einen ganzen Tag. Lirum larum hollrio, wer sich freuen mag (...). Liebe Meta, fang Dir einen Sonnenstrahl, steck ihn an den Hut, dass er nicht verloren geht, wenn's mal regnen tut.""

Fußballfan

Meta Schilling ist großer Fan des Fußballclubs Bayern München und der Nationalmannschaft. "Früher hab ich alle Spiele geschaut, jetzt kann ich das nicht mehr", erzählt die 100-Jährige, deren Sehkraft stark nachgelassen hat. Über ihrem Bett im ASB-Seniorenheim hängt ein Poster mit der kompletten Weltmeistermannschaft direkt nach dem Titelgewinn 2014 in Brasilien. Besonders ins Schwärmen gerät sie noch heute über Miroslav Klose. "Wenn ich früher vor dem Fernseher gesessen habe und gerufen habe, ,Klose, schieß!", dann hat er geschossen." 


Claudia Kostner

Claudia Kostner

Autorin

Claudia Kostner ist seit 1996 Redakteurin der Heilbronner Stimme. Der gebürtigen Heilbronnerin liegt die Region am Herzen. Sie berichtet hauptsächlich aus Zabergäu und Leintal, aber auch über die Volkshochschule Unterland.

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