Mit 17 Jahren schon Organist

Brackenheim  Sie paukten nicht nur Mathe und Physik fürs Abitur, sondern lernten nebenbei auch noch Musiktheorie, Kirchenmusikgeschichte und Orgelbau: Nach dem Abschluss der zweijährigen C-Ausbildung dürfen zwei Jugendliche nun nebenberuflich als Organisten arbeiten.

Von Julia Weller
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Mit 17 Jahren schon Organist

Auch vierhändig können Lilly Schuster (18) und Moritz Schmoll (17) mittlerweile an der Orgel spielen. Beide begannen im Alter von zwölf Jahren mit dem Unterricht.

Foto: Christiana Kunz

Lilly Schusters Hände finden wie von selbst den Weg auf das Manual der Orgel in der Stadtkirche St. Jakobus in Brackenheim. Zwei Jahre lang hat die 18-Jährige fast täglich hier gesessen, hat Choräle und Begleitsätze geübt und sich Aufbau und Pflege des meterhohen Instruments eingeprägt. Im November hat sie dann zusammen mit dem 17-jährigen Moritz Schmoll aus Hausen die kirchenmusikalische C-Prüfung abgelegt - nun sind die beiden Jugendlichen nebenberufliche Organisten.

Klavierunterricht seit der Kindheit

"Es ist toll, als junger Mensch so ein großes Instrument mit einer so langen Geschichte zu spielen", findet Schuster. Als Fünfjährige hat sie mit dem Klavierspiel begonnen, mit zwölf kam sie dann als Orgelschülerin zum damaligen Bezirkskantor Hans-Günther Mörk. Ähnlich war es bei Schmoll: Nachdem er bereits einen Befähigungsnachweis als Orgelspieler erhalten hatte, wollte er seine Ausbildung weiterführen. Diese Möglichkeit fand er in der zweijährigen C-Ausbildung, die von den Kirchen angeboten wird und fundierte Kenntnisse im Orgelspiel oder anderen Fachrichtungen wie zum Beispiel der Chorleitung vermittelt.

Neben Mathe, Physik und Englisch paukten die beiden Oberstufenschüler also auch Liturgik, Musiktheorie und Kirchenmusikgeschichte. Sie lernten, einen Gottesdienst zu begleiten und musikalische Stücke den historischen Epochen zuzuordnen. Jeden Freitagabend fuhren die beiden nach Neuenstadt, wo der dortige Kirchenmusikdirektor David Dehn die theoretischen Fächer unterrichtete. Am schwierigsten fanden Schuster und Schmoll die Gehörbildung: Dabei galt es, Intervalle und Dreiklänge zu bestimmen oder eine Chorstimme vom Blatt vorzusingen. "In der Prüfung haben wir zum Beispiel ein Diktat geschrieben", erzählt Schmoll, "da wurde ein Stück vorgespielt und wir mussten die Noten aufschreiben."

Tägliches Üben in der Kirche

Neben der Theorie spielte aber selbstverständlich auch die Praxis eine große Rolle. Jede Woche hatten die beiden eine Stunde Orgelunterricht bei Bezirkskantor Mörk, außerdem mussten sie viel üben. "Eigentlich müsste man täglich oder zumindest jeden zweiten Tag eine Stunde lang üben", sagt Moritz Schmoll, "aber ich war nicht jede Woche so extrem fleißig." Weil Lilly Schuster im Frühjahr ihre Abiturprüfungen schrieb, musste sie beim Theorie-Unterricht sogar zwei Monate Pause machen. Beim Spielen hingegen habe sie nie pausiert: "Für mich ist das ein Ausgleich nebenbei", sagt die 18-Jährige.

Obwohl sie viel Zeit in die C-Ausbildung gesteckt haben, möchten die Jugendlichen das Orgelspielen nicht zu ihrem Hauptberuf machen. Schuster studiert mittlerweile Steuer- und Wirtschaftsrecht, Schmoll möchte nach dem Abitur im kommenden Jahr ein Physikstudium beginnen. Nebenbei wollen beide aber weiterhin Gottesdienste begleiten und sich so ein paar Euro dazuverdienen. Mit einer abgeschlossenen C-Ausbildung ist die Vergütung für solche Einsätze nämlich ein wenig höher als ohne.

Neue Schüler dringend gesucht

Auch die Ausbildung selbst wird finanziell von der Kirche gefördert: "Eine Orgelstunde kostet für die C-Schüler 15 Euro", erzählt Hans-Günther Mörk, "das ist eigentlich nur ein Trinkgeld." Für den 65-Jährigen waren Schuster und Schmoll die letzten Schüler, denn seit Oktober ist er im Ruhestand. Seine Nachfolgerin Gabriele Bender hofft nun, neue Schüler für Orgelstunden gewinnen zu können - egal ob Jugendliche, Berufstätige oder Rentner. Der Bedarf an Organisten in den Kirchenbezirken ist hoch: Früher habe es viel mehr Schüler in den C-Kursen gegeben, erzählt Mörk. Interessierte könnten sich jederzeit melden, so die neue Bezirkskantorin Bender. "Vorerfahrung am Klavier ist natürlich von Vorteil."

Es muss aber nicht gleich die zweijährige C-Ausbildung sein: Wer sich fürs Orgelspielen interessiert, kann auch erst einmal den Befähigungsnachweis erbringen. Die Voraussetzungen und Anforderungen dafür sind wesentlich geringer als bei der C-Prüfung. Im Kirchenbezirk Brackenheim gibt es außerdem die Möglichkeit, im Flöten- oder Posaunenchor oder in einer Band mitzuwirken. Bezirkskantorin Gabriele Bender berät gerne.


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