Kleine Tüftler entdecken bei der Kinderakademie die Welt

Lauffen  Die Stiftung Hector fördert am Standort Lauffen und Obersulm Hochbegabte. Workshops und Kurse gibt es allein in Lauffen für 350 Kinder aus dem Stadt- und Landkreis Heilbronn. Im kommenden Jahr ist eine weitere Akademie in Heilbronn geplant.

Von Rolf Muth
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Kleine Tüftler entdecken bei der Kinderakademie die Welt

Nick Galan Moreno aus Lauffen fertigt einen Autokran. Das Chassis hat er schon gebaut und Kabine samt Steuerrad und Joysticks aufmontiert.

Verflixt! Warum lässt sich der Gewindebolzen nur mit Mühe durch die Löcher der Radaufhängung schieben? Sarah Holzwarth aus Cleebronn steht vor einem Rätsel. Die Vorderachse ihres kleinen Jeeps läuft wie geschmiert. So soll es auch sein, wenn sich die Räder später ungebremst drehen sollen.

Doch was ist mit der Hinterachse? Ein Fall für Ulrich Kammerer (67). Der frühere Audi-Ingenieur leitet die Erfinder-Gruppe in der Hölderlin-Grundschule Lauffen: "Das sind helle Köpfe."

Aus dem ganzen Schulamtsbezirk

Besonders interessierte und begabte Grundschulkinder aus dem ganzen Schulamtsbezirk Heilbronn besuchen die Kurse der Hector-Akademie. Mit Lauffen und Obersulm gibt es derzeit zwei Standorte. Allein in der Hölderlinstadt hat Silke Schlaier Platz für 350 Kinder. 396 Bewerbungen für das facettenreiche Bildungsangebot waren bei der Schulsekretärin und Geschäftsführerin der Lauffener Akademie für das laufende Wintersemester eingegangen. Die Hector-Stiftungen mit Sitz in Weinheim unterstützen das Projekt finanziell - daher der Name. Die Mittelbewilligung und die wissenschaftliche Begleitung erfolgt über das Regierungspräsidium. 50 000 Euro fallen allein für Lauffen ab.

Mit so viel Geld lässt sich allerhand anstellen. Und das freut Silke Schlaier. Denn pro Semester bietet sie 40 bis 50 Kurse an, im Schnitt mit maximal acht Kindern besetzt. Dann ist der Lerneffekt am größten. Es geht um Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik sowie Sprache und Kultur, Kunst und Musik. Da sind wissensdurstige Kinder gefragt, die das Tablet und den Joystick mal zur Seite legen können. Gefragt sind geeignete Dozenten: Lehrer etwa, Ingenieure, Architekten, Ärzte, Künstler, Kommunikationswissenschaftler. Viele kennt Schlaier aus der Erwachsenenbildung. Viele Jahre hat sie die Außenstelle der Volkshochschule Unterland in Lauffen geleitet.

Unterschrift des Lehrers erforderlich

Die Kinder werden von den Lehrern vorgeschlagen. Oder von den Eltern. Der Lehrer muss seine Unterschrift jedoch unter das Antragsformular setzen. "Hochbegabten-Tests gibt es nicht. Wir verlassen uns auf das Urteil der Lehrer", sagt Silke Schlaier. Und der kleine Bewerber muss längst kein ausgereiftes Genie sein: "Der eine ist möglicherweise in Mathe schwach, in Kunst jedoch total kreativ." Die Neugierde, das Denken, die Kreativität sind es, die bei den Kursen angeregt werden sollen.

Wie eben gerade bei Ulrich Kammerer. "Sägen, fräsen, biegen, bohren, schrauben", heißt sein Kurs. Und der Titel sagt alles über die Tätigkeit der Kinder aus. Nach sechs Einheiten mit Theorie und dem Nachbau von Modellen sind sie jetzt beim freien Schaffen angelangt. Mit Thermoplastschienen sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Nick Galan Moreno (8) aus Lauffen beispielsweise plant den Bau eines Autokrans. Das Chassis ist bereits gefertigt, das Führerhaus mit Lenkrad steht. Auch die Joysticks, mit denen der Kranführer Lasten hebt und senkt, sind schon angebracht. Natürlich haben diese keine Funktion. Diese Aufgabenstellung wiederum würde Grundschulkinder wohl überfordern.

An einer kleinen Fräse rundet Erik Schumacher (10) aus Talheim seine Schienen ab. Er baut ein ganzes Fußballstadion. Und Leon Hassert (9, Lauffen) hantiert mit einem Mini-Gabelschlüssel herum. "Damit will ich eine Anhänger-Kupplung festschrauben."

Kinder werden ermuntert

Ulrich Kammerer hat mit Sarah auch das Problem der Hinterachse geklärt. "Wenn was nicht funktioniert, muss man eine Lösung suchen", ermuntert Kammerer die Kinder nie aufzugeben, immer eine praktikable Lösung zu suchen.

Die Aufhängung ist nicht exakt im rechten Winkel, damit klemmt das Gewinde im vorgebohrten Loch. "Das machen wir einfach größer", sagt Kammerer. Das ist einfacher, als das Bauteil neu zu formen. Denn auch das machen die Kinder selbst: Die Thermoplastschienen können mit dem Messer auf exakte Länge geschnitten, auf einer Schiene mit Heizstab erhitzt und schließlich auf einem Formholz gebogen werden.

Für Kammerer gehört ein solches Angebot, diese kreative Förderung eines Kindes, "eigentlich in jedes Haus". Da müssen Eltern aber im wahrsten Sinne des Wortes "mitspielen". Und das braucht eben ein bisschen Zeit.

Hector-Stiftung Weinheim

Die Hector-Stiftung Weinheim wurde 1995 von dem Ehepaar Josephine und Dr. Hans-Werner Hector gegründet. Sie unterliegt der Kontrolle des Regierungspräsidiums. Die Hector-Stiftung II folgte 2008 als Ergänzung. Unterstützt werden medizinische Forschung, soziale Projekte, die Förderung von Kunst und Museen und die Aus- und Weiterbildung im schulischen sowie universitären Bereich. "Die Kinder können sich nur an einer der beiden Kinderakademien in Obersulm oder Lauffen anmelden, aber pro Semester wechseln", sagt Silke Schlaier. Ein dritter Standort ist 2018 in der Heilbronner Staufenbergschule geplant.

Kleine Tüftler entdecken bei der Kinderakademie die Welt

Silke Schlaier ist Geschäftsführerin der Hector-Akademie Lauffen.

Foto: Rolf Muth

Kleine Tüftler entdecken bei der Kinderakademie die Welt
Kleine Tüftler entdecken bei der Kinderakademie die Welt

Ulrich Kammerer leitet den Kurs für kleine Forscher. Sarah Holzwarth aus Cleebronn hat ein Problem mit der Hinterachse ihres Modells. Der Ingenieur, dem die Arbeit mit Kindern Spaß macht, hat schnell eine Lösung parat. Fotos: Christiana Kunz


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