In diesem Haus im Leintal wurden einst Tabakblätter gewickelt

Massenbachhausen  1898 gründete Bernhard Hochherr in Massenbachhausen eine Zigarrenfabrik, die 100 Menschen Arbeit gab. In der NS-Zeit wurde der jüdische Unternehmer enteignet und ins KZ gesteckt. In Heilbronn werden nun Stolpersteine für ihn und seine Tochter verlegt.

Von Gabi Muth
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Im Leintal wurden Tabakblätter gewickelt

In mühsamer Recherchearbeit hat Karl-Heinz Vetter die Geschichte von Bernhard Hochherr aufgearbeitet. Für Hochherr wird in Heilbronn ein Stolperstein verlegt.

Ein unbändiger Unternehmergeist zeichnete ihn aus. Er war innovativ und zeigte bereits Ende des 19. Jahrhunderts seinen Arbeitnehmern gegenüber soziale Verantwortung: Bernhard Hochherr eröffnete 1898 in Massenbachhausen die ersten beiden Standorte einer florierenden Zigarrenfabrik. Er expandierte und gründete mehrere Produktionsstätten.

1937 lag der Umsatz bei stolzen 2,4 Millionen Reichsmark, was heute etwa 9,8 Millionen Euro entspricht. Während der Zeit des Nationalsozialismus verlor Bernhard Hochherr alles, starb am Ende als 71-Jähriger im Konzentrationslager Theresienstadt. Am Montag, 1. Juli, werden für ihn und seine Tochter Grete in Heilbronn zwei Stolpersteine verlegt.

Biografie über den Unternehmer verfasst

Das Gebäude in der Sinsheimer Straße 18 ist jedem in Massenbachhausen bekannt. Viele Jahre dienten die Räumlichkeiten als Kindergarten und als Jugendhaus. Heute beherbergt es Asylbewerber. Doch kaum einer kennt die Historie des Hauses. Karl-Heinz Vetter, der für den Förderverein Denkmal das Ortsfamilienbuch erstellt hat, hat über den Unternehmer Hochherr eine interessante Biografie verfasst.

1870 wurde Bernhard Hochherr als Sohn jüdischer Eltern in Berwangen geboren. Die Gabe, ein guter Geschäftsmann zu sein, bekam er wohl in die Wiege gelegt. Denn bereits der Vater war Handelsmann. Mit 28 Jahren wagte Bernhard Hochherr den Schritt in die Selbstständigkeit, zog nach Massenbachhausen und eröffnete in der Sinsheimer Straße 18 und der Fürfelder Straße 39 seine ersten Produktionsstätten. "Die Zigarrenindustrie war aufstrebend, im ausgehenden 19. Jahrhundert hat die Zigarrenproduktion einen richtigen Boom erfahren", weiß Karl-Heinz Vetter.

Im Leintal wurden Tabakblätter gewickelt

In diesem Gebäude in der Sinsheimer Straße 18 eröffnete Bernhard Hochherr 1898 eine seiner ersten Zigarrenfabriken. Durch ihn fanden rund 100 Menschen am Ort Beschäftigung. Heute ist das Haus das Asylbewerberwohnheim.

Fotos: Gabi Muth

Eine Krankenkasse für die Mitarbeiter

1900 heiratete Hochherr seine Frau Maria, ein Jahr später kam Tochter Ilka zur Welt. Bereits 1905 beschäftigte der Geschäftsmann in Massenbachhausen 98 Männer und Frauen - und gründete eine Fabrikkrankenkasse, der alle Beschäftigten angehörten und aus der sie im Krankheitsfall einen Obolus erhielten.

Das Zigarrengeschäft florierte. Bald wurden auch in Fürfeld, in Rot, in Rettigheim, in Eichelberg und in Walldorf Tabakblätter gewickelt und in Heidelberg ein neuer Verwaltungssitz errichtet. Dabei war die Zigarrenherstellung eine kleine Kunst. Denn die auf große Ballen aufgerollten getrockneten Blätter mussten zunächst für einige Tage in die Anfeuchtkammer. Dort wurden sie weich und geschmeidig. Es folgte das Ausrippen, das ist das Schneiden der Blätter vom Stängel. Anschließend wurden sie walzenförmig aufgewickelt und in Formbrettern getrocknet.

Stumpen für die kleinen Leute

"Die Zigarre war teuer. Sie wurde von der Mittel- und der Oberschicht geraucht", erzählt Karl-Heinz Vetter. Für den kleinen Mann stellte Bernhard Hochherr deshalb aus den Resten der Tabakblätter den so genannten Stumpen her.

1908 zog er nach Heilbronn, 1909 wurde dort die zweite Tochter Hilda geboren. Im selben Jahr verstarb seine Frau Maria - für Hochherr ein schwerer Schicksalsschlag. Er nahm zur Unterstützung seine Brüder Simon und Ferdinand mit in die Geschäftsleitung, zog sich selbst aus dem Unternehmen zurück und gründete 1911 die "Bernhard Hochherr & Co. GmbH" in Walldorf.

Die Tochter des letzten jüdischen Lehrers in Massenbachhausen, Ida Reis, wurde Bernhard Hochherrs zweite Ehefrau. Aus dieser Beziehung stammt Tochter Grete. Sie emigrierte 1938 nach Port Elizabeth, ihre älteren Halbschwestern in die USA. Im Zuge der Arisierung enteigneten die Nationalsozialisten Bernhard Hochherr. Die Firma, seine Grundstücke und sein Vermögen fielen in die Hände des damaligen Regimes. Am 22. August 1942 wurde er in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo er am 31. August starb.

Nachfahren kommen zur Stolpersteinaktion

Die Geschichte des Unternehmers Bernhard Hochherr hat Karl-Heinz Vetter dazu bewogen, ihn und seine Tochter Grete für die Stolpersteinaktion in Heilbronn vorzuschlagen. Sein Anliegen hatte beim Runden Tisch Erfolg. Am Montag, 1. Juli, findet in der Käthchenstadt die Verlegung von insgesamt 17 Stolpersteinen durch den Künstler Gunter Demnig statt. Zwei davon sind Bernhard Hochherr und seiner Tochter Grete gewidmet.

Karl-Heinz Vetter ist es gelungen, 17 Nachfahren von Bernhard Hochherr ausfindig zu machen, die für dieses denkwürdige Ereignis aus den Niederlanden, aus Italien, Südafrika, Kanada und den USA anreisen. Am Sonntag, 30. Juni, besuchen die Gäste um 13 Uhr die beiden ehemaligen Fabrikstandorte in Massenbachhausen und verweilen bei Kaffee und Kuchen im örtlichen Firminushaus.

 


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