Historischer Mordfall: Belohnung nach 146 Jahren

Bönnigheim  Der Bürgermeister von Bönnigheim wird brutal ermordet. Der Attentäter flieht nach Amerika und wird dort zum Kriegshelden. Erst Jahrzehnte später gelingt es, die Tat aufzuklären. Wenn das kein Stoff für ein Buch ist.

Von Alexander Hettich
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Ann Marie Ackermann vor dem Bönnigheimer Kavaliersbau. Hier wurde Bürgermeister Johann Heinrich Rieber 1835 ermordet.

Foto: Alexander Hettich

Ann Marie Ackermann hat das Buch geschrieben. Kommende Woche fliegt die Bönnigheimerin in die USA, um den Nachfahren des Hinweisgebers die seinerzeit ausgeschriebene Belohnung zu überreichen: 200 Gulden.

Es ist ein freundlicher Platz vor der heutigen Bönnigheimer Vinothek. Die Sonne scheint, als Ann Marie Ackermann zu historischen Schauplätzen führt. "Hier war es", sagt sie, und bleibt neben der Tür zum Kavaliersbau stehen.

Johann Heinrich Rieber war fast zu Hause, als er am 23. Oktober 1835 hinterrücks von einer Schrotladung erwischt wurde. Bönnigheims Schultheiß lebte noch 36 Stunden, doch er war nicht zu retten. Er starb im Alter von 41 Jahren.

Der Attentäter flüchtete über Heilbronn und Amsterdam in die USA und starb in Mexico

Der Meuchelmörder: Gottlob Rueb aus Stetten. "Er hatte sich kurz zuvor beim Forstamt beworben", erzählt Ackermann. Die frühere US-Staatsanwältin, die seit langem mit ihrer Familie in Bönnigheim lebt, hat ein Buch über einen der spektakulärsten Mordfälle Württembergs geschrieben. Offenbar kreidete Rueb dem Schultes die Ablehnung seiner Bewerbung persönlich an. Das Todesurteil für Johann Heinrich Rieber.

Der Attentäter flüchtete nach Heilbronn, nahm ein Schiff nach Amsterdam und weiter in die USA. Dort schloss er sich den Truppen um den US-Bürgerkriegshelden Robert E. Lee an. Rueb starb 1847 bei der Belagerung Mexicos im Kanonendonner.

Das Attentat am Bönnigheimer Bürgermeister wurde 1872 aufgeklärt

In einem Brief, den Ann Marie Ackermann ausfindig gemacht hat, singt Robert E. Lee das hohe Heldenlied auf einen gefallenen Soldaten. "Einiges spricht dafür, dass es um Rueb geht", so die Autorin. Der Bönnigheimer Mörder - plötzlich ein Held.

Das Attentat am Bürgermeister wurde erst 1872 aufgeklärt. Bei einer Tischgesellschaft in Washington erzählte jemand Ruebs Geschichte, die dieser offenbar selbst gebeichtet hatte. Der ebenfalls aus Bönnigheim ausgewanderte Friedrich Rupp hörte genau zu, schrieb an die Heilbronner Staatsanwaltschaft. Diese kam zu dem Schluss: Alles passte. Fall abgeschlossen.

Nachfahren konnten die Geschichte erst nicht glauben

Für Ann Marie Ackermann gilt das noch lange nicht. Mithilfe einer Archivarin aus den USA hat sie Nachfahren des Hinweisgebers Friedrich Rupp ausfindig gemacht. "Als ich sie anrief, legten sie gleich wieder auf." Ihr Ur-ur-ur-Großvater hat einen alten Mord in Deutschland aufgeklärt? Klingt auch nicht sonderlich seriös.

Erst als Bönnigheims Bürgermeister Kornelius Bamberger einen US-Amtskollegen bat, bei den Rupp-Erben vorstellig zu werden, war der Kontakt hergestellt. Bamberger und Ackermann fliegen kommende Woche nach Maryland. Dort übergeben sie vier Nachfahren Rupps die Belohnung, die seinerzeit ausgelobt war. Aus 200 Gulden haben Stadt und Sponsoren 1000 Euro gemacht. Dann wäre auch diese Akte geschlossen.

"Bönnigheim ist Geburtsort der forensischen Ballistik"

Für die Bönnigheimer Buchautorin birgt der Fall aber weitere verblüffende Erkenntnisse. Wie sie herausfand, ließen die Ermittler seinerzeit alle vier Dutzend Bönnigheimer Gewehre einsammeln. Mit ihnen schossen sie auf Strohballen, verglichen die Kerben an den Projektilen mit den am Tatort gefundenen Kugeln. Keines der Schießeisen kam als Tatwaffe in Frage.

Die Ermittlungstechnik gab es damals eigentlich noch gar nicht. "Bönnigheim ist Geburtsort der forensischen Ballistik", ist Ackermann überzeugt. Wenn das stimmt, haben die Ermittler zwar den Mörder nicht gefunden, aber eine Entdeckung gemacht, die Kriminalgeschichte schrieb.

 

Deutsche Übersetzung des Buchs ist geplant

Die Bönnigheimerin Ann Marie Ackermann war früher Staatsanwältin in Seattle an der US-Westküste. Das Interesse an Kriminalfällen hat sie sich bewahrt. Über den Mord am Bönnigheimer Bürgermeister im Jahr 1835 hat sie ein Buch geschrieben.

„Death of an Assassin: The True Story of the German Murderer Who Died Defending Robert E. Lee“ ist der Titel des Werks (ISBN 978-1-60635-304-2), das in englischer Sprache erschienen ist. Die Autorin plant aber eine deutsche Ausgabe und steht im Kontakt mit Verlagen. Beim Independent Publishers Book Award in den USA hat das Buch einen Preis bekommen. Ackermann holt ihn demnächst in New York ab.

 


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