Historiker und Archäologe mit Leib und Seele

Güglingen  Enrico De Gennaro leitet seit elf Jahren das Römermuseum in Güglingen, das er zwei Jahre lang aufgebaut hat. Der 45-Jährige ist Historiker und Archäologe mit Leib und Seele. Begonnen hat alles in Rom im zarten Alter von fünf Jahren.

Von Wolfgang Müller
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Der Leiter des Römermuseum in Güglingen ist Historiker und Archäologe mit Leib und Seele. Der Befund ist ihm stets wichtiger als der Fund.
Enrico De Gennaro ist Historiker und Archäologe aus Leidenschaft. Vor rund 13 Jahren hat der 45-Jährige das Römermuseum in Güglingen aufgebaut, das er seit 2008 leitet. Foto: Wolfgang Müller

Seine größte Leidenschaft gehört den längst vergangenen Tagen, und sie brennt für alle Zeitalter und sämtliche Epochen. Seine Profession: Geschichte und Archäologie. Enrico De Gennaro ist Historiker durch und durch. Der 45-Jährige leitet das Römermuseum in Güglingen. Vor 13 Jahren hat der gebürtige Cannstatter mit deutsch-italienischen Wurzeln die Einrichtung im Zabergäu aufgebaut. Im April 2008 wurde das Museum eröffnet. "Das ist bisher meine längste Station", sagt De Gennaro, der sich bereits als Schüler einen Namen in der Archäologenszene gemacht hat.

Fasziniert von den Ruinen in Rom

Wie alles bei ihm angefangen hat, weiß der Museumsleiter noch ganz genau. Als Fünfjähriger war er mit seiner Familie in Rom. "Das Forum Romanum mit seinen ganzen Ruinen war damals noch nicht von Touristen überlaufen", sagt er. Fasziniert von den Bauwerken und der Atmosphäre habe er sich als kleiner Junge gefragt, wo denn die ganzen Menschen geblieben sind, die hier gelebt haben. "Das war ein Schlüsselerlebnis", sagt De Gennaro im Rückblick. Denn in der Folge beschäftigte er sich bereits als Kind mit Fachliteratur und profunden Überblickswerken. "Interaktive und kindgerechte Darstellungen wie heute, gab es ja damals noch nicht."

Mit zwölf Jahren fing Enrico De Gennaro mit Ausgrabungen an

Mit zwölf Jahren begann De Gennaro, der in Gerlingen aufgewachsen ist, mit seinen ersten Ausgrabungen. Zusammen mit einem ehrenamtlichen Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalschutz. "Hektarweise haben wir Flächen umgegraben. Hier verbrachte ich mehr Zeit als in der Schule", sagt der Historiker mit einem Augenzwinkern. Sein Interesse reichte schon damals von der Steinzeit bis in die Neuzeit. Einen seiner spektakulärsten Funde machte er 1989, als er im Keller eines abgebrannten Fachwerkhauses den zweitgrößten Nahrungsmittelfund der Frühgeschichte in Süddeutschland machte. "Ich erinnere mich genau. Es war kalt. Der Boden war gefroren. Aber wenn man die obere Schicht abgetragen hat, ging es ganz gut."

Mosaik zusammentragen

Dabei seien es nicht die spektakulären Funde, die ihn reizen. "Es geht nicht um Funde, sondern um Befunde." Schichten mühsam abtragen und die Kleinigkeiten wie ein Mosaik zu einem Ganzen zusammentragen. Das ist es, was ihn antreibt. "Natürlich muss sich nicht jeder so in die Materie hineinsteigern, dass er sich über ein historisches Pfostenloch freut", sagt der Archäologe und lacht.

Auch seinen 15-monatigen Zivildienst konnte De Gennaro in seinem Metier ableisten. Es gab 1995 eine einzige Stelle in Baden-Württemberg, die mit Archäologie verbunden war: Ein Jugendarbeitsprojekt für auffällig gewordene junge Erwachsene beim Caritasverband Stuttgart.

Zuvor leitete er das Museum für Vor- und Frühgeschichte in Leonberg. Bei Höfingen fand er bei seinen Grabungen ein vollständig erhaltenes Skelett eines zehn bis 15 Jahre alten Kindes aus dem vierten Jahrtausend vor Christus. "Höfi", wurde es damals genannt. "In Anlehnung an Ötzi", sagt De Gennaro und schmunzelt.

Studium in Tübingen absolviert

Studiert hat De Gennaro an der Universität Ur- und Frühgeschichte. Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit sowie empirische Kulturwissenschaften, Anthropologie und Humangenetik. Nebenher hat er als Halbtagskraft beim Landesdenkmalamt gearbeitet und dabei unter anderem Datenbanken für Archäologie gepflegt und Luftbilder ausgewertet. In der Zeit verschlug es ihn auch nach London und Paris, wo er die notwendigen Unterlagen einreichte, damit der Limes Weltkulturerbe der UNESCO wird. Darüber hinaus leitete er verschiedene Ausstellungen beim Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg. "Das waren damals 18-Stunden-Tage", erinnert sich der Historiker. "Aber wir hatten große Publikumserfolge."

Nach seinem Magisterabschluss 2003 verließ De Gennaro die Universität. Das Selbstverständnis dort sei, dass man keine Arbeiter, sondern Wissenschaftler ausbilde. Das passt so gar nicht in sein eigenes Selbstverständnis. "Das war sehr abschätzig gegenüber denjenigen, die die Feldarbeit leisten."

Große Römerausstellung in Stuttgart

Es folgten eine große Römerausstellung in Stuttgart. Und schließlich verschlug es ihn nach Güglingen. "Der große Reiz hier ist es, alle kreativen Prozesse von Anfang bis zum Ende in der Hand zu haben. Von der Anfangsrecherche bis zur Publikation." Auch wenn er weiß, dass es Kultur in der Provinz schwer hat.

 


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