Warum sind die Corona-Zahlen in Heilbronn so hoch?

Heilbronn  Heilbronn steht in Baden-Württemberg an der Spitze einer unrühmlichen Statistik, der Inzidenzwert liegt wieder bei fast 200. Was sagt die Stadtverwaltung? Welche Erklärungsversuche sind im Umlauf, und wie plausibel sind sie? Die wichtigsten Fragen und Fakten.

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Wie entwickeln sich die Zahlen?

Der Stadtkreis Heilbronn hatte zuletzt mit fast 200 Neuinfizierten je 100.000 Einwohner binnen einer Woche den höchsten Wert aller Stadt- und Landkreise im Land. In Heilbronn lag dieser Wert auch schon jenseits der 300, sank zwischenzeitlich, ist aber entgegen dem Landestrend wieder angestiegen. 

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Wie erklärt sich die Stadt diese Entwicklung?

Zwei Punkte stellte OB Harry Mergel bei einer kurzfristig angesetzten Presskonferenz am Montag in den Mittelpunkt: Die Stadt teste intensiver und umfangreicher, als das anderen Gesundheitsämtern möglich sei. Und: Zuletzt sind die Infektionszahlen in Alten- und Pflegeheimen wieder angestiegen. Abgesehen davon gebe es keine Hotspots in der Stadt, keine Häufung von Infektionen sondern eine gleichmäßige Verteilung. Ein Drittel der Infizierten hat sich laut Gesundheitsamt im privaten Umfeld angesteckt. Auf Kontakte am Arbeitsplatz sind rund sechs Prozent der positiven Fälle zurückzuführen. 

Wie ernst ist die Situation?

„Wir haben die Lage voll im Griff“, sagt Harry Mergel. Der OB geht davon aus, dass sich in den nächsten Tagen eine Verbesserung abzeichnen wird. Er verweist darauf, dass die Zahl der Corona-Intensivpatienten in den SLK-Kliniken sinkt und dass die Inzidenz nicht die einzige relevante Größe sei. Bei der Sterberate der übermittelten Fälle liegt Heilbronn landesweit im Mittelfeld. Hier verstarben 1,8 Prozent der Menschen mit Corona-Positivtest, in Tübingen waren es 2,5 Prozent, in Stuttgart 1,4 Prozent.  

Was hat es mit der Teststrategie auf sich? Wird in Heilbronn wirklich intensiver getestet?    

Heilbronn betont stets, es habe das Privileg eines eigenen Gesundheitsamts. Das ist tatsächlich in vergleichbaren Städten wie Pforzheim und Ulm nicht der Fall, dort ist die Behörde immer auch für den umgebenden Landkreis zuständig.  Heilbronn schickt auch Kontaktpersonen zum Test, die keine Symptome haben. „Laut RKI ist das eine Einzelfallentscheidung“, sagt Peter Liebert, Leiter des städtischen Gesundheitsamts. Alle Kontaktpersonen systematisch testen zu lassen, sei wohl eine Strategie, die Heilbronn exklusiv hat. 

Wie plausibel ist die Aussage, dass vor allem mehr Tests mehr Inzidenz bringen?

Das ist zunächst logisch. Bei mehr Tests werden mehr positive Fälle aufgespürt. „Die Dunkelziffer ist in Heilbronn gering“, vermutet OB Harry Mergel. Allerdings wird die Zahl der Tests nicht erfasst. Es gibt also keinen Beleg dafür, dass Heilbronn mehr testen lässt als andere. Und: es handelt sich nicht um eine Anordnung der Behörden an Kontaktpersonen, sich Tests zu unterziehen, sondern um eine dringende Empfehlung. Die spricht auch das Gesundheitsamt des Landkreises aus. Im Unterschied zur Stadt vereinbart der Landkreis jedoch keine Termine, hier muss sich jeder selbst um den Test kümmern. In der Stadt werde der Termin "in der Regel wahrgenommen", sagt Gesundheitsamtschef Liebert. Für den Landkreis gibt es keine Vergleichszahlen, weil es bei negativem Testergebnis keine Rückmeldung gibt. In einigen Fällen wird der Test allerdings angeordnet, das praktizieren beide Gesundheitsämter bei Bedarf.  

Heilbronn ist ein eigener Stadtkreis mit relativ wenigen Einwohnern. Das treibt die Inzidenzen. Stimmt das?

Würden Heilbronn und der Landkreis als eine statistische Einheit erfasst, wie es etwa bei Stadt und Landkreis Ludwigsburg der Fall ist, wären die Zahlen niedriger. Stadt- und Landkreis Heilbronn wären am Sonntag zusammen auf eine Inzidenz von 112,3 gekommen. Das ist immer noch sehr hoch, aber kein landesweiter Spitzenwert mehr.

Auch im Landkreis stiegen die Zahlen zuletzt, sind die Gründe dafür ähnlich wie in der Stadt?

Im Landkreis gab es unter anderem größere Ausbruchsgeschehen bei Firmen. In einem Fall wurden 15 Mitarbeiter aus einem gemeinsamen Großraumbüro positiv getestet. In der Stadt spielen Firmen keine Rolle, heißt es im Rathaus. Außerdem machen sich  Ausbrüche in einzelnen Pflegeheimen bemerkbar, heißt es im Landratsamt Heilbronn. Auch in der Stadt gibt es in fünf von 15 Einrichtungen Corona-Fälle. Darüber hinaus sind inzwischen fünf Virusmutationen im Landkreis nachgewiesen. Auch aus dem Stadtgebiet wurden Proben zur Sequenzierung ins Landesgesundheitsamt nach Stuttgart geschickt, eine Mutante ist jedoch noch nicht nachgewiesen. Einige Ergebnisse stehen noch aus.

Treten gehäuft Verstöße gegen Corona-Maßnahmen auf?

Von so genannten Corona-Partys hat die Polizei keine Kenntnis, sagt Gerald Olma, Sprecher des Heilbronner Präsidiums. „Das haben wir tatsächlich nicht.“ Im Januar stellten die Beamten in der Stadt Heilbronn 719 Verstöße gegen die Corona-Verordnung fest, 440 waren im Landkreis. 

Welche Auffälligkeiten gab es bei den jüngsten Neuinfektionen?

Nach Angaben der Stadt gibt es keine lokalen Häufungen, wenngleich die äußeren Stadtteile etwas geringer betroffen seien als das Zentrum. Unter Zehnjährige und Menschen zwischen 60 und 80 waren in der vergangenen Woche unterdurchschnittlich betroffen. Dafür gab es mehr Fälle in Senioren- und Pflegeeinrichtungen. In fünf der 15 Heime sind demnach Fälle aufgetreten, 33 Bewohner und elf Mitarbeiter sind betroffen. 

Wie geht es mit dem Impfen in Pflegeheimen voran?

Laut Sozialbürgermeisterin Agnes Christner waren mobile Impfteams in zwölf der 15 Heime. Bis Mitte Februar soll in allen Heimen jeder der Bewohner die erste und zweite Impfung erhalten haben. 

Ist Heilbronn zu lasch bei den Maßnahmen?

Die Stadt hat immer die Linie vertreten, dass Regeln landeseinheitlich sein müssen und ist nie vorgeprescht. Die Corona-Verordnung gilt seit Wochen landesweit. Unterschiede im Infektionsgeschehen lassen sich damit nicht erklären. 

Trotzdem schärft die Stadt jetzt in Eigenregie nach. Was ist neu? 

Die Maskenpflicht wird in Grundschulen und Kitas sowie für Begleitpersonen auf Spielplätzen verschärft.  Außerdem muss auch in Warteschlagen und in der Fußgängerzone Maske getragen werden. Es gilt eine Alkoholverbot im öffentlichen Raum. Die Allgemeinverfügung tritt am 2. Februar in Kraft. 

Kinder sind derzeit nur im Rahmen der Notbetreuung in Kitas und Grundschule. Spielt das für die Infektionen eine Rolle?

Laut Stadt gibt es in drei von rund 100 Einrichtungen vereinzelte Fälle. Ende Januar wurden in den Kitas 1467 Kinder in 227 Gruppen betreut, eine Auslastung von knapp unter 30 Prozent. 288 Grundschüler sowie 312 Schüler der Klassen 5 bis 7 sind in der Notbetreuung, das entspreche einer Auslastung von rund acht Prozent. 

Spielen soziale und demografische Faktoren eine Rolle? 

OB Mergel erklärt, man könne die Infektionen nicht auf die Bevölkerungsstruktur zurückführen. Trotzdem wird immer wieder spekuliert, der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund könnte etwas mit dem Infektionsgeschehen zu tun haben. In Heilbronn liegt dieser Anteil mit 54 Prozent (Deutsche mit Zuwanderungsgeschichte und Menschen ohne deutschen Pass)  höher als im vergleichbar großen, aber weniger von Corona betroffenen Ulm. Dort sind es 42 Prozent. Heilbronn hat mit 26,3 Prozent nach Pforzheim im Land den höchsten Anteil an Einwohnern ohne deutschen Pass. Dass es einen Zusammenhang gibt, ist nicht zu belegen, darauf weisen Statistiker ausdrücklich hin. OB Mergel betont, alle Veröffentlichungen werden in zwölf Sprachen übersetzt und digital verbreitet. Stefan Schneider, Chef der regionalen Caritas und derzeit Vorsitzender der Liga der Freien Wohlfahrtsverbände im Stadt- und Landkreis Heilbronn, sagt, aus seiner Beobachtung seien  Menschen mit Migrationshintergrund informiert und diszipliniert. Insgesamt gebe es für eine Häufung von Infektionsfällen bei sozial schwachen Familien keinen Anhaltspunkt, so Schneider. Höhere Fallzahlen gibt es laut Aufbaugilde auch nicht bei den Klienten der Wohnungslosen- oder der Suchtkrankenhilfe.

Welche sonstigen Erklärungsansätze gibt es? 

Statistiker sind sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, von soziodemografischen Daten auf die Corona-Inzidenz zu schließen.  Selbst wenn es eine Korrelation, also einen statistischen Zusammenhang gibt, heißt das nicht, dass Aspekte ursächlich zusammenhängen. Ulm und Heilbronn sind in etwa gleich groß, in Ulm lag die Inzidenz deutlich niedriger. Trotzdem sind sich die Städte in vielen Punkten ähnlich. In beiden liegt der Anteil der Dienstleistungsjobs, die vielleicht eher Homeoffice möglich machen als Industriearbeitsplätze, bei etwa 80 Prozent.  Fast exakt gleich ist der Anteil größerer Mehrfamilienhäuser an der Wohnbebauung (30 Prozent) oder die Zahl der Menschen je Wohnung (etwa 2,1). Es gibt also keinen Hinweis, dass beengte Wohnverhältnisse ein Pandemietreiber sein könnten. In Ulm gibt es, ohne Berücksichtigung der Corona-Delle, mit rund 42.000 mehr tägliche Berufspendler als Menschen, die nach oder aus Heilbronn pendeln – das sind ungefähr 36.000.

Sind ärmere Menschen oder weniger Gebildete anfälliger für Corona?

„Sozioökonomische Ungleichheit und Covid-19 –Corona“: Unter diesem Titel stellt das Robert-Koch-Institut auf seiner Homepage eine Vielzahl von Studien zusammen. Sie befassen sich mit der Frage, ob Armut oder Bildungsstand eine Auswirkung darauf haben, ob Menschen sich eher mit Corona infizieren oder an Covid-19 sterben, wenn sie ärmer oder weniger gebildet sind. Die Ergebnisse sind teils widersprüchlich. In den USA gibt es Studien, die darauf hinweisen, dass die Inzidenz bei Menschen mit höherem Einkommen höher ist, bei anderen ist es umgekehrt. Dasselbe gilt für den Bildungsstand. Regionaldaten über den Bildungsstand der Menschen in baden-württembergischen Kommunen gibt es beim Statistischen Landesamt nicht. 

Spielen politische Faktoren eine Rolle?

Hier gilt dasselbe wie bei soziodemografischen Faktoren: Die Datenlage ist dünn, es gibt keine umfassenden Studien, Inzidenzen ändern sich rasch. Das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) Jena hat eine Kurzauswertung vorgenommen und kommt zu dem Schluss: In Kreisen mit höheren Corona-Inzidenzen hat die die AfD häufig höhere Stimmenanteile bei der Bundestagswahl 2017 erreicht. Im Raum Heilbronn war die AfD bei den jüngsten Wahlen relativ stark. Manche Soziologen erklären sich das damit, AfD-Wähler seien mehrheitlich gegen die Corona-Schutzmaßnahmen. Letztlich sind das nur Thesen, und die Forscher sagen, was sie in solchen frühen Phasen immer sagen: Das müsse genauer geprüft werden.


Hettich

Alexander Hettich

Stellvertretender Leiter der Regionalredaktion

Alexander Hettich ist stellvertretender Leiter der Regionalredaktion. Er arbeitet seit 2003 bei der Heilbronner Stimme, berichtet über Verkehrsthemen, über Kommunalpolitik und Heilbronn.

Tanja Ochs

Tanja Ochs

Stellvertretende Chefredakteurin

Tanja Ochs arbeitet seit 2000 bei der Heilbronner Stimme, war lange Lokalredakteurin und verantwortlich für den Bereich Bildung. Sie ist Regionalchefin und stellvertretende Chefredakteurin sowie Vorsitzende der Sozialaktion „Menschen in Not“.

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