Steinmeier ehrt Jüdin mit Heilbronner Wurzeln mit Orden

Heilbronn  Bundesverdienstkreuz für Anita Winter, die sich mit ihrer Schweizer Stiftung um Holocaust-Überlebende kümmert. Ihre Vorfahren lebten in Heilbronn. Der Großvater war Gründer der orthodoxen jüdischen Gemeinde. Der Vater wurde von Nazis drangsaliert.

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Ordensträgerin Anita Winter (Bildmitte) mit Ehemann Herbert Winter (von links), Tochter Alisa Winter sowie dem deutschen Botschafter in der Schweiz Michael Flügger und dem Gesandten Fried Nielsen in Bern.

Foto: Auswärtiges Amt Berlin

Anita Winters familiäre Wurzeln reichen nach Heilbronn. Vater Walter Strauss (1922-2019) wuchs in einem prachtvollen Bürgerhaus an der Ecke Allee/Kilianstraße auf, direkt gegenüber der Synagoge. Über Berlin, wo er die Pogromnacht 1938 erlebte, entkam er durch die Flucht in die Schweiz dem Holocaust nur knapp. Die Heilbronner Stimme berichtete darüber auf einer Blickpunktseite am 12. August 2020.

Ihre Mutter Margit, geborene Fern, überlebte den Nazi-Terror in Frankreich, wo sie Unterschlupf in einem Kloster und bei Bauern fand. Ihr Großvater Dr. Moses Strauss (1887-1981) war der letzte Vorsteher der orthodoxen jüdischen Gemeinde von Heilbronn. Der andere, Jakob Fern, war nach dem Krieg Mitbegründer der Stuttgarter Synagoge, aus der die neue jüdische Gemeinde Heilbronn erwuchs. Fern engagierte sich stark für den interreligiösen Dialog und wurde dafür 1985 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Nun wurde diese Ehre der Enkelin zuteil: Anita Winter.

Ordensverleihung in der Botschaft in Bern

Der Orden wurde ihr dieser Tage in Bern/Schweiz vom deutschen Botschafter Michael Flügger überreicht; im Namen des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier.

Als Tochter und Enkelin von Holocaust-Flüchtlingen begreift es Anita Winter als ihre Lebensaufgabe, das Andenken der verfolgten Juden wach zu halten. So engagiert sie sich seit Jahren ehrenamtlich in der Holocaust-Bildungsarbeit und gründete 2014 die Gamaraal Foundation, deren Vorsitzende sie ist. Ein großes Projekt der Stiftung ist die Dokumentation "The Last Swiss Holocaust Survivors" mit berührenden filmischen Aufnahmen, Texten und Fotos von KZ-Überlebenden. Die Ausstellung ging um die Welt: von Berlin, New York, Singapur, Mailand, Haifa bis Schanghai. Gerne würde sie das Projekt in Heilbronn zeigen, sagte Anita Winter der Heilbronner Stimme, sie stehe dazu im Kontakt mit Oberbürgermeister Harry Mergel und dem Stadtarchiv.

Darüber hinaus ist Anita Winter seit Jahrzehnten in zahlreichen Organisationen ehrenamtlich engagiert: als Vizepräsidentin des Vereins Yad Vashem Schweiz und Hauptvertreterin des Coordinating Board of Jewish Organisations und Vertreterin von B"nai B"rith International am Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen in Genf. Zuletzt richtete sie eine 24-Stunden-Hotline zu Corona-Fragen für Ältere ein.

Gegen das Vergessen

Als Schweizer und deutsche Staatsbürgerin freue sie sich über die Auszeichnung sehr: weil sie "viel über das Deutschland von heute" aussage, einem Land, das sich mit der eigenen Geschichte auseinandersetze, das sich seiner Verantwortung gewahr sei. In ihren Dankesworten zitierte Anita Winter den Bundespräsidenten: "Wir wollen nicht vergessen, was geschehen ist, und wir werden nicht vergessen, was geschehen kann." Deshalb, so Winter, sei es "unsere Verantwortung, unsere Demokratie und unseren Rechtsstaat mit allen Mitteln" gegen "Strömungen, die nicht den Frieden suchen", zu verteidigen.

 


Kilian Krauth

Kilian Krauth

Autor

Kilian Krauth kümmert sich um die Heilbronner Kommunalpolitik, um historische und kirchliche Themen sowie um den Weinbau der Region und weit darüber hinaus.

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