Stadt Heilbronn ehrt fast vergessenen Rabbiner

Heilbronn  Der Heilbronner Uhland-Platz zwischen Sparkasse und Stimme-Gebäude soll in Max-Beermann-Platz umbenannt werden. Anlass gibt das Jubiläum "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland". Am Donnerstag berät der Gemeinderat darüber.

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Erst vor wenigen Jahren wurde der kleine Platz zwischen Sparkasse (rechts) und Stimme-Gebäude umgestaltet. Jetzt bekommt er einen neuen Namen.

Foto: Archiv/ Veigel

Dass Straßen oder Schulen umbenannt werden, ist nicht ungewöhnlich. Hintergrund ist meist die im Nachhinein als unrühmlich erkannte Vergangenheit der Namensgeber. So nimmt es nicht Wunder, dass sich manche fragen, was denn Ludwig Uhland angestellt hat, dass man ihm die Namensrechte für den Uhlandplatz entziehen will.

Nun, im vorliegenden Fall verhält es sich etwas anders. Uhland (1787-1862) muss verzichten, damit ein anderer, fast Vergessener zu Ehren kommt: Max Beermann (1873-1935). Der Rabbiner war ein deutschlandweit geschätzter jüdischer Theologe, Philosoph, Literaturkenner und Menschenfreund, der das kulturelle Leben in Heilbronn 1915 bis 1935 stark mitgestaltet hat. Zudem trat er den Nazis mutig entgegen.

Es gibt noch eine Uhlandstraße

Die Stadt will ihn dafür im Nachhinein ehren und schlägt dem Gemeinderat in der nächsten Donnerstagssitzung vor, den Uhland-Platz in Max-Beermann-Platz umzubenennen. Schließlich gebe es gleich um die Ecke ja noch die Uhlandstraße, so dass Uhland weiterhin im kollektiven Bewusstsein bleibe, heißt es.

Anlass zu der Umbenennung gibt das Jubiläum "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland", zu dem bundesweit zahlreiche Veranstaltungen und Aktionen geplant sind, auch in Heilbronn. Als weiteres Argument nennt das Rathaus die unmittelbare Nähe des Platzes zum Synagogenweg und damit zum Standort der ehemaligen Synagoge, die in der Pogromnacht 1938 zerstört worden war. Außerdem befand sich auf dem Sparkassen-Areal der "Adlerkeller" mit Versammlungsräumen der jüdischen Gemeinde. So könnte der Platz künftig als Gedenkort für die Pogromnacht dienen, in Verbindung mit einem "symbolischen Gedenkweg" entlang der ehemaligen Synagoge zum Gedenkstein an der Allee.

Pfarrer Spengler hat Beermann neu entdeckt

Stadt Heilbronn ehrt fast vergessenen Rabbiner

Max Beermann (1873-1935) war ein deutschlandweit geschätzter Rabbiner.

Die vom Stadtarchiv unterstützte und vom zuständigen Vermessungs- und Katasteramt begrüßte Umbenennung geht auf eine Anregung des Freundeskreises Synagoge zurück. Dessen Vorsitzender Günter Spengler hatte Beermanns Werk und Wirken 2016 erstmals umfassend beleuchtet. Sein hoher intellektueller Anspruch sei typisch für das damalige weltoffene deutsche Judentum gewesen, das sich in der bewegten Weimarer Republik gerne in den gesellschaftspolitischen Diskurs einmischte und sich der "deutschen Kultur" eng verbunden fühlte.

Menschenfreund und Nazi-Feind

Als "Berufsanfänger" in Insterburg heiratete der gebürtige Berliner Recha Goldschmidt und brachte mit ihr zwei Töchter zur Welt: Ruth und Elisabeth; eine der beiden hat später dem Stadtarchiv drei Bücher mit handschriftlichen Anmerkungen ihres Vaters vermacht. Über den klassischen Rabbinerdienst in der neo-orientalisch gestalteten Synagoge an der Allee füllte der Universalgelehrte Beermann mit seinen spannenden Vorträgen regelmäßig VHS-Säle, ja sogar die Festhalle Harmonie. Am Friedensplatz sprach er zur Enthüllung des heute noch stehenden Denkmals für Soldaten des Ersten Weltkriegs.

Stadt Heilbronn ehrt fast vergessenen Rabbiner

Ludwig Uhland (1787-1862) war Dichter, Jurist, Politiker.

Fotos: Stadtarchiv Heilbronn

Im Hause Beermann an der Schillerstraße 50 ging das Bildungsbürgertum ein und aus, darunter der Chefredakteur der "Neckar-Zeitung", Theodor Heuss, Bankier und Anwalt Siegfried Gumbel und Gemeinderat Max Rosengart.

Rückgrat und Mut bewies Beermann gegen Anti-Judaismus und gegen Nazis. Er stellte, so zeigt Spengler, einen "völkerverbindenden Universalismus" gegen den Kampf um Vorherrschaft. Die Humanität als Grundlage der Sittlichkeit gegen das Recht der Stärkeren. Den "göttlichen Ursprung jedes Menschen" gegen die Dominanz einer "Herrenrasse". Das biblische Liebesgebot und die Sozialgesetzgebung zugunsten Schwächerer gegen das "Naturgesetz" vom Sieg der Starken. Die viel gerühmte Kraft seiner Rede konnte aber, "gegen den Kulturabbruch durch die Nazis nichts ausrichten", bedauert Spengler. Viele Gedanken des 1935 "an gebrochenem Herzen" gestorbenen Rabbiners seien erst später auf fruchtbaren Boden gefallen, - andere warten immer noch darauf.

Unterland-Freund Uhland geht nicht unter

Den nach ihm benannten Platz zwischen Sparkasse und Stimme-Gebäude muss er gleichsam räumen, aber südlich davon gibt es nach wie vor die Uhlandstraße, die ihn im öffentlichen Bewusstsein hält: Der in Tübingen geborene Dichter Ludwig Uhland (1787- 1862) zählt zu den schwäbischen Romantikern, er war aber auch Literaturwissenschaftler, Jurist, Politiker und als solcher Abgeordneter im ersten gesamtdeutschen Parlament, der Frankfurter Nationalversammlung.

Heilbronn und dem Unterland fühlte er sich durch Freunde stark verbunden. 1811 schrieb er nach einem Spaziergang sogar das Gedicht "Der Köpfer": "Du dunkles Thal, fern abgelegen, wo kühle Bäche niedergehn, hier junge Stämme sich bewegen, dort alte Rieseneichen stehn!" So lautet die erste des auf vier Strophen ausgelegten Textes. Außerdem ist einer der schönsten Aussichtplätze auf Heilbronn – gelegen zwischen Gaffenberg und Köpfertal – nach ihm genannt: die Uhlandlinde. 

 

Kilian Krauth

Kilian Krauth

Autor

Kilian Krauth kümmert sich um die Heilbronner Kommunalpolitik, um historische und kirchliche Themen sowie um den Weinbau der Region und weit darüber hinaus.

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