Selbsthilfegruppen in der Region sind selbst in Not

Region  Treffen von Selbsthilfegruppen liegen derzeit auf Eis. Ein großes Problem, denn die Mitglieder vermissen den geschützten Raum des Austauschs, der sie stützt. Bei Suchtkranken zeigen sich gar mehr Rückfälle.

Email

Gemeinsam stark sein: Das ist derzeit für Selbsthilfegruppen schwer, auch wenn sie sich treffen dürfen. Es hakt an den Räumen.

Foto: fotomek/stock.adobe.com

Die Selbsthilfegruppen in der Region sind selbst in Not. Coronabedingt können sie sich nicht treffen, etwa, weil die Räumlichkeiten zu klein sind, der Vermieter sie wegen der Pandemie nicht mehr zur Verfügung stellt, oder weil die Mitglieder selbst zur Risikogruppe zählen.

Der Austausch ist eine Stütze im Alltag

Wie wichtig die Arbeit der Selbsthilfegruppen ist, macht Manfred Geiger klar. Er ist zweiter Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Selbsthilfegruppen für Suchtkranke Region Heilbronn/Franken. "20 bis 25 Prozent derjenigen, die trocken sind, sind das überhaupt nur durch die Hilfe der Gruppe. Ohne Therapie."

Austausch, Zusammengehörigkeitsgefühl, die Möglichkeit, Freunde kennenzulernen sowie selbst zum Helfenden zu werden, sei eine große Stütze im Alltag. Dass diese derzeit häufig wegbricht, trifft viele hart. "In den vergangenen Wochen haben wir eine Häufung von Rückfällen erlebt," sagt Geiger. Einsamkeit sei ein großes Problem, fehlende Sozialkontakte. "Am dringendsten ist die Begegnung."

Die Sorge ist da, dass manche Gruppe ausblutet

Ob Online-Treffen ein Ersatz sind? Ulrich Greiner vom Selbsthilfebüro Heilbronn, das sich um die rund 200 Gruppen im Stadt- und Landkreis Heilbronn kümmert, hatte dazu im Juli eine Schulung angeboten. Die Resonanz war verhalten. Aber: "Wir werden das wieder und wieder machen." Auch aus Sorge, dass manche Gruppe in den langen Corona-Monaten ausblutet.

Leuchtende Vorbilder beim virtuell Kontakt halten seien die "Jungen Erwachsenen mit Depressionen". Alexander, 32 Jahre, relativiert: "Wir haben im April zwar einen Chatserver eingerichtet, aber die Telefon- oder Videokonferenzen wurden nicht genutzt." Die Empathie, das Intime gehe verloren.

Die Leute schicken ein Emoji, um zu zeigen, ob sie kommen

Die Gruppe hat es geschafft, dass trotzdem einmal die Woche Treffen stattfinden können - weil das Soziale Zentrum Käthe in der Wollhausstraße, selbst in der Corona-Zeit geschlossen, die Räumlichkeiten zur Verfügung stellt. "Wir haben Superglück." Im Vorfeld wird per Whatsapp abgefragt, wer kommt. "Die Leute schicken ein Emoji, Daumen hoch, Daumen runter, wer zuerst zusagt, kriegt den Platz", erklärt Alexander. Der geschützte Raum, in dem die Mitglieder auch sein könnten, wenn sie einen schlechten Tag haben, ohne sich wie in der Außenwelt verstellen zu müssen, die Wertschätzung, Menschen zu treffen, die ihnen zuhörten, "das trägt einen".

Bei der Suche nach Räumlichkeiten scheitern derzeit viele. Zwar hätten sich im Sommer auch einmal Gleichgesinnte zum Spazieren getroffen. "Aber wir reden über Menschen, die ihr Innerstes nach Außen kehren", sagt Greiner. "Die wollen sich nicht mit GPS draußen verabreden und sich anschreien, weil sie zwei Meter Abstand halten." Schulen böten eine gute Ausweichmöglichkeit, sind aber derzeit tabu, "wir telefonieren uns die Finger wund."

Neue Selbsthilfegruppen haben es schwer

Auch Elisabeth Staas, Vorsitzende der Diabetiker-Vereinigung Stadt- und Landkreis Heilbronn, hatte im Sommer erfahren, dass das seither genutzte Mehrgenerationenhaus in Heilbronn für die Gruppe nicht zur Verfügung steht. "Nach den Ferien hab ich nochmal gefragt, aber da gingen die Zahlen wieder hoch." Also liegen die Treffen auf Eis. Sie hofft: "Wir sind gut zusammengewachsen. Wer nach der Pandemie kann, der kommt."

Wie Annette Hotzy gehört sie als Diabetikerin zur Risikogruppe. Auch Hotzy, die eine Diabetes-Selbsthilfe in Bad Rappenau gründen wollte, stellte fest: Es hakt schon beim Raum. Den zugesagten bekommt sie derzeit nicht. "Unser erster Termin war im Februar, der zweite nicht mehr möglich." Die Plakate, die sie drucken ließ, liegen noch daheim. "Das ist total frustrierend." Aufgeben kommt nicht in Frage. Im kommenden Jahr will sie einen neuen Anlauf starten.


Petra Müller-Kromer

Petra Müller-Kromer

Autorin

Petra Müller-Kromer ist seit 1999 Redakteurin bei der Heilbronner Stimme. Im Stadtkreis-Ressort liegt ihr Schwerpunkt unter anderem auf sozialen Themen.

Kommentar hinzufügen