Mit Sandstrahl und Sozialprojekten im Kampf gegen Graffitis

Heilbronn  Tausende Graffitis verunstalten Jahr für Jahr große Städte, aber auch kleinere Kommunen. Die Hinterlassenschaften sollen möglichst schnell verschwinden. Dabei gibt es unterschiedliche Ansätze. Manchmal werden auch die Täter zum Saubermachen verdonnert - so wie in Heilbronn.

Von Marco Krefting, dpa
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Für die Geschädigten ist die Reinigung der beschmutzen Wände kostenlos.

Fotos: privat

Es rauscht und zischt und wirkt ein bisschen wie bei einer professionellen Zahnreinigung - nur in XXL. Statt Zähne werden an diesem Morgen allerdings eine Hauswand und eine Mauer in Heilbronn gesäubert. Ein kräftiger Sandstrahl entfernt die unschönen Graffitis, die Unbekannte hier hinterlassen haben. Eine Frau kommt vorbei und lobt: „Das ist wirklich gut, dass Sie das wegmachen.“

Die Maschine bedient ein 21-Jähriger, der auf diese Weise Sozialstunden ableistet. 20 davon habe er aufgebrummt bekommen, berichtet der Mann - weil er gegen Corona-Regeln verstoßen und sich im Lockdown mit zu vielen Menschen getroffen habe.

„Tatortreiniger“ nennt sich das Projekt des Vereins Seehaus und des Hauses des Jugendrechts in Heilbronn. Wiedergutmachung für Straftaten sollen Jugendliche und junge Erwachsene bei der begleiteten gemeinnützigen Arbeit leisten, sagt Sozialpädagoge Daniel Müller vom Seehaus. „Manchmal muss auch einer die eigenen Graffitis wegmachen.“ Stottert man die Sozialstunden nicht ab, drohten Arrest oder Bußgeld.

Ein ähnliches dauerhaftes Modell gibt es nach Angaben des Justizministeriums Baden-Württemberg noch in Pforzheim mit dem „Anti-Graffiti-Mobil“. Allerdings soll es gerade nur im Enzkreis im Einsatz sein. In Pforzheim selbst wurde das Projekt bis August 2022 ausgesetzt, wie es in einer Antwort des Ministeriums auf eine Anfrage der Landtags-CDU heißt. „Hintergrund der Aussetzung des Betriebs für ein Jahr sind insbesondere Schwierigkeiten bei der Akquise ehrenamtlicher Helfer, sowie Reibungspunkte mit dem Gemeinderat.“

Die meisten Fälle gibt's in Stuttgart und Freiburg 

Dabei sind unliebsame Graffitis und Schmierereien ein Problem im Grunde in allen Städten. Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist allein für Stuttgart 1526 Fälle im vergangenen Jahr auf, gefolgt von Freiburg mit 721. Aber auch beispielsweise Bad Saulgau (Landkreis Sigmaringen), Herrenberg (Landkreis Böblingen) und Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis) kommen demnach auf dreistellige Werte.

In anderen Städten gebe es ähnliche Formen der Graffiti-Beseitigung, schreibt Justizministerin Marion Gentges (CDU). Freiburg etwa habe ein „Solidarmodell Anti-Graffiti“. Hausbesitzer können sich hier anlässlich von Aktionstagen kostenlos Graffitis entfernen und überstreichen lassen. In Stuttgart biete die Initiative „Nein! Zu illegalen Graffiti“ Beratungen und praktische Hilfen zur Entfernung.

Projekt finanziert sich aus Spenden

Auch in Heilbronn ist der Einsatz der „Tatortreiniger“ für die Betroffenen kostenlos. Die Polizei weise schon beim Anzeigeerstatten auf das Angebot hin, erläutert Müller. Der Verein müsse bei Anfragen schauen, was er wirklich machen kann. Manchmal bekämen sie auch bezahlte Aufträge. Ansonsten finanziert sich das Projekt aus Spenden.

Das rund 10.000 Euro teure Sandstrahl-Gerät arbeitet mit Unterdruck. Ein Aufsatz mit Sichtfenstern saugt sich dadurch an der beschmutzten Fläche fest. Aus einer Düse bläst dann der Sand und entfernt die Farbe. Über einen Staubsauger werden die Partikel wieder aus dem Aufsatz in den Metallzylinder befördert. „Wir können das wiederverwenden“, erklärt Müller. „Das ist also auch nachhaltig.“

Nicht alle Oberflächen lassen sich reinigen

Ob gesprayte Schriftzüge, ein einfaches „LOL“ oder eine Hinterlassenschaft mit dicken Filzstiften - so gut wie alles bekämen die „Tatortreiniger“ weg. Nur bei ausgefüllten und vor allem großflächigen Graffitis werde es schwierig, sagt Müller. „Die sollte man besser überstreichen.“ Wie gut sich ein Graffiti entfernen lässt, hänge auch damit zusammen, welche Farbe verwendet wurde, wie alt es ist und ob die Fassade Wind und Wetter ausgesetzt ist.

Bei Holz und Metall funktioniere die Methode mit dem Sandstrahl nicht. Auf Metallschildern etwa sehe man sonst hinterher die Unterschiede. Auch eine schmutzige Hauswand sei nach der Graffitientfernung an eben diesen Stellen wieder sauber und hell gewesen, berichtet Müller von einem Einsatz. Bei Glas lasse sich die Farbe meist leichter mit Wasser entfernen.

 

Bis zu 30 Einsätze im Jahr hätten die „Tatortreiniger“ in Heilbronn, sagt der Sozialpädagoge. Häufig entfernen sie gleich mehrere Graffitis. An diesem Tag haben Müller und sein Schützling unter anderem noch welche an einer Kirche auf dem Programm.

Aus Sicht des Justizministeriums machen solche Angebote zur schnellen Schadensbeseitigung wie in Pforzheim und Heilbronn erneute Taten weniger attraktiv und wirkten sich somit positiv auf das Stadtbild aus. Valide Erkenntnisse über Veränderungen bei der Graffiti-Kriminalität gebe es jedoch in beiden Städten nicht.


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