Ins Beratungseck sollen sich auch Gewaltopfer trauen, die sonst nicht kämen

Heilbronn  Bis vor kurzem befand sich an dieser Stelle die "Kleine Kneipe". Jetzt bietet das U1-Beratungseck der Mitternachtsmission einen Erstkontakt für Frauen und Kinder, die daheim körperlichen Aggressionen ausgesetzt sind.

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"Gewalt in der Familie hinterlässt oft lebenslange Verwundungen", sagte Alexandra Gutmann, Leiterin der Mitternachtsmission, bei der Einweihung des neuen Beratungsecks in der Urbanstraße 1 in Heilbronn. Über seine Not zu sprechen und zuvor einen Termin auszumachen, das könne für Leidtragende eine zu große Überwindung sein.

Mitternachtsmission geht neue Wege

Um auch diese Menschen, unabhängig von Status, Alter oder Bildung zu erreichen, geht die Mitternachtsmission neue Wege. In der ehemaligen "kleinen Kneipe" weihte sie jetzt ihr "U1-Beratungseck" ein.

Hell, freundlich, einladend: In die Urbanstraße 1 sollen sich auch Frauen und Kinder trauen, die vor einem offiziellen Gesprächstermin zurückschrecken.

Foto: Seidel

Der Name verweist einerseits auf die Adresse in der Urbanstraße 1. Gleichzeitig ist er aber auch in Anlehnung an eine zentrale U-Bahnlinie entstanden. "Zentraler als hier geht es ja kaum." Gerne hätte man den Namen kleine Kneipe beibehalten. "Aber allzu oft ist Alkohol der Auslöser für häusliche Gewalt."

Angebot ist etwas Besonderes in der Region

Eine offene Eingangstür, helle Räume, ein Zimmer für den Rückzug mit Wänden, die über doppelten Schallschutz verfügen: "Dass man hier einfach so herkommen kann, um über seine Probleme zu reden, das ist etwas Besonderes und neu in der Region."

Auch der barrierefreie Zugang war wichtig. "Unsere seitherige Beratungsstelle ist nicht barrierefrei. Und: "Menschen mit Behinderung sind doppelt so häufig von häuslicher Gewalt betroffen wie andere." Ein Schwerpunkt liegt zudem auf der Sicherheit. Die Fenster wurden ausgetauscht, können bei Bedarf schnell verschattet werden.

Kleine Fläche wurde optimal genutzt

Man habe darauf geachtet, die kleine Fläche optimal auszunutzen, sagte Michaela Bertsch von der Mitternachtsmission. Freundlich und gemütlich, ohne den Charakter zu sehr zu verändern, habe man alles einrichten wollen. Architekt Franz-Josef Mattes, der bereits den Kiosk am Industrieplatz in der Nordstadt für die Mitternachtsmission gestaltet hat, steht hinter der Konzeption. "Wenn Frau Gutmann anruft, hat sie meist tolle Ideen."

Trotz der Hürden, wie etwa dem Problem, dass überraschenderweise ein neues Dach nötig war, habe letztendlich doch alles funktioniert. "Zum Schluss ist es immer eine doppelte Freude. Du machst etwas, und ein anderer freut sich, aber du selbst freust dich auch." Alexandra Gutmann gab den Ball zurück: "Franz-Josef Mattes ist jemand, der immer kreativ mit uns Visionen teilt."

Die Nachbarschaft im Quartier ist gut

Darüber, dass das Haus der Mitternachtsmission regelrecht "zugeflogen" sei, freut sie sich. Die Lage unweit der Beratungsstelle in der Steinstraße sei ideal, die Nachbarschaft im Quartier gut.

Ins Beratungseck sollen sich auch Gewaltopfer trauen, die sonst nicht kämen

Die Verantwortlichen im regen Austausch. Wenn alles komplett fertig und eingerichtet ist, will das Beratungseck seine Arbeit aufnehmen.

Fotos: Ralf Seidel

Vor rund einem Jahr hatte das diakonische Werk, zu dem die Mitternachtsmission gehört, das Objekt erworben. Kauf und Umbau hätten zwischen 200.000 und 300.000 Euro gekostet, schätzte Gutmann. Ein Drittel davon hatte die Fernsehlotterie, die soziale Projekte unterstützt, übernommen.

Mitternachtsmission ist weiter auf Spenden angewiesen

Eine große Hilfe sei der Einsatz von Ehrenamtlichen gewesen, sowie die Eigenarbeit, Spenden und die Unterstützung vieler Handwerksbetriebe. "Sonst wäre alles deutlich teurer geworden." Auch jetzt sei man auf Spenden weiterhin dringend angewiesen.

Dekan Christoph Baisch sprach als Vorstandsvorsitzender des Kreisdiakonievebands Heilbronn ein Gebet und bat um Segen. "Entlastung und Aufatmen erfüllen den Raum. Nun kann sich das Haus seiner großen Aufgabe zuwenden." Klein stehe es da und strahle doch Zuversicht aus. Es lade geradezu dazu ein, einzutreten.

 

Petra Müller-Kromer

Petra Müller-Kromer

Autorin

Petra Müller-Kromer ist seit 1999 Redakteurin bei der Heilbronner Stimme. Im Stadtkreis-Ressort liegt ihr Schwerpunkt unter anderem auf sozialen Themen.

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