Im Team zur Digitalisierung eines Öko-Weinguts

Heilbronn  Die ehrenamtlich getragene Digitalisierungs-Aktion "Gemeinsam für Morgen" hilft der Heilbronner Winzerfamilie Stutz beim Ausbau von Online-Angeboten auf die Sprünge. Ein Mutmacher in der Corona-Krise.

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Familie Stutz ist in Wengert, Keller, Familie und nun auch online gut aufgestellt (von links): Sabrina (36), Kilian (3), Andreas (49) und Urban (1) Stutz.

Fotos: Mario Berger

Selbstständige wie Andreas und Sabrina Stutz sind dieser Corona-Tage nicht zu beneiden. Und dennoch ist dem Heilbronner Ehepaar der Humor, der Mut und der Optimismus nicht verlorengegangen. Nicht nur weil die Öko-Winzer an ihren beiden kleinen Buben, die übrigens auf die Namen der Weinheiligen Kilian und Urban getauft sind, ihre helle Freude haben. Mit ihrer "Werkstatt" im Freien hätten sie als Winzer mit Widrigkeiten zu leben gelernt. Gleichzeitig gebe ihnen die Natur "viel zurück, auch Kraft", betont der 49-Jährige. Er greift zum Handy und zeigt seiner Frau ein Foto mit einem wahren Wildkräuter-Blütenmeer zwischen zarten Rebtrieben.

Experten helfen ohne Honorar

Aktuell kann sich das symapthische Paar noch für etwas anderes begeistern. "Eher zufällig über eine App", so Sabrina Stutz, sei sie im Internet auf die Aktion "Gemeinsam für Morgen" gestoßen, habe sich spontan beworben und wie zehn andere Firmen prompt den Zuschlag bekommen. Mit fünf Experten haben die Stutzens in intensiven Videokonferenzen innerhalb von vier Tagen den Betrieb durchleuchtet und schließlich "tolle Online-Lösungen" auf den Weg gebracht.

Online-Weinproben stark im Kommen

"Bisher hatten wir nur eine Homepage", berichtet Sabrina Stutz, inzwischen gehören Facebook- und Instagram-Posts zum Marketingalltag. Mitte Mai soll der Online-Shop in Betrieb gehen. Auch die Basis für allgemein boomende Online-Weinproben sei geschaffen. Und: Bei der Abschlussveranstaltung der Aktion sei ihnen ein Folgeprojekt "zugeflogen": Studentinnen der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) wollen ihre Studienarbeit über "Wein-Präsent-Pakete" schreiben.

Ganz abgesehen vom Lerneffekt, "inzwischen sind wir digital echt firm", ist das Ehepaar vor allem vom unkomplizierten Miteinander des Projektteams begeistert, "dabei haben wir uns vorher gar nicht gekannt". Zudem sei es eine schöne Erfahrung gewesen, "einfach so kostenlos Hilfe zu bekommen, gerade in dieser leidigen Krise".

Umsatz ist wegen Corona eingebrochen

Durch Corona ist der Umsatz des 12,5 Hektar großen Öko-Weinguts Stutz, dessen Keller in Neckarsulm angesiedelt ist, um über 60 Prozent eingebrochen. Der angeschlossene Besen Benz hat zu, wie alle anderen Gaststätten. Feste sind abgeblasen. Der Ab-Hof-Verkauf ist rückläufig, weil Probieren tabu ist. Der Verkauf über den Lebensmitteleinzelhandel sei "verhalten", berichtet Stutz. Immerhin: Der bundesweite Post-Versand sei konstant geblieben.

Von Glück sagen können die beiden in Weinsberg ausgebildeten Weinbautechniker, dass ihnen drei Saisonarbeiter die Stange halten und Kurzarbeit wegen der vielen Arbeit in Keller und Weinberg nicht notwendig ist. Durch die neuen "digitalen Schläuche" gebe es auch im Marketing trotz Flaute einiges zu tun. "Der Verkaufsaspekt ist da nur die eine Seite", betont Andreas Stutz. Wichtig sind ihm auch Inhalte, die den Kunden Basis-Informationen zum Öko-Weinbau liefern, sie aber auch für wirtschaftliche Kreisläufe sensibilisieren. "Alle schwärmen von unserer schönen Reblandschaft. Dass ihre Pflege Geld kostet und man mit angemessenen Preisen etwas zum Erhalt beisteuern kann" sei vielen Verbrauchern nicht bewusst.

Wegen voller Keller bald Dumpingpreise?

Durch Corona fürchtet der 49-jährige Stutz einen Preisverfall. "Wenn wir auf vollen Fässern sitzen bleiben, besteht die Gefahr, dass manche Kollegen Weine unterm Herstellungspreis verkaufen." Er greift zu einer aktuellen betriebswirtschaftlichen Studie. Danach bleiben bei einem Flaschenpreis von 4,50 Euro nur 20 Cent beim Winzer. "Wer Wein unter 4,50 Euro kauft, trägt zu unserem Ruin bei", so der 49-Jährige. Mit sechs Euro pro Flasche könnten indes alle leben: Winzer, Händler, Verbraucher - und nicht zuletzt die Natur.

 

Die Aktion, der Winzer, der Öko-Weinbau

Ende April entwickelten neun Projektteams aus Kleinunternehmen und 100 Experten innerhalb von 55 Stunden jeweils passgenaue Online-Lösungen: vom Facebook-Auftritt über die eigene Homepage bis zu Online-Shops. Alle Projekte wurden im Rahmen von "Gemeinsam für Morgen" sofort umgesetzt. Die Campus Founders, die Stadt Heilbronn und die Heilbronner Stimme initiierten mit diesem kostenfreien Angebot gezielt Hilfe für kleinere Firmen, die von der Corona-Krise betroffen sind. 31 Partnerunternehmen unterstützten die Initiative: von der Schwarz-Gruppe, über Bechtle, Hochschulen, Kreativagenturen bis zu Solo-Selbstständigen.

Andreas Stutz (49) arbeitet – inzwischen zusammen mit Ehefrau Sabrina Stutz – seit 1994 "aus Überzeugung" nach den Richtlinien des ökologischen Weinbaus. Er ist Vorsitzender des Württemberger Ecovin-Verbandes und zudem seit 2003 bei Demeter zertifiziert. Das in Heilbronn ansässige Öko-Weingut Stutz bewirtschaftet 12,5 Hektar Rebflächen in Heilbronn, Neckarsulm, Weinsberg, Obersulm, Löwenstein und verkauft normal 100.000 Flaschen Wein im Jahr. Wegen Corona ist der Umsatz aktuell um 60 Prozent eingebrochen. Bei etlichen Wettbewerben stellt er immer wieder die größte Anzahl prämierter Öko-Weine.

Die Anbaufläche im Öko-Weinbau hat sich in den letzten zehn Jahren bundesweit auf 8500 Hektar verdreifacht, das entspricht 8,5 Prozent der Gesamtrebfläche. Der Boom hat zwei Gründe: Spitzenwinzer versuchen so ihre Qualitäten weiter zu toppen, und der Lebensmittelhandel fragt Bio-Produkte zunehmend nach. Öko-Weine werden nach strengen Richtlinien hergestellt und tragen ein entsprechendes Siegel. Anders als bei den meisten landwirtschaftlichen Produkten sind beim Wein nicht Naturland, Bioland oder Demeter führend, sondern Ecovin. Dieser Verband nimmt auch für andere Biowinzer weinbaupolitische Interessen wahr. 


Kilian Krauth

Kilian Krauth

Autor

Kilian Krauth kümmert sich um die Heilbronner Kommunalpolitik, um historische und kirchliche Themen sowie um den Weinbau der Region und weit darüber hinaus.

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