Experte erklärt, um was es Auto-Posern geht

Heilbronn  Poser, die sich mit ihren PS-starken Autos nachts in Heilbronn auf Parkplätzen treffen, sorgen immer wieder für Polizei-Einsätze. Wir haben mit Emilio Brunetti (48), Polizeihauptkommissar bei der Verkehrspolizeiinspektion Weinsberg gesprochen.

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Polizeibeamte in Mannheim kontrollieren sogenannte Autoposer. Sie veredeln ihr Fahrzeug nicht. Bei ihnen geht es ums Präsentieren und Provozieren.

Foto: dpa

Tuner, Poser, redet die Polizei dabei von derselben Szene?

Emilio Brunetti: Da gibt es gravierende Unterschiede. Bei den Tunern geht es um das Veredeln von Fahrzeugen auf qualitativ und handwerklich hochwertigem Niveau. Ein Tuner holt sein Auto in der Regel auch nachts nicht aus der Garage. Er möchte es ja zeigen. Und sie möchten keine Probleme mit der Polizei.

Und Poser?

Brunetti: Ihnen geht es darum, Aufmerksamkeit zu erregen.

Das wollen Tuner doch auch.

Brunetti: Stimmt. Aber Poser sind nicht bereit, zusätzlich Geld auszugeben. Sie passen ihr Auto mit geringen Mitteln ihren Bedürfnissen an. Für sie gilt: Legal kann jeder. Um aufzufallen, lassen sie die Reifen durchdrehen oder in den Innenstädten die Motoren aufheulen. Ihnen geht es darum, sich zu präsentieren und zu provozieren.

Poser sind oft jung und fahren leistungsstarke Oberklasseautos. Woher haben sie das Geld?

Brunetti: Leasing macht"s möglich. Für die Rate geht gerne mal das halbe Lehrlingsgehalt drauf. Das Auto ist für sie ein Prestigeobjekt.

In den vergangenen Tagen meldete die Polizei, dass sich Poser trotz Kontaktverbots getroffen haben. Wie kommunizieren sie?

Brunetti: Poser sind im Gegensatz zur Tuning-Szene nicht vernetzt. Es gibt ein paar Treffs, wie den Parkplatz am Weipertzentrum oder in der Etzelstraße. Es kann sein, dass ein Poser auf Verdacht hinfährt, drei Mal die Reifen durchdrehen lässt und wieder wegfährt. Tuner hingegen sind oft in Clubs organisiert, treffen sich tagsüber, setzen sich mit ihrem Klappstuhl neben ihr Auto und trinken eine Cola.

Unsere Leser beschweren sich über die Lautstärke der Autos.

Brunetti: Auf dem Markt gibt es legale, aber auch illegale Möglichkeiten, den Sound des Fahrzeugs zu verändern. Von Auspuffanlagen bis hin zu elektrischen Bauteilen, die oft in der Reserve-Rad-Mulde versteckt sind und das Fahrgeräusch eines Sechszylinders simulieren. Damit erhöht sich die Dezibel-Zahl, das Auto wird lauter. Ich habe aber auch schon gesehen, dass einer ein Wasserrohr durch den Auspuff getrieben hat. Der Lärm war kaum zu ertragen.

Gerade aus Innenstädten kommen Beschwerden.

Brunetti: Klar. Wenn einer mit seinem Auto durch die Innenstadt fährt und er hat das Gefühl, er erregt Aufmerksamkeit, dreht er dieselbe Runde mehrmals. Die Buga-Umleitung durch die Gerberstraße Richtung Bahnhof ist so ein Beispiel.

Bieten illegale Bauteile nicht die Chance, Posern habhaft zu werden?

Brunetti: Wir bewegen uns hier im Bereich einer Ordnungswidrigkeit. Die Bußgelder sind mit 90 Euro relativ gering. Punkte gibt es erst, wenn es um Sicherheitsaspekte geht. Zudem ist jede Kontrolle eine Einzelfallprüfung. Teurer wird es, wenn Untersuchungskosten einer Prüforganisation von 80 bis 150 Euro hinzukommen.

Bei Poser-Treffs hat die Polizei zuletzt eingegriffen. Wie haben sich die Menschen verhalten?

Brunetti: In aller Regel sind sie vernünftig und kooperativ, jedoch wenig zugänglich für die Maßnahmen. Das hat in den Kreisen einen gesellschaftlichen Hintergrund.

Wie viele Poser gibt es in der Region?

Brunetti: Das ist schwer zu schätzen. Es sind ja Alltagsfahrzeuge. Die Poser fahren damit zur Arbeit und hinterher vielleicht ins Fitnessstudio. Im Übrigen ist nicht jeder, der ein entsprechendes Auto fährt, auch automatisch ein Poser.

Zurück zu den Rennen. Mittwochnacht fand in der Innenstadt von Heilbronn ein illegales Rennen statt.

Brunetti: Ich streite nicht ab, dass es Rennen gibt. Deshalb von einer Szene zu sprechen, halte ich für überzogen.

Jüngste Vorfälle
Ostersonntag hat die Polizei in Heilbronn ein Poser-Treffen aufgelöst. Mit 100 Fahrzeugen haben sich die Poser zunächst vor dem Parkplatz einer Diskothek und danach vorm Weipertzentrum getroffen. Knapp eine Woche später schreitet die Polizei erneut ein, als sich 90 Personen, verteilt auf 51 Autos auf einem Parkplatz im Industriegebiet in Heilbronn treffen. Auch in der Nacht zu Dienstag und Mittwoch lieferten sich jeweils zwei Männer ein illegales Autorennen. Ob sie zur Poser-Szene gehören, ist nicht bekannt.


Jürgen Kümmerle

Jürgen Kümmerle

Reporter

Jürgen Kümmerle ist Redakteur im Reporterteam der Heilbronner Stimme. Diese Einheit berichtet über das tagesaktuelle Geschehen in der Region und kümmert sich um investigative Recherchen.

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