Digital lernen im Vergleich

Heilbronn  Die Geschwister Schreiweis aus Heilbronn erhalten Online-Unterricht: Sophie aus Toronto, Kim aus Heilbronn. Vergleicht man die Unterrichtsgestaltung der kanadischen Privatschule und des Theodor-Heuss-Gymnasiums, werden große Unterscheide deutlich.

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Digital unterwegs: Sophie und Kim Schreiweis machen Schularbeiten auf dem heimischen Balkon.

Foto: Christoph Kraft

Der Flug war gebucht, Ende März wollte Sophie Schreiweis wieder nach Kanada - dann kam die Corona-Krise. Zwei Wochen später konnte die Zehntklässlerin dann digital lernen, so wie ihr Bruder auf dem Heuss-Gymnasium in Heilbronn. Wie der Online-Unterricht gestaltet ist, variiert aber zwischen Heilbronn und Toronto. "Seitdem ich den Unterricht bei meinen beiden Kinder vergleichen kann, weiß ich: Es geht auch anders", sagt Mutter Simone Dodenhöft-Schreiweis.

Kim Schreiweis sitzt zwei bis drei Stunden am Tag vor dem Rechner. Er bekommt per Teams Aufgabenpakete von seinen Lehrern geschickt. Die meisten Aufgaben kommen von den Fächern Mathematik, Englisch, Latein und Geschichte. Zwei Mal hatte er bisher ein Live-Meeting. Meistens erhält er nur allgemeine Rückmeldung zu seinen abgegebenen Hausaufgaben, in Latein muss er selbst vergleichen, was richtig und was falsch ist. Den Online-Unterricht findet er schlechter, "denn man kann keine Fragen stellen, und er ist unorganisierter". Seine Mutter meint: "Er kommt gut klar."

Höheres Pensum für Sophie

Sophie Schreiweis hat deutlich mehr zu tun als ihr Bruder. Von 7 bis 12 Uhr macht sie die Hausaufgaben. Der Unterricht findet wegen der Zeitverschiebung zwischen 15 und 18 Uhr statt, das ist in Kanada zwischen 9 und 12 Uhr. Jede Schulstunde geht nur 30 statt normalerweise 75 Minuten, vier Fächer à 30 Minuten hat sie jeden Schultag, dazu eine Stunde Pause.

Ein ausgeklügeltes Portal ermöglicht nicht nur den Unterricht, dort ist auch ein eigener E-Mail-Verteiler integriert und der Stundenplan einsehbar. Wenn Sophie will, kann sie jederzeit einen Lehrer kontaktieren und einen Gesprächstermin mit ihm vereinbaren. Über das Portal sind auch komplexere Aufgaben möglich: So hat Sophie schon in verschiedenen "Labs" Chemieexperimente gemacht oder gekocht und das übertragen. Die ganze Klasse aß dann gemeinsam Avocado-Toast.

Nach dem Unterricht bietet die Privatschule in Kanada noch Extra-Förderungen an. Es gibt Nachhilfe, und gleich mehrere Personen kümmern sich um Sophie Schreiweis. Ein "Advicer" gibt in einer Coachinggruppe persönliche Tipps und fragt, wie es den Schülern geht. Ein "Guidance Counselor" kümmert sich um die Kurswahl und die akademischen Belange, dazu muss Sophie im Gegensatz zu ihrem Bruder auch Tests schreiben oder Projekte einreichen. Sie ist zwischen meist 18 und 20 Uhr mit allen Terminen fertig, manchmal kann es aber auch bis 22 Uhr gehen.

Zweisprachig unterwegs

Die 16-Jährige ist gern in Kanada, findet es aber auch "gut, zu Hause zu sein". In Böckingen verlernt sie Deutsch nicht, Englisch braucht sie sowieso jeden Tag. Die Jugendliche vermisst ihre Freunde und telefoniert deshalb viel. Auch Geburtstag hat sie schon über das Portal Zoom gefeiert. Wann sie wieder vor Ort lernen kann, ist ungewiss. Ende Juni fällt die Entscheidung, doch bei nur maximal 30 Prozent Belegung des Internats wird Sophie frühestens im September 2020 ihre Freunde vor Ort treffen können. Es kann sogar bis September 2021 dauern.

Auch ihr Bruder kann bis zu den Sommerferien nur für insgesamt zwei Wochen wieder ins Heuss-Gymnasium gehen, und dann mit abgespecktem Programm. Bis dahin lernen Sophie und Kim Schreiweis weiter in ihren Zimmern mit unterschiedlicher Software, anderer Sprache und anderem Pensum.

 

Branksome Hall

Die Schule von Sophie Schreiweis ist ein privates Internat für Mädchen von der sechsten bis zur zwölften Klasse. Sie wurde 1903 gegründet und ist seit 1912 am jetzigen Standort in der Nähe des Ontariosees in Toronto. Die Schülerinnen kommen aus 18 Ländern und tragen eine grüne Schuluniform. Zum Campus gehören ein Fitnesscenter und Tennisplätze. Familie Schreiweis wurde die Schule von einer Agentur in Heidelberg empfohlen, die sich auf die Vermittlung nordamerikanischer Schulen spezialisiert hat. 


Kraft

Christoph Kraft

Volontär

Christoph Kraft arbeitet seit Oktober 2019 als Volontär bei der Heilbronner Stimme.

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