Bekommt der Kiliansturm etwa sechs neue Glocken?

Heilbronn  Nach dem Verkauf der Heilbronner Kreuzkirche oberhalb des Wertwiesenparks lagert deren Geläut nun in der Kilianskirche. Bleiben die sechs Bachert-Glocken dort? Ein hellhöriger Förderverein ist schon aktiv, doch noch soll nichts an die große Glocke gehängt werden.

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Eigentlich klingen die Glocken - frei nach dem bekannten Lied - nie süßer als zur Weihnachtszeit. Oder? Auf dem 34 Meter hohen Turm der Heilbronner Kreuzkirche, die am Hohrain weithin sichtbar oberhalb des Wertwiesenparks steht, klingen sie dieses Jahr nicht mehr - und auch nach Weihnachten nie wieder, zumindest nicht auf diesem Turm.

Das bisher von der evangelischen Emmausgemeinde genutzte Gotteshaus, inklusive Gemeindehaus, geht wie berichtet mitten im Advent in den Besitz der freikirchlichen Evangeliumsgemeinde über. Diese traf sich bisher im ehemaligen Augemeindehaus im Industriegebiet. Weil die vornehmlich aus Osteuropa stammenden Gläubigen die sechs Kreuzkirchen-Glocken - wie auch die Orgel - nicht übernehmen, hat sie die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Heilbronn diese Woche abhängen lassen. Nicht etwa sang- und klanglos, womöglich in stiller Nacht, sondern am helllichten Dienstag mit einem langen Teleskopkran der Firma Scholpp.

Würdiger Abschied am 6. Dezember

Zuvor hatten alle sechs Glocken zum vorerst letzten Mal am 6. Dezember, dem Nikolaustag, beim Abschiedsgottesdienst der Emmausgemeinde geläutet. Außerdem waren sie am 21. November an zwei besonderen Glockenkonzerten mit der Stadtkirche Böckingen beteiligt. Für die halbstündigen Aufführungen waren Bernhard Meier und Volker Carle verantwortlich: mit zwei- und dreistimmigen Motiven und einer Vielzahl von vier- und fünfstimmigen Teilgeläuten, von "Wachet auf ruft uns die Stimme" bis zum weltberühmten Londoner Westminster-Motiv.

Während sich die Emmausgemeinde nun auf ihr zweites Gotteshaus, die Martin-Luther-Kirche, konzentriert und der Kindergarten im Kreuzkirchen-Gemeindezentrum mit zwei Gruppen noch bis Sommer 2021 und mit einer bis 2022 am angestammten Platz bleiben darf, ist die Zukunft der sechs Glocken noch offen. Fest steht: "Sie fliegen nicht nach Rom", wie ein Beobachter nach der spektakulären Demontage witzelte - mit einem geflügelten Wort, das auf das Schweigen aller Kirchenglocken zwischen Karfreitag und Ostern anspielt. In Wirklichkeit wurden sie auf Paletten gehievt, mit einem Laster zum Kiliansplatz transportiert, abgeladen und in die Kiliankirche bugsiert.

Alles wird in Ruhe geprüft

Bekommt der Kiliansturm etwa sechs neue Glocken?

Wie Dekan Christoph Baisch betont, "heißt das nicht, dass sie auf den Kiliansturm gehängt werden". Vielmehr handele es sich um ein angemessenes Zwischenlager, in dem sie jeder Interessierte genauer betrachten könne. Was aus ihnen werden kann, müsse man nun "in aller Ruhe sorgfältig prüfen": zunächst fachlich und danach in den Kirchengremien. Ihm sei sehr wohl bewusst, dass mit den Glocken "viele Emotionen und Erinnerungen" verbunden seien. Fest stehe zumindest so viel: "Im Idealfall wollen wir sie in einer Kirche im Stadtgebiet unterbringen", möglicherweise tatsächlich auf dem Kiliansturm, sofern ein dafür notwendiger Glockenstuhl dort oben überhaupt Platz fände und der 62 Meter hohe Turm dies "von der Statik und den Schwingungen her überhaupt vertragen würde". Auch die Platzierung in den beiden kleinen Osttürmen werde geprüft.

Förderverein steht schon in Startlöchern

Zu früh ist es laut Baisch auch, sich über die Finanzierung den Kopf zu zerbrechen, da sich die Kosten erst aus der Machbarkeitsstudie ableiten. Was keiner an die große Glocke hängen will: Die "Ergänzung des Geläuts durch Glocken der Kreuzkirche" stand am 14. November auf der Tagesordnung einer - abgeblasenen - Versammlung des Vereins der Freude der Kilianskirche. Der rührige Elite-Club sammelte schon für etliche Projekte am Heilbronner Wahrzeichen Spenden - in Millionenhöhe: von der Turmsanierung bis zu Kunstfenstern, ein Projekt, das in die Brüche ging, weshalb man nun gut eine halbe Million Euro "übrig" hat.

Glocken im Internet

Wer die Glocken der Kreuzkirche, aber auch die von vielen anderen Kirchen in der Region hören will, kann dies im Internet über Youtube und die entsprechenden Stichworte tun. Orgel-Fan Volker Carle hat sie aufgenommen.

 

Inschriften und Motive auf den Glocken

Auf dem 34 Meter hohen Turm der Kreuzkirche hingen sechs von der Firma Bachert in Heilbronn gegossene Glocken. Das kann man in Norbert Jungs Buch "Ein Streifzug durch die Heilbronner Glockenlandschaft" nachlesen. Darin findet sich auch ein Artikel aus der Heilbronner Stimme, der die feierliche Prozession zur Glockeneinholung im November 1964 beschreibt. Jetzt lagern die Glocken in der Kilianskirche.

Die größte, die Dominika, trägt die Inschrift "Fürchte dich nicht, ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige". Auf der Betglocke heißt es "So ihr mich von ganzen Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen". "Des Menschen Sohn ist gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist", steht auf der Kreuzglocke. Und auf der Taufglocke: "Fürchte Dich nicht, Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist mein." Auf der sogenannten Gottesnamenglocke heißt es "Dein Name wurde geheiligt" und auf der Reich-Gottes-Glocke "Dein Reich komme".

Die sechs Glocken haben Durchmesser zwischen 54 und 106 Zentimeter. Es finden sich darauf auch Motive wie etwa eine Krone mit Kreuz auf Wasser, eine Hand über einer Raute, verknüpfte Kreise, Herz, Anker, Taube, Gesetzestafeln oder Blattmotive. 

 

Kilian Krauth

Kilian Krauth

Autor

Kilian Krauth kümmert sich um die Heilbronner Kommunalpolitik, um historische und kirchliche Themen sowie um den Weinbau der Region und weit darüber hinaus.

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