Wie kam ein Baby-Skelett in den Heilbronner Untergrund?

Heilbronn  Die Ausgrabungen auf dem Dinkelacker-Gelände fördern spannende Funde zutage. Manche geben den Archäologen Rätsel auf.

Von Julia Weller

Es könnte tot geboren worden sein. Oder eine Weile lang gelebt haben. So sicher wissen es die Archäologen noch nicht, aber eins steht fest: Dass sie unter einem alten Fundament in der Heilbronner Innenstadt einen Keramiktopf aus dem Spätmittelalter oder der frühen Neuzeit gefunden haben, in dem das Skelett eines Babys lag, ist höchst ungewöhnlich.

"Wir können ausschließen, dass man es bewusst dort hingelegt hat", sagt Jonathan Scheschkewitz vom Landesamt für Denkmalpflege. Denn: Der Fund stammt eindeutig aus christlicher Zeit - in der Nähe gab es aber keinen Friedhof oder Sakralbau. Das Fundament eines Hauses wurde später über die Ruhestätte des Kindes gebaut, vermutlich war die Bestattung da schon lange vergessen.

 

Spuren schon aus dem 13. Jahrhundert

Funde wie dieser sind es, die die archäologischen Ausgrabungen auf dem ehemaligen Dinkelacker-Gelände zwischen Sülmerstraße und Zehent-, Schwibbogen- und Lammgasse so spannend machen. Bevor hier Wohnungen, ein Supermarkt und Tiefgaragen entstehen, sollen die Spuren der Vergangenheit gesichert werden.

Und das sind einige: Seit dem 13. Jahrhundert haben sich hier vermutlich Menschen angesiedelt, Heilbronn wuchs damals nach Norden. Grabungsleiter Steffen Berger zeigt auf Erdverfärbungen, die auf den Standpunkt eines Grubenhauses hindeuten - eine Behausung aus dem Spätmittelalter, die in den Boden eingelassen war.

Auffällig sind auf dem Gelände die rund 15 Keller, die das Team der Grabungsfirma ArchaeoBW GmbH seit Mai freigelegt hat. "Die Keller entstanden im 15. oder 16. Jahrhundert", erklärt Scheschkewitz. 70 Prozent des Geländes seien unterkellert gewesen, im Laufe der Zeit habe es Veränderungen und Vergrößerungen gegeben. "So sind Umbaumaßnahmen nachvollziehbar, obwohl wir wenig über das Areal wissen."

Ein Netzwerk aus Kellern und Fluchttunneln

Die Archäologen sehen sich Grundriss und Mauerwerk der Keller an, sie bergen Bruchstücke von Keramik. "Wir finden viel Alltagsgeschirr aus dem 17. und 18. Jahrhundert", erklärt Grabungsleiter Berger. Auch Gläser und komplett erhaltene Service aus dem Zweiten Weltkrieg gehören zu den Funden - diese wurden aber in der Feuernacht des 4. Dezember 1944 völlig verformt.

Zwischen den einzelnen Kellern haben die Archäologen ein Netz aus Fluchttunneln freigelegt. Solche Tunnelsysteme waren in bombardierungsgefährdeten Städten üblich. Oft waren sie lose vermauert oder holzverschalt und gerade hoch genug, damit man im Notfall zum Nachbarn kriechen konnte.

Im Krieg wurde nicht alles zerstört

Manchmal stoßen die Archäologen beim Graben auf neuzeitliche Abwasserrohre oder Reste von Kanalgräben. Eines dagegen haben sie nicht gefunden: Überreste eines Wohnturms, den sie hier vermutet hatten. Auf dem Dinkelacker-Gelände sei im Mittelalter eine Großparzelle gewesen - die wurden oft an die gesellschaftliche Oberschicht vergeben. Daher wäre es denkbar gewesen, dass dort ein repräsentatives zwei- bis dreigeschossiges Steinhaus gestanden haben könnte. "Doch das hat sich nicht bewahrheitet", so Scheschkewitz vom Landesamt für Denkmalpflege. Einen Steinturm habe es hier im 13. Jahrhundert nicht gegeben, nur Fachwerkhäuser.

"Es lohnt sich in Heilbronn, zu graben", findet Scheschkewitz. "Es ist überall mit Funden zu rechnen." Oft hieße es, im Krieg sei sowieso alles zerstört worden - "das ist mitnichten der Fall." Das tote Baby wirft zum Beispiel noch Fragen auf. Es wird zurzeit von einem Anthropologen untersucht, der sein Alter bestimmen soll. Und der vielleicht einen Hinweis darauf geben kann, warum das Skelett an dieser Stelle in den Heilbronner Boden kam.

Wie es weiter geht

Bis Ende Oktober wird auf dem Dinkelacker-Gelände noch gegraben. Dazu müssen demnächst noch einige Container umgesetzt werden. Wenn alle Keller archäologisch erfasst wurden, werden sie zugeschüttet. Die gefundenen Artefakte werden gereinigt, historisch eingeordnet und archiviert. Vom Gelände wird ein Plan erstellt.

Dazu wurde mit einer Drohne das gesamte Areal fotografiert, am Computer entsteht daraus ein 3D-Modell. Mit ersten Ergebnissen rechnet die Grabungsfirma ArchaeoBW GmbH im Dezember, Mitte 2019 soll dann ein Vorbericht herausgegeben werden. Der sei aber noch keine wissenschaftliche Auswertung, sondern eine erste Einschätzung der Erkenntnisse.