Wie ein Heilbronner im Sattel die Welt erkundet

Heilbronn  Er ist Audi-Mechaniker, Familienvater – und vergangenen Sommer mit dem Mountainbike ein Rennen durch ganz Deutschland gefahren: Über einen Extremsportler und seinen Alltag.

Von Julia Weller
Mountainbiker Zimmermann

Marc Zimmermann wollte eigentlich nie nach Heilbronn ziehen. „Aber hier oben kommt man sich nicht vor wie in der Stadt“, sagt er und blickt aus dem Fenster. Er wohnt auf dem Lerchenberg; wer mit dem Rad zu Besuch kommen möchte, kommt ins Schwitzen. Steil führt die Straße den Hügel hinauf, dann noch eine lange Treppe zum Haus und ein paar Stufen, bis man in Zimmermanns Wohnung steht. Eine Wand im Esszimmer ist von einer Weltkarte bedeckt, zwei Katzen huschen durch den Flur. „Von hier komme ich bis in die Löwensteiner Berge, ohne ein einziges Dorf zu durchqueren“, sagt Zimmerman. Und meint damit: Zu Fuß. Im Laufschritt.

Marc Zimmermann ist Extremsportler, aber er ist auch ganz normaler Familienvater. Seine Schichten bei Audi beginnen manchmal um sechs Uhr morgens, ins Werk fährt er mit dem Auto. An die Ostsee oder ans Nordkap fährt er mit dem Mountainbike. Ein Bombtrack Beyond Plus, Neupreis 2000 Euro, Gewicht 13 Kilo. Stundenlang rast Zimmermann damit durchs Gelände, am liebsten durch den Wald. Er ist schon von Portugal zum Polarkreis gefahren und von Kroatien nach Heilbronn. Oder er läuft auf Berge: Triglav, Watzmann, Zugspitze, alles schon erklommen. Seine Leidenschaft ist das Gelände, nicht die Zeit auf der Stoppuhr.

Wenn seine Freundin Auto fährt, nimmt er das Rad

Trotzdem nimmt Zimmermann jedes Jahr an drei bis vier Langdistanz-Rennen teil. Diesen Sommer fuhr er beim „Bikepacking Trans Germany“ mit – einem Wettkampf von Basel bis nach Rügen. Die Route führte zu 80 Prozent durch Wälder, Wiesen, über Sand- und Schotterpisten und immer wieder steil bergauf. Zimmermann sagt, manche Menschen würden im Leben immer den einfachen Weg nehmen. „Ich habe schon immer den schwierigeren genommen.“

Wenn seine Lebensgefährtin die direkte Strecke auf der Autobahn fahren will, nimmt er lieber die abenteuerliche Küstenstraße. Wenn sich andere nach der Arbeit aufs Sofa setzen, setzt er sich auf sein Rad. Und wenn seine Kollegen in den Urlaub fahren, fährt er eben einmal quer durch Deutschland. „Bikepacking Trans Germany“ orientiert sich an Vorbildern in den USA oder Frankreich, wo solche Rennen längst verbreitet sind. In Deutschland fand es dieses Jahr zum dritten Mal statt.

Die Regeln: Alle Fahrer treffen sich zum gemeinsamen Start in Basel und müssen eine festgelegte Strecke bis zum Kap Arkona auf Rügen zurücklegen. Dabei ist es verboten, vom Trail abzukommen und beispielsweise auf besser ausgebaute Straßen auszuweichen. „Ich hatte schon immer einen Abenteuerdrang und ich liebe die Natur“, sagt Marc Zimmermann. Er ist einer der 36 Teilnehmer, die es ins Ziel geschafft haben. Beim Start in Basel waren noch 62 Fahrer dabei.

"Ich konnte nicht mehr auf meinem Hintern sitzen"

Täglich fuhr Zimmermann ungefähr 150 Kilometer, für die gesamte Strecke brauchte er elf Tage und zwölf Stunden. Die größte Überwindung? „Das frühe Aufstehen.“ Jeden Morgen quälte er sich um halb fünf aus seinem Schlafsack, um dann bis in den späten Abend durchzufahren. „Ab Kilometer Tausend war’s heftig. Ich konnte nicht mehr auf meinem Hintern sitzen.“ Doch die Landschaft entschädigte ihn: An seinem Lenker das Navigationsgerät, um ihn herum nur die Natur und immer mal wieder ein Reh oder ein Fuchs. Stellenweise fuhr er mit anderen Teilnehmern zusammen, aber die meiste Zeit war er alleine unterwegs. „Es ist wichtig, dass man in seinem eigenen Takt fährt“, sagt Zimmerman.

Seine ganze Familie ist sportlich, aber bei den Extremtouren des Vaters machen Tochter und Lebensgefährtin nicht mit. Dafür konnten sie seine Position während des Rennens von zu Hause live verfolgen: Jeder Teilnehmer hat einen GPS-Tracker, der die Daten ins Internet überträgt.

Gute Freunde lernt er beim Radrennen kennen

Das ganze Rennen über war dem Heilbronner ein Amerikaner dicht auf den Fersen, auf der letzten Etappe kam er immer näher. „Papa, fahr schneller“, sagte Zimmermanns Tochter Svea am Handy zu ihm. Eines Morgens sah er auf dem GPS-Tracker, dass sein Konkurrent und er im gleichen Dorf frühstückten. Das trieb Zimmermann an und gab ihm neue Motivation, das Rennen zu Ende zu fahren.

Als er schließlich ins Ziel kam, war der Amerikaner schon seit drei Stunden da – und hatte auf den Heilbronner gewartet. „Da sah ich ihn endlich.“ Der Konkurrent erzählte ihm, dass auch er durch den Zweikampf angetrieben worden war: Seine Freundin hatte ihm aus Kalifornien gesagt „you must ride harder“. Zimmermann und der Amerikaner lernten sich kennen, suchten sich eine Unterkunft für die Nacht und fuhren am nächsten Tag gemeinsam zum Zug. „Man macht das auch für solche Begegnungen“, sagt der Sportler.

Der Extremsportler sucht die Auseinandersetzung mit sich selbst

Wenn er unterwegs auf Wanderer oder Radfahrer traf, musste Zimmermann sich oft erklären. „Richtung Rügen sind Sie hier falsch“, hieß es zum Beispiel, als er dem vorgegebenen Waldweg folgte und nicht der schnelleren Straße. Manchmal stand Zimmermann aber auch vor einer Weggabelung und wusste nicht, wohin. Mancherorts konnte er im dichten Gestrüpp überhaupt keinen Weg mehr erkennen. Ein paar Mal verfuhr er sich um einige Kilometer. „Aber dann dreht man eben um und kehrt an der richtigen Stelle auf den Trail zurück“, sagt Zimmermann. „So sind die Regeln.“

Die Regeln besagen auch: Alle Teilnehmer müssen sich selbst versorgen. Zimmermann packte gefriergetrocknete Fertiggerichte und einen Campingkocher in die Fahrradtaschen, mindestens dreieinhalb Liter Wasser trug er stets auf dem Rücken. Auf der Schwäbischen Alb fuhr Zimmermann mit zwei Israelis, denen das Wasser ausging – also teilte er seines. „Klar ist das Ganze ein Wettbewerb, aber das sind auch alles Leidensgenossen“, sagt Zimmermann. Er ist als 28. ins Ziel gekommen und zufrieden mit dem Ergebnis.

„Es geht nicht nur darum, die Bestzeit zu fahren“, sagt der Extremsportler, der schon seit zwanzig Jahren Langdistanzen läuft und fährt. „Es geht um die Erfahrungen, die man mit sich selbst macht.“ Anders als beim Fußball, was er früher gespielt hat, agiere man nicht gegen einen Gegner. „Man kämpft mit sich selbst, damit man nicht aufgibt.“

Zimmermanns nächstes Ziel ist ein großes Rennen in den USA

Bei der „Bikepacking Trans Germany“ war er ein paar mal kurz davor: Die letzten 600 Kilometer in Norddeutschland waren zwar flach, dafür quälte Zimmermann sich stundenlang über Sandpisten und das Kopfsteinpflaster brandenburgischer Dörfer. „Im Spreewald bin ich mir vorgekommen wie in einem Dschungel“ – überall umgefallene Bäume auf dem Weg. „Und wenn ich abgestiegen bin, um das Rad darüber zu heben, war ich sofort voll mit Moskitos.“

Übernachtet hat Zimmermann meistens in seinem Ultraleichtzelt oder in Schutzhütten, nur dreimal schlief er in Hotels. „Die ersten vier Tage habe ich nicht geduscht“, erzählt er. „Das wird auch irgendwann zur psychischen Belastung.“ Nachdem er von der Bikepacking-Tour zurück war, hat Zimmermann erst einmal eine ganze Woche lang gar nichts gemacht. Obwohl er immer gut in Form ist – auch er braucht Zeit zur Erholung.

Mittlerweile ist er aber wieder im Wald unterwegs. „Dort regeneriere ich genauso wie ein anderer, der vor dem Fernseher sitzt.“ Und die nächsten Touren und Wettbewerbe sind schon in Planung: 2020 möchte Zimmermann vielleicht ein großes Rennen in den USA fahren. Zusammen mit dem Amerikaner, der ihn schon bei der Deutschlandtour angespornt hat.

 

Zur Person

Marc Zimmermann stammt aus Mosbach und wohnt mit seiner Tochter und seiner Lebensgefährtin in Heilbronn. Der Audi-Mechaniker spielte als Jugendlicher Fußball im Verein. Mit Mitte 20 entdeckte er bei einem Urlaub in den USA den Outdoor- und Ausdauersport für sich. Seitdem ist er Langdistanz-Läufer und Mountainbiker, Kletterer und Snowboardfahrer.


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