Wie der 4. Dezember das Heilbronner Stadtbild für immer veränderte

Heilbronn  In einem privaten Nachlass sind bislang unveröffentlichte Fotos der Heilbronner Innenstadt aufgetaucht – vor und nach der Zerstörung in der Bombennacht im Dezember 1944. Stimme.de zeigt den direkten Vergleich.

Von Kilian Krauth

Vor 74 Jahren, am 4. Dezember 1944, wird Alt-Heilbronn zerstört. Im Stadtkern bleibt kein Gebäude heil. Mehr als 6500 Menschen – eine genaue Zahl gibt es nicht – kommen ums Leben. Sie verbrennen im Feuersturm, ersticken in Luftschutzkellern, werden von Trümmern erschlagen, von Splittern getroffen. 

Zwischen 19.18 Uhr und 19.55 Uhr werfen 282 Lancaster-Flieger der British Air Force 1,2 Millionen Kilogramm Bomben ab. Zunächst markieren Leuchtraketen das Ziel. Dann decken Trümmerbomben die Dächer ab. Brandbeschleuniger entfachen schließlich einen infernalischen Feuersturm, der alles niederwalzt.

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Seitdem ist in dieser Stadt nichts mehr, wie es war. Bis heute hat sich das Datum tief ins kollektive Bewusstsein eingebrannt, vielen Zeitzeugen lässt es keine Ruhe. Die Versuche, das Unfassbare zu begreifen, zu verarbeiten, sind vielfältig. Sie reichen von dem zum Ehrenfriedhof umgestalteten Massengrab im Köpfertal über die Ehrenhalle im Rathaus, Gedenkkonzerte, Bilder, Kunstinstallationen bis hin zur literarischen oder wissenschaftlichen Aufarbeitung. Im Haus der Stadtgeschichte läuft sogar ein aus einem englischen Bomber gedrehter Film. In Endlosschleife.

Bilder eines Hobbyfotografen aufgetaucht

Scheinbar ist alles gesagt und beleuchtet. Nur noch selten tauchen unbekannte Berichte, Dokumente oder Fotos auf. Sven Neubert machte so einen Fund. Er entdeckte im Nachlass seines 1904 geborenen Großvaters Walter Rechkemmer ein Fotoalbum. Der ehemalige Großhändler für Berufskleidung und Hobby-Fotograf hat darin typische Stadtansichten festgehalten: vor und nach der Zerstörung.


Klicken Sie in die Fotos und ziehen Sie die Pfeile nach links und rechts, um die Vorher-Nachher-Ansichten zu vergleichen.

 

Das Glockenspiel am Hafenmarkt

Der 1727 gebaute Hafenmarktturm in der Sülmer Straße geht zurück auf ein erstmals 1272 bezeugtes Franziskanerkloster am Hafenmarkt. Davor steht seit 2003 ein Denkmal für Trümmerfrauen. Im Erdgeschoss findet sich seit 1926 ein Ehrenmal für die Toten des Ersten Weltkriegs. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auf der Turmspitze eine Skulptur des mythischen Vogels Phönix gesetzt, der einst aus Asche zu neuem Leben erwachte: gleichsam wie Heilbronn. Bis heute erklingt hier täglich um 19.20 Uhr – also zu Beginn des Bombenangriffs – ein Glockenspiel mit der Melodie des Liedes „Kein schöner Land“.

 

Marktplatz und Rathaus

Im Innenhof des 1417 gebauten Rathauses wurde das im Krieg ausgebrannte Stadtarchiv zur Ehrenhalle für die Opfer von Nazis und des Zweiten Weltkriegs umgewidmet: mit Texten, Fotos und mit drei Modellen. Sie zeigen, wie die 28 Hektar große Altstadt bis zum 4. Dezember 1944 ausgesehen hat, am Tag danach und nach dem Wiederaufbau.

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Die Kilianskirche

Das Wahrzeichen Heilbronns, die erstmals 1297 erwähnte Kilianskirche, wurde 1944 schwer beschädigt und nach dem Krieg bis 1974 neu aufgebaut.

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Am Jahrestag der Zerstörung spielt ab 19 Uhr vom Kiliansturm herab ein Posauenchor Choräle. Um 20 Uhr beginnt ein Gedenkkonzert mit dem Philharmonischen Chor. Die offizielle Gedenkfeier findet bereits um 15 Uhr auf dem Ehrenfriedhof im Köpfertal statt. Gleichzeitig läutet von 15 bis 15.05 Uhr die Feuerglocke auf dem Kiliansturm. Von 15.05 bis 15.15 Uhr und zur Stunde des Angriffs ab 19.20 Uhr stimmen alle Glocken im Stadtkreis ein. Am Ende des Gedenkkonzerts tönt allein die Gloriosa, die tiefste und schwerste Glocke der Stadt.

Fotos: Walter Rechkemmer

 

Die Heilbronner Stimme hat die Zerstörung Heilbronns in der Bombennacht des 4. Dezember multimedial nacherzählt. Zur interaktiven Video-Reportage "Operation Sawfish" gelangen Sie hier.

 


Gedenkfeier zum 4. Dezember

Um 15 Uhr läutet am Dienstag, 4. Dezember, die Feuerglocke der Kilianskirche. Sie erinnert an den Bombenangriff, der vor 74 Jahren die Heilbronner Innenstadt zerstörte. Auf dem Ehrenfriedhof im Köpfertal findet von 15 Uhr an wieder die Gedenkfeier statt. Im ganzen Stadtkreis Heilbronn läuten die Glocken der evangelischen und katholischen Kirchen um 15.05 und um 19.20 Uhr für zehn Minuten. Am Morgen des 4. Dezember werden für 24 Stunden zwölf Kerzen in der die Nacht über geöffneten Ehrenhalle im Rathausinnenhof angezündet. Der Weihnachtsmarkt schließt bereits um 19 Uhr, also eine Stunde eher als an den anderen Tagen.

Eine halbe Stunde vor der Gedenkfeier auf dem Ehrenfriedhof , also ab 14.30 Uhr, spielt der Posaunenchor Heilbronn und des Bezirks unter Leitung von Jörg Hinderer. Die Ansprachen halten Oberbürgermeister Harry Mergel und Dekan Christoph Baisch. Das Schlussgebet spricht Pfarrer Roland Rossnagel. Außerdem wirkt der Männergesangverein Urbanus unter Leitung von Ella Seiler an der Gedenkfeier mit. Auszubildende der Stadt Heilbronn werden Wünsche für die Zukunft vortragen.

Busverbindung

Die Verkehrsbetriebe richten zusätzliche Busverbindungen zwischen Harmonie-Ost und Trappensee ein: Harmonie-Ost ab 14.25, 14.30 und 14.40 Uhr, Trappensee an 14.35, 14.43 und 14.50 Uhr. Zurück geht es ab Trappensee um 15.43, 15.50 und 16.11 Uhr, Harmonie-West an um 15.52, 16.01 und 16.22 Uhr. Außerdem gibt es einen Pendelverkehr mit einem Kleinbus von der Haltestelle Trappensee zum Ehrenfriedhof . Er soll vor allem Älteren und Gehbehinderten die Teilnahme an der Gedenkfeier ermöglichen. Die Arndtstraße ist ab der Einmündung Jägerhausstraße gesperrt. In der Arndtstraße kann nicht geparkt werden.

 


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