Wenn Bürger mit Mülltonne ins Schloss kommen

Heilbronn  In 20 Jahren hat Bürgeramtsleiter Martin Neubauer in Kirchhausen so einiges erlebt. Er berichtet von besonderen Momenten in dem altehrwürdigen Gemäuer - und einer Überraschung zum Jubiläum.

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Der Schlossherr in Kirchhausen: Bürgeramtsleiter Martin Neubauer. Seit 20 Jahren macht der Gemminger den Job und nennt die Schlosskulisse "einen Traum".

Foto: Friese

Er ist inzwischen der dienstälteste Bürgeramtsleiter in Kirchhausen, hat in 20 Jahren in seinem Amtssitz im Kirchhausener Schloss schon Kurioses erlebt. Eines wird Martin Neubauer (52) auf keinen Fall vergessen. Die Szenen, wenn Bürger mit zum Teil gefüllter Mülltonne an der Hand in den Räumen im Schloss auftauchen, um einen Missstand zu dokumentieren. Es kam schon öfter vor, dass die Müllmarke von dreisten Dieben abgezogen wurde und die Bürger Sorge hatten, sie müssten eine neue Marke bezahlen.

Mit der Tonne wollten sie zeigen, dass Kleberänder an der Stelle den Diebstahl belegen. "Sie waren erleichtert und dankbar, als sie ihre neue Müllmarke ohne Probleme erhielten", blickt der 52-Jährige schmunzelnd zurück. Heute sei der Kauf direkt über Gebührenbescheide nachvollziehbar.

Es ist ein besonderer Arbeitsplatz, den Neubauer da im Deutschordenssschloss hat. Er hat eh ein Faible für Schlösser, für ihn war der erste Arbeitstag "gigantisch".

Vorteil der Aufgabenfülle: Bürger erhalten vieles aus einer Hand

Die Fülle an Aufgaben, dass kein Tag wie der andere sei, begeistert ihn an dem Job. Die Kirchhausener hätten in der Vereinbarung zur Eingemeindung nach Heilbronn einst weise gehandelt, viele Aufgaben im Stadtteil zu belassen. So wie die Auskunfts- und Antragsstelle zur Rentenversicherung, das Standesamt, die Kulturwerkstatt. Auch die Friedhofsbetreuung, das Vermieten von Schloss, Zehntscheune und Deutschordenshalle gehören dazu. "Es ist alles in einer Hand", sieht er Vorteile für die Bürger.

Den Weihnachts- und Ostermarkt hat Neubauer initiiert, das Maibaumstellen wiederbelebt. "Das gab es zuletzt in den 1960er Jahren. Damals hat man noch Autos gesegnet", blickt er zurück. Trauungen sind für ihn besondere Momente, das Trauzimmer im Turm wird immer mit Kerzen und Blumen hergerichtet.

Umarmungen, Tränen und Jubelschreie hat er schon erlebt - aber auch eine Szene, als einmal mitten in der Ja-Wort-Frage das Handy des Bräutigams klingelte. Der Mann sei sogar rangegangen und habe mit einem Bekannten telefoniert. Die Braut habe es akzeptiert - und die Ehe habe auch gehalten.

Den Ohrring verteidigt, als Protestant im katholisch dominierten Ort akzeptiert

Koch hat der Gemminger einmal gelernt, nach der Lehre aber gemerkt, dass die Arbeitszeiten mit einem Familienleben eher schwer vereinbar sind. Die Ausbildung im mittleren Verwaltungsdienst samt Fachwirt-Ausbildung folgten. Nach Jahren als Ausgaben-Buchhalter bei der Stadt und im Bürgeramt in Neckargartach übernahm er im Oktober 1999 im Kirchhausener Schloss die Leitung. Dass er Protestant ist, sei im katholischen Kirchhausen nie ein Thema gewesen.

Und dass Neubauer sich mit 40 einen Ohrring stechen ließ - seine Frau experimentierte mit Tattoos, ihm gefiel ein Ohrring - habe auch keine Irritationen ausgelöst. Ex-Bezirksbeiratssprecher Bruno Bopp habe ihn nach einer Kritik sogar mal verteidigt. "Den darf er tragen - denn seine Arbeit passt", habe Bopp zur damaligen Bürgermeisterin gesagt. Kritisch, aber tolerant, so erlebt Neubauer die Bürger oft.

Zum Dienstjubiläum hat der Bezirksbeirat Neubauer mit einem Frühstück mit Kaffee, Sekt, Brezeln und einem Geschenkkorb mit Getränken und Knabbereien überrascht. "Das war gelungen", freut sich der 52-Jährige.

Manchmal wünscht er sich von den Bürgern etwas mehr Einsicht. Die Kritik am neuen Aufgang zum Friedhof, ohne Rampe oder Aufzug, ebbt nicht ab. Der Bezirksbeirat habe damals alle Varianten intensiv geprüft. Es sei vor allem aus finanziellen Gründen nicht gegangen.

Neubauer könnte sich vorstellen, das Bürgeramt bis zum Rentenalter zu leiten. Das breite Spektrum, die individuelle Arbeitsweise gefallen ihm. Und: Das Schloss als Arbeitsplatz "ist immer noch ein Traum".

Zugbrücke und Wassergraben

Neben Martin Neubauer arbeiten zwei Sachbearbeiterinnen, ein Hausmeister und zwei Reinigungskräfte im Bürgeramt Kirchhausen. Der Amtssitz, das Deutschordensschloss, ist ein ehemaliges Wasserschloss, das von 1572 bis 1578 im Renaissance-Stil erbaut wurde. Der Wassergraben ist heute trockengelegt. Als Zugang diente einst eine Zugbrücke. Die zwei Türme dienten der Verteidigung. Trauzimmer und Rittersaal sind besondere Räume im Schloss.


Carsten Friese

Carsten Friese

Autor

Mit der Einführung des Euro kam Carsten Friese im Januar 2002 zur Heilbronner Stimme. Seine Schwerpunkte sind Verkehr, Gericht- und Polizeithemen, Wetter/Klima, Umweltthemen, Soziales, Heilbronner Stadtteile. Zudem leitet er das Thementeam Wissen.   

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