Unter Polizeischutz: Visionärin stellt Modell von liberalem Islam vor

Heilbronn  Die Berlinerin Seyran Ates fordert in Heilbronn die Revolution des Islams, wendet sich gegen Kopftuchzwang für Kinder, Zwangsehen, Unterdrückung von Frauen und ruft die deutsche Politik zu einer Gegenoffensive gegen konservative Verbände und Staaten auf.

Von Carsten Friese
Seyran Ates (55) bei ihrem Vortrag in Heilbronn. Foto: Andreas Veigel

Es ist ein flammender Appell für einen liberalen Islam, gegen Kopftuchzwang für Kinder, Genitalverstümmelung, Zwangsehen und unterdrückte Frauen. Als die Berliner Imamin Seyran Ates (55) am Freitagabend beim Vortragsabend von Volkshochschule und Stadtbibliothek Heilbronn unter Polizeischutz vor 200 Zuhörern im ausverkauften Abraham-Gumbel-Saal der Volksbank spricht, ruft sie zur Revolution im Islam auf.

Das Kind kurdisch-türkischer Eltern, das mit 17 aus dem Elternhaus floh, hat in Berlin die erste liberale Moschee gegründet, wo Männer gemeinsam mit Frauen beten und wo es keinen Kopftuchzwang gibt. Eindrucksvoll veranschaulicht sie ihre Motivation für ihren gefährlichen Kampf, bei dem sie immer wieder Morddrohungen von radikalen Moslems erhält. „Es geht bei allen Themen um die Kontrolle der weiblichen Sexualität im Islam“, sieht sie sich als Kämpferin gegen die Herrschaft der Männer in einer rückwärtsgewandten Religionsform. Ates: Es geht um Freiheit. Im Islam gibt es eine Geschlechter-Apartheid.

Es wird ein Galoppritt durch die islamische Welt mit einer Fülle von kämpferischen Thesen gegen ein dominierendes konservatives Islam-Modell auch in Deutschland. Anwältin Ates erzählt von Anrufen junger Frauen, 21, 23 oder 25 Jahre alt, die fragten, ob ihr Freund sie wirklich töten dürfe, wenn sie ihn verließen. Sie kennt Fälle, wo 25-jährige Muslima noch zu Hause leben müssen und Eltern es unter Morddrohungen nicht erlaubten, mit Männern auszugehen. „Es ist die Freiheit, um die es geht. Dass Kinder auch Kinder und Teenager Teenager sein dürfen, und 16-jährige Töchter die gleichen Rechte haben wie der 16-jährige Sohn.“ Für sie gibt es in der muslimischen Welt eine „Geschlechter-Apartheid“. 

Dass Kinder im Ramadan fasten müssen, nennt die 55-Jährige Kindesmissbrauch

Die Unterdrückung fängt für die Autorin vieler Bücher schon im Kindesalter an. Wenn türkische Mädchen Kopftücher tragen müssten, hätten sie bereits das Gefühl, ihr Körper sei sexuell. „Man wächst auf mit einem Schamgefühl.“ Und diese Kopftuchpflicht stehe auch nirgends im Koran. Dass Kinder im Ramadan fassten müssten, nennt Ates „Kindesmissbrauch“. Und die gängige Argumentation, warum Frauen in Moscheen nicht neben Männern beten dürften, stellt die 55-Jährige ins Abseits. Wenn es heiße, Männer könnten sich bei der Anwesenheit von Frauen nicht aufs Gebet konzentrieren, ist das für sie „nicht nur frauenfeindlich, sondern auch männerfeindlich“. Ob muslimische Männer nicht in der Lage seien, ihre Sexualität zu kontrollieren, „nicht mal beim Gebet“? 

Ates: Immer mehr Moslems unterstützen die liberale Moschee in Berlin

Ates hat mit ihrer neuen, liberalen Moschee in Berlin viel Kritik und Anfeindungen erhalten, ist als Lesbe oder „unreine Frau“ diffamiert worden. Viele hätten Angst, in die Moschee zu kommen, weil ihr Umfeld das kritisch betrachte. Aber: Es würden immer mehr, die sie unterstützen. Inzwischen kämen „aus der ganzen Welt“ Moslems zum Freitagsgebet – teilweise mit Tränen in den Augen, dass sie „so etwas einmal erleben dürfen“.

Gegenoffensive gegen konservativen Islam in Kindergärten und Schulen gefordert

Der deutschen Politik wirft die Aktivistin falsch verstandene Toleranz vor. In der Islamkonferenz seien säkular denkende Moslems „verdrängt“ worden, dort seien nur noch die konservativen Verbände vertreten. Es gebe zu viel Verständnis dafür, wenn Eltern ihren Kindern ihre Religiosität aufzwängten. „Das verstehe ich nicht.“ Ates malt ein düsteres Bild, nach dem Moslems aus radikalen Staaten viel Geld in eine Bildungsoffensive via Internet investierten. Die Türkei, die Ates als „Scheindemokratie“ bezeichnet, sende Imame in rund 900 deutsche Moscheen, die einen konservativen Islam lebten. „Dagegen gibt es keine Gegenoffensive in Kindergärten, in Schulen“, kritisiert die 55-Jährige und warnt. Wenn der türkische Staatschef Erdogan propagiere, jede Türkin in Deutschland solle fünf Kinder bekommen, „dann hat er etwas vor“.

Fernziel: Eine Uni für zeitgemäßen Islam aufbauen

Auch bei diesem Vortrag in Heilbronn hat Seyran Ates wieder unter großem Sicherheitsschutz geredet. Polizisten und Security-Personal waren vor dem Gebäude und im Saal präsent. Es sei traurig, dass es so etwas notwendig sei, sagt die 55-Jährige. Sie will weiter für einen liberalen Islam kämpfen. Ihr nächstes Ziel: in Deutschland eine Universität eröffnen „für einen zeitgemäßen Islam“.

Für VHS-Geschäftsführer Peter Hawighorst war es ein eindrucksvoller Vortragsabend. Man habe sich von einem Bedrohungsszenario nicht abhalten lassen, Seyran Ates nach Heilbronn einzuladen. Hawighorst lobt die 55-Jährige als „sehr mutige und sehr visionäre“ Frau. Das Security-Personal im Saal hat die VHS finanziert. Der Vortragsabend war ausverkauft – gut 100 Karten mehr hätte die VHS noch verkaufen können. Dieser Vortrag war der Auftakt für eine Reihe besonderer Veranstaltungen im 100. Jahr der Heilbronner Volkshochschule. 

 

 


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