Tierheim-Chefin wünscht sich verantwortungsvollere Menschen

Interview  Durch den Neubau des Tierheims in den Böllinger Höfen sei die Situation für Tiere viel besser geworden. Trotzdem hat Tierheim-Chefin Silke Anders einen Wunsch: Menschen sollten sich Tiere nicht leichtfertig online bestellen.

Von Reto Bosch

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595 Katzen konnte das Heilbronner Tierheim im vergangenen Jahr vermitteln. Foto: Archiv/Seidel

Für viele Hunde, Katzen und andere Tiere ist das Tierheim in den Böllinger Höfen in Heilbronn die letzte Rettung. Vor rund fünf Jahren ist es in Betrieb gegangen. Vereinsvorsitzende Silke Anders ist mit den Anlagen zufrieden und betont im Stimme-Interview: Das war eine Investition in die Zukunft. Zu den größten Herausforderungen gehört nach wie vor die große Zahl an unkastrierten Katzen.

 

Frau Anders, das neue Tierheim ist jetzt seit rund fünf Jahren in Betrieb. Wie läuft es?

Silke Anders: Es läuft gut. Am Anfang hat es an der einen oder anderen Stelle etwas gehakt, auch, weil die Wege weiter sind als im alten Tierheim. Es gibt nicht mehr den zentralen Treffpunkt, wie wir ihn früher mit dem Hof hatten. Daran mussten wir uns gewöhnen, um den intensiven Austausch aufrecht zu erhalten. Ich denke aber, dass alle Beteiligten mit der Situation sehr zufrieden sind.

 

Tierheim-Chefin wünscht sich verantwortungsvollere Menschen
Das neue Tierheim in den Böllinger Höfen in Heilbronn ging 2014 in Betrieb. Foto: Archiv/Sawatzki

Wenn sie das neue mit dem alten Tierheim in der Wimpfener Straße vergleichen: Was sind die größten Unterschiede?

Anders: Wir haben jetzt die Möglichkeit, Menschen und Tiere individueller zu betreuen. Es gibt jetzt einen großzügigen und wunderschönen Empfangsbereich, in dem man Gespräche führen kann. Früher hatten wir nur ein kleines Büro, die Besucher mussten oft draußen warten. Der Empfang ermöglicht eine effiziente Aufteilung: Gassigeher, Besucher, Interessenten, Spender, Hilfesuchende. Und für die Tiere ist es viel besser geworden.

 

Wie genau?

Anders: Die Unterkünfte wurden so hell wie möglich gebaut. Die Katzen zum Beispiel bekamen im alten Tierheim relativ wenig Licht. Wir verfügen über 17 statt vier Katzenzimmer. Es müssen also nicht mehr so viele Tieren in einem Raum leben. Das ist gerade bei Katzen wertvoll, die ja eher Einzelgänger sind. Wir registrieren, dass scheue Katzen hier viel schneller zahm werden.

 

Das neue Tierheim war also eine Investition in mehr Tierschutz?

Anders: Ja, eindeutig. Die kleinen Räume erlauben es uns, Interessenten auch Katzenpärchen oder Tiere zu zeigen, die man nicht in der Gruppe halten kann - etwas stressanfällige Seniorenkatzen oder Tiere, die Sonderfutter benötigen. Das erhöht die Vermittlungschancen.

 

Zur Person: Silke Anders steht an der Spitze des Tierschutzvereins Heilbronn und Umgebung. Die 53-Jährige ist seit rund 20 Jahren im Tierschutz aktiv. Sie arbeitet im Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum in Lampoldshausen.

Tierheim-Chefin wünscht sich verantwortungsvollere Menschen

Der Neubau des Tierheims war möglich, weil die Bürger der Region bei einer Spendenaktion der Heilbronner Stimme rund 600.000 Euro gespendet haben. Geld kam außerdem von der Stadt Heilbronn, den Landkreiskommunen und dem Land Baden-Württemberg.

Wie sieht es bei den Hunden aus?

Anders: Hunde profitieren von den vielen Ausläufen. In der Wimpfener Straße hatten wir zwar vergleichsweise große, aber erheblich weniger Ausläufe. Dass wir die Flächen verkleinert haben, löste anfänglich Kritik aus. Die Praxis zeigte aber, dass sich die Tiere ohnehin meist an den Türen, in der Nähe der Menschen aufgehalten haben. Jetzt können alle Hunde tagsüber in den Auslauf. Früher mussten wir um 12 Uhr wechseln. Auch hier sind die Unterkünfte im Hundehaus innen deutlich heller, haben alle ein kleines Fenster, einen Windfang und eine Heizung von oben.

 

Stark verbessert ist ja auch der Kleintierbereich, oder?

Anders: Der ist viel besser geworden. Früher gab es einen dunklen Bereich hinter der Katzenquarantäne mit Boxen, heute können wir auf Käfighaltung verzichten, die Tiere haben eine große Fläche zur Verfügung. Dazu kommen große Außengehege. Wir müssen den Interessenten ja auch demonstrieren können, wie man Kleintiere halten sollte. Für die Vögel im Vogelzimmer gilt das auch, wo wir auf Freiflug oder große Volieren setzen.

 

Die Hoffnung war ja, dass sich mit dem neuen Gebäude der Tierschutzgedanke in der Region verbreiten lässt und der Verein leichter an Helfer und Personal kommt. Hat sich das erfüllt?

Anders: Bei den Ehrenamtlichen sehen wir keinen Effekt. Ich glaube: Wer sich engagieren will, dem ist es egal, ob das Tierheim alt oder neu ist, hier geht es um Gutes tun wollen an den Tieren. Zu beobachten ist aber ein größerer Zulauf, wir bekommen mehr Sachspenden, mehr Menschen kommen ins Tierheim, weil sie eine Patenschaft übernehmen oder einfach einmal durchlaufen wollen, und wir haben sehr viele Anfragen von Besucher- und Schulgruppen, was hilft, unsere Anliegen für die Tiere in die Bevölkerung zu tragen.

 

Wie ist die finanzielle Situation von Verein und Tierheim?

Anders: Im Vergleich zu zahlreichen anderen Tierheimen geht es uns sehr gut. Wir haben einen Jahreshaushalt von 860.000 Euro. Einnahmen erzielen wir aus Spenden, Erbschaften, Tiervermittlungen sowie aus den Zahlungen von Stadt Heilbronn und Landkreiskommunen für die Betreuung von Fundtieren. Auch wenn wir jetzt schon sagen können, dass wir 2020 alle Rechnungen bezahlen können: Ohne Spenden und Erbschaften geht es nicht - und die Rücklagen sind im Vergleich zur Verantwortung, die wir für die vielen Tiere übernommen haben, nicht hoch.

 

Haben Sie genügend Personal?

Anders: Es ist knapp. Wir hatten und haben mehrere Ausschreibungen. Jemanden mit der passenden Qualifikation zu finden, ist aber enorm schwierig, und manchmal gelingt es gar nicht. Mit diesem Problem kämpfen aber viele Tierheime. Besonders gesucht sind zum Beispiel ausgebildete Tierpfleger.

 

Wie viele Tiere werden im Durchschnitt versorgt?

Anders: 50 Kleintiere wie Kaninchen, Vögel, Mäuse, Wasserschildkröten oder Degus, knapp 200 Katzen, 65 bis 70 Hunde. Dafür stehen uns knapp 20 Mitarbeitende mit unterschiedlicher Stundenzahl, darunter fünf 450-Euro-Kräfte, zur Verfügung. Zusätzlich unterstützen uns aktuell eine Auszubildende sowie drei FÖJ-lerinnen.

 

Können Sie viele Tiere vermitteln?

Anders: Im vergangenen Jahr waren es 223 Hunde, 595 Katzen und 221 Kleintiere.

 

Der Deutsche Tierschutzbund hat für 2018 festgestellt, dass die Fälle des sogenannten Animal Hordings, also des krankhaften Tiersammelns, zunehmen. Gilt das auch für die Region?

Anders: Wir müssen immer wieder eine Vielzahl an Katzen von Bauernhöfen holen. Das fällt aber nicht unter das typische Animal Hording. 2019 hatten wir nur einen Fall, 2018 dagegen relativ viele. Die Frage ist immer, was entdeckt wird und was nicht. Dazu kommen Beschlagnahmungen wegen schlechter Haltung: Katzen, Tauben, Kaninchen.

 

Stellen die vielen Katzen noch immer die größte Herausforderung dar?

Anders: Mit Blick auf Menge und Krankheitsbild: ja. Wir hatten dieses Jahr beispielsweise nach längerer Pause mit der Katzenseuche zu kämpfen. Innerhalb von rund sechs Wochen bekamen wir ein Dutzend Hunde, die kaum vermittelbar sind. Nicht, weil sie alt, krank oder einäugig sind, sondern weil sie sich Menschen gegenüber unfreundlich verhalten. Das häuft sich. Da ist es auch schwierig, Gassi-Geher zu finden, zumal es sich bei den meisten dieser Hunde um große und kräftige Tiere handelt.

 

Geht es dabei um Kampfhunde?

Anders: Ja, auch. Und um Hunde, die ausgesetzt wurden und sich schon aggressiv gegenüber Menschen gezeigt haben.

 

Silvester rückt näher: Was ist Ihr größter Wunsch für das Tierheim?

Anders: Verantwortungsvollere Menschen, die sich nicht leichtfertig Tiere übers Internet bestellen. Denn oft landen diese dann bei uns. Die Leute sollen zu uns kommen, sich umschauen, sich informieren, mit ihrem Wunschtier ein paar Mal Gassi gehen. Dann lässt sich auch viel besser einschätzen, ob es passt. Und ganz wichtig: dass Katzen kastriert werden!

 

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