Streit als Indiz für gesellschaftlichen Fortschritt

Heilbronn  Autor und Soziologe Aladin El-Mafaalani stellt sein neues Buch "Mythos Bildung" vor. Die Kritik am Schulwesen wagt den Blick über den Tellerrand und plädiert für eine offene Streitkultur.

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Mit erkenntnisreichen Überlegungen zog Professor Aladin El-Mafaalani das Publikum im Silcherforum in den Bann.

Foto: Tina Schulze

Konflikt ist gut. So könnte man die Essenz des Vortrags von Aladin El-Mafaalani zusammenfassen. Dabei stimmt der 41-jährige Soziologe die etwa 350 Zuhörer im üppig besetzten Heilbronner Silcherforum mit sanfter Stimme und versierter Rhetorik ein. Eine Stunde referiert der Bestsellerautor am Dienstagabend über das missverständliche Image von Bildung in der modernen Gesellschaft. Und erzielt mit seiner streitliebenden Haltung durchaus Konsens.

Totale Logikumkehr des Solidaritätsbegriffs

Gleich zu Beginn stellt der Sohn syrischer Einwanderer die Weichen und der deutschen Gesellschaft ein positives Zeugnis aus: "Mit Ausnahme des Klimas ist heutzutage alles besser als früher." Untermauern kann er die Behauptung mit wissenschaftlichen Erkenntnisse. Mit Rechten von Frauen und Minderheiten etwa, oder Aufstiegs-, Einkommens- und Partizipationsmöglichkeiten. Eine nie gekannte Vielfältigkeit herrsche in der deutschen Gesellschaft. Man ahnt bereits: El-Mafalaani fasst das Bildungswesen ins Auge, der Blick schweift aber weit über den Tellerrand hinaus. Vom Feudalismus über die klassengeprägte Nachkriegszeit bis zum inklusiven Miteinander zeichnet er den zurückgelegten Erfolgspfad.

Hier aber lauert die Krux: "Durch die weitgefächerte Teilhabe ist der Zusammenhalt flöten gegangen." Er spricht von einem pervertierten Solidaritätsbegriff: "Früher bist du hingefallen und wusstest, die Gesellschaft hilft dir auf die Beine. Heute heißt es: Fall bloß nicht hin, sonst hältst du uns alle auf!"

Gleichheit in der Schule zementiert Ungleichheit in der Gesellschaft

Der einstige Berufsschullehrer El-Mafaalani spricht und schreibt aus eigener Erfahrung. Seinen 2018 erschienenen Erstling "Integrationsparadox" hatte der Spiegel als eines der "10 wichtigsten Bücher des Jahres" geadelt.

Zur Person

Aladin El-Mafaalani wurde 1978 in Datteln im Ruhrgebiet geboren. Nach dem Studium arbeitete er zunächst als Lehrer. Bevor er 2018 ins NRW-Landesministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration wechselte, lehrte er als Professor an diversen Universitäten. Derzeit hat er an der Uni Osnabrück den Lehrstuhl für Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft inne. Sein zweites Buch„Mythos Bildung. Die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft“ erschien letzte Woche beim Kiwi-Verlag und kostet 20 Euro.

Im neuen Buch "Mythos Bildung" räumt der preisgekrönte Geisteswissenschaftler auf mit den fehlgeleiteten Ansprüchen an das Bildungswesen: "Die Schule behandelt alle gleich, das erlebt man weder vorher noch nachher. Aber wenn Sie mit verschiedenen Startbedingungen eingeschult werden, zementiert das die Ungleichheit." Armut verdecke Begabung mehr als alles andere. Seine Forderung daher: eine Orientierung am skandinavischen Bildungssystem, "wo Schule nicht nur als Ort des Unterrichts gedacht wird", sondern sich ein ganzes Wohlfahrts-Team um die Belange der Kinder kümmert. Soziologen, Pädagogen, Ärzte und Psychologen "fangen das Kind auf, bevor es in den Brunnen gefallen ist".

Keine Aussöhnung in Sicht

Die Forderung nach kleineren Klassen wirft er flugs über Bord: "Das war mir im Buch zwei Sätze wert. Den Mythos hat die Wissenschaft entkräftet."

Er fordert grundsätzlich "alles auf den Prüfstand zu stellen", kontrovers aber realitätsnah. Und vor allem mit Blick Richtung Zukunft. Es sei nicht sinnstiftend, über Gegenwart und Vergangenheit zu streiten, weil in der Zukunft viel mehr Konsenspotenziale lägen. Streitpunkt Deutungshoheit. "Wir haben alles erreicht, was wir uns in den 80er-Jahren erträumt haben - nur eben mit nicht intendierten Nebeneffekten". Daher sieht er auch keine baldige Aussöhnung der Gesellschaft, "alles was wir haben, sind konstruktive Kontroversen". Verständlich, räumt er ein, dass dies schwer zu schlucken sei, doch genau diese Streitkultur sei das beste Indiz für zivilgesellschaftlichen Fortschritt.

Insofern versteht er das Aufkommen von Extremismus, nationalistisch wie religiös, als Gegenreaktion auf Öffnung und Integration der Gesellschaft. Ein bemerkenswert positiver Schluss einer eigentlich deprimierenden Bestandsaufnahme.


Kohler

Sebastian Kohler

Volontär

Sebastian Kohler arbeitet seit Oktober 2019 als Volontär bei der Heilbronner Stimme.

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