Spannende Zeitreise: Amerikaner in Heilbronn

Heilbronn  Zeitzeugen berichten über bewegte Jahre zwischen 1945 und 1992, als die US-Army in der Stadt Heilbronn Flagge zeigte und sich nicht nur Freunde machte.

Von Kilian Krauth
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Die Herbert-Hoover-Siedlung ist bis 1992 ein kleiner Stadtteil für sich: mit öffentlichen Einrichtungen, einem Lokal und einem großen Einkaufscenter.

"Do you have a Chewing gum for me?" Von Kaugummi und Schokolade über Jazz-Musik, Bars und Barracks bis zum Waldheide-Unglück reicht der Bogen, den sieben Zeitzeugen über "Die US-Amerikaner in Heilbronn" spannen. Bevor sie "Memories of Heilbronn" aufleben lassen, steckt Archivdirektor Christhard Schrenk auf Einladung von Stadtarchiv und Volkshochschule im Bankhaus an der Allee mit Fakten den Rahmen ab.

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs stößt die US-Army an Ostern 1945 von Westen her zum Neckar vor, um sich in der Trümmerstadt an den Aufbau demokratischer Strukturen zu machen: mit Gesetzen, Hilfsmaßnahmen und kulturellen Angeboten. 1951 beziehen 4000 Soldaten die ausgedienten Wehrmachtskasernen Badener, Hessen- und Schwabenhof und bilden mit ihren Wohnsiedlungen "einen eigenen Kosmos", wie Schrenk sagt. Freilich zeigt man auch in der City Flagge: in Bars, im Amerikahaus an der Lerchenstraße oder bei Veranstaltungen. Während Älteren "die Besatzer suspekt" sind, ist die Jugend von "den Befreiern begeistert", von ihrer Musik, von ihrer Mode, von Kaugummis.

 

 

Das Ziel: Völkerverständigung

Mit sozialen Aktionen, aber auch mit deutsch-amerikanischen Freundschaftswochen, Bällen, Volksfesten oder Flugtagen auf der Waldheide sind die "Amis" auf Völkerverständigung bedacht. Durchaus mit der Erfolg. "Gemischte Paare", so Schrenk, stellen 1955 ein Sechstel der Eheschließungen im Rathaus. Nebenbei bringen die Soldaten auch Dollars in die Stadt.

Mitunter fallen die - teils durch den Vietnam-Krieg traumatisierten - GIs negativ auf: als Schläger und Krügeklauer beim Volksfest, durch Sex und Drogen. Als Reaktion werden 1955 die Mitternachtsmission und ein Beratungsausschuss gegründet. Nicht immer leicht haben es sogenannte Besatzungskinder.

"Nachhaltig verändert" hat die Beziehungen der 1977 begonnene und am Ende von starken Protesten begleitete Ausbau der Waldheide zum Atomraketenstützpunkt, der 1985 mitten im Kalten Krieg im Pershing-Unfall mit drei Toten Soldaten gipfelt. 1988 beginnt der Abzug, 1992 wird in den Wharton Barracks die letzte US-Flagge eingeholt.

Zeitzeugen berichten

Spannende Zeitreise: Amerikaner in Heilbronn

Die Amerikaner sind sehr auf Völkerverständigung bedacht: mit sozialen Aktionen, Bildungsangeboten und öffentlichen Veranstaltungen wie hier im Stadion.

"Was von all' dem nachklingt und ganz persönliche Erlebnisse", so Moderator und VHS-Chef Peter Hawighorst, schildern bei dem spannenden zweistündigen Abend sieben Zeitzeugen. Rainer Sachse hat die ersten US-Convoys "mit lauter exotischem Zeug wie Kaugummis und Orangen" noch gut vor Augen, ebenso die "komischen Körbe und Striche", die sich bald als Basketball-Feld entpuppten. "Heftig" nennt er das Nachtleben im Südviertel, aber auch die privaten Bordelle an der Wollhausstraße. Gleichwohl klingt für ihn "nur Positives nach": vom Jazz über US-Spielfilme bis zum Radiosender AFN.

Peter Widder wohnt damals an der späteren John-F.-Kennedy-Siedlung und geht als Kind mit seinen amerikanischen Freunden in den Wharton Barracks und der Herbert-Hoover-Siedlung ein und aus. Dort isst er seinen ersten Hamburger und verdient sich als Tütentträger im Einkaufscenter, als Babysitter und Autowäscher "ein tolles Zubrot", mit dem er sich Popcorn und Kino leisten kann - und 1958 sogar ein Elvis-Konzert im pfälzischen Baumholder, das er mit dem Moped erreicht. Später integriert er Amerikaner im Deutschen Schäferhundverein und gibt als Berufsfeuerwehrmann der Army nach dem Pershing-Unfall Nachhilfe in Brandschutz.

Als Fahrer von Offizieren und US-Bussen verdient Anton Funk bei einem Dollar-Wechselkurs von 4:1 "gutes Geld" - und entdeckt nebenbei seine Liebe zum Jazz. "Glenn Millers Musik prägt mich bis heute", berichtet der Schlagzeuger, der mit Peter Quattländers Pit"s Dixieland Seven in Bars auftritt und auch allerhand unrühmliche Auftritte trinkender Soldaten und prügelnder Militärpolizisten erlebt.

Freundschaften fürs Leben

Schuhhändler Helmut Kaufmann hat 1951 vor dem Filmbühne-Kino beim Eisessen im Café Roma an der Allee - genau dort, wo heute die Volksbank steht - einen Freund fürs Leben kennengelernt: Robert A. Pfeiffer. Er wird "quasi zum Familienmitglied", feiert beim Liederkranzfasching mit, läuft im VfR-Trikot und organisiert schwarze Asche für die Schlaglöcher der Laufbahn im Stadion. 1987 zeigt er sich bei einer Visite beeindruckt, "was aus der Trümmerstadt geworden ist" - und lädt Kaufmann, "den mit den USA nur gute Gefühle verbinden" zum Gegenbesuch in sein Ferienhaus nach Vermont ein. "Vor 14 Tagen haben wir zuletzt telefoniert."

Dr. Elke Schulz-Hanßen zieht zwar erst 1981 nach Heilbronn, ist aber als SPD-Stadträtin unmittelbar in die Waldheide-Debatten involviert. Vor dem Unglück weigern sich Oberbürgermeister Hans Hoffmann und seine Nachfolger Manfred Weinmann, das Thema auf die Tagesordnung des Gemeinderates zu setzen. "Das geht uns nichts an. Das ist große Politik." Selbst die Stationierung der Atomraketen wird trotz heftiger Proteste und großer Ängste geleugnet - bis am 11. Januar 1985 ein Pershingmotor explodiert, Heilbronn zu einem Mekka der Friedensbewegung wird und die Räte einstimmig beschließen: "Pershings sind hier unerwünscht".

Konflikte am Küchentisch der Weinmanns

Landtagsabgeordneter Nico Weinmann, Sohn des damaligen OB und der Amerikanerin Arlyn, macht keinen Hehl daraus, dass es zu Zeiten des Kalten Krieges auch daheim am Küchentisch "Konflikte" gibt. Schon als Kind im "stets offenen Elternhaus" macht er mit Kommandeuren Bekanntschaft, weiß, "dass es überall solche und solche gibt" und schätzt vor allem die vielen integrativen Bemühungen, die er etwa über Fußballturniere selbst mitgetragen hat. Wer meine, "ein Joghurt habe mehr Kultur als ein Ami", könne immerhin dies von ihnen lernen: "Toleranz und Aufgeschlossenheit. Das ist heute vielleicht wichtiger denn je."

Suse Maurer knüpft über den deutsch-amerikanischen Freundschaftsball und über eine privat initiierte Frauengruppe Kontakte, die sie bis heute pflegt. etwa zu Ron und Virginia Kohl, denen sie nach der Renaturierung die Waldheide zeigt: die letzten Betonteile über gesprengten Bunkern, den zum Schafstall umfunktionierten Hubschrauber-Hangar. Woraufhin ihr der Offizier später unter dem Motto "Schwerter zu Pflugscharen" per E-Mail zu verstehen gibt: Nach 22 Jahren bei der US-Army, zeitweise "Auge in Auge mit dem Feind", habe er in Heilbronn gesehen, was möglich ist: nämlich Schritt für Schritt auf eine Welt hinzuwirken, die friedlich sein könnte.

 

 

 

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