Nachdenkliche Worte zum Jubiläum der Diakoniestation

Heilbronn  Wo bleibt der Mensch? Der Geschäftsführer der 150 Jahre alten Diakoniestation Heilbronn stellt die Kostenfixierung in der Pflege in Frage.

Von Carsten Friese
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Nachdenkliche Worte zum großen Jubiläum

Mitarbeiterinnen der Diakoniestation in heutigem, modernen Outfit. In vier Teams versorgen sie die Klienten.

Es ist ein stolzes Alter, zu dem man pathetische Sätze erwarten könnte. Doch zum Jubiläum 150 Jahre Diakoniestation Heilbronn überrascht Geschäftsführer Gerald Bürkert mit gesellschaftskritischen Worten. Man wolle das besondere Datum zum Anlass nehmen, auf die schwierige Situation in der Pflege aufmerksam zu machen.

Bürkert verweist auf das durchorganisierte Abrechnungssystem, in dem jeder betreute alte oder kranke Mensch streng nach Kostenrahmen eingeteilt und abgerechnet werden muss. Bei komplexen Fällen das Budget einzuhalten und den Menschen nicht zu vernachlässigen, sei "manchmal schwierig auszuhalten". Man müsste das System "auf neue Füße stellen", die Budgets zurück in die Pflege führen, findet er. Eine bestmögliche Pflege sei im heutigen System oft nicht abbildbar, "so wie wir es gern hätten". Andererseits erhalte man keine Kirchensteuer, müsse alles mit Kranken- und Pflegekassen abrechnen, wolle den Mitarbeitern auch gute Löhne zahlen. Die Wirtschaftlichkeit, nicht der Mensch, stehe heute im Vordergrund.

Gratwanderung unter strengen Budgetvorgaben

Nachdenkliche Worte zum großen Jubiläum

Gruppenbild vor dem Haus der Diakoniestation Heilbronn in der Moltkestraße Ende der 1980er-Jahre. Die Zahl der Hausbesuche hat sich zuletzt im Jahr 2018 bei 161.000 eingependelt.

Fotos: privat /Diakoniestation

Bürkert (39) nennt ein Beispiel. 29,75 Euro erhalte man von den Kassen für eine große Körperpflege. Wenn eine Fachkraft mit 59 Euro in der Stunde abgerechnet werde, wisse man, dass eine halbe Stunde für alles reichen soll. "Es ist schwierig, diese Gratwanderung hinzubekommen."

Es sei schwer, eine Station heute wirtschaftlich zu leiten. Für die Mitarbeiter gebe es eine Dokumentationspflicht "mit hohem bürokratischem Aufwand". Ohne die rund 600 Fördermitglieder, sagt er offen, könne man momentan keine schwarzen Zahlen schreiben. Deshalb ist es Bürkert ein Anliegen, die Diskussion über die Struktur in der Pflege anzustoßen - um wieder mehr Zeit für die Menschen zu haben. Weil es einfach notwendig sei, dass es solche Sozialangebote gibt. In einigen Fällen seien die Schwestern "für die Menschen der einzige Ansprechpartner, den sie noch haben".

Drei Pflegeteams,Wohnungsdienst, Betreeung

140 hauptamtliche Mitarbeiter zählen zum Team der Diakoniestation, die große Mehrheit sind examinierte Krankenschwestern, examinierte Altenpfleger und Pflegefachkräfte. Rund 70 Mitarbeiter bilden die drei Pflegeteams, eine bis zu 24-Stunden-Betreuung ist möglich. Team vier ist der Wohnungsdienst, der Menschen beim Bügeln, Putzen, Waschen, Einkaufen, Kochen zur Seite steht. Das fünfte Team sind Ehrenamtliche, die vor allem ältere, oft einsame Menschen betreuen.

Nachdenkliche Worte zum großen Jubiläum

Vor allem alte und kranke Menschen werden versorgt. Auf dem Bild aus den 80er Jahren verabreicht eine Schwester Insulin.

Die Anfänge der Diakoniestation Heilbronn liegen in einem Vereinsheim in der Bergstraße. 1869 gründeten Bürger einen Verein zur Unterstützung der häuslichen Krankenpflege. Diakonissen aus Stuttgart unterstützten die vor Ort ausgebildeten Schwestern. 1903 wurde das Haus in der Moltkestraße 25 gekauft, der Umzug folgte. Dramatische Stunden erlebten die Schwestern in der schweren Bombennacht im Dezember 1944: alle Schwestern suchten Zuflucht in einem mächtigen Sandsteingewölbe im Keller - und überlebten.

Fachkräftemangel schon gespürt

Heute ist die Sozialstation Heilbronn ein gemeinnütziger Verein, hat mit Magnus Lang und Eva Kießling einen ehrenamtlichen Vorstand. Geschäftsführer Gerald Bürkert leitet die Station seit 2015. Heute zählen auch ein ambulanter Hospizdienst und eine psychosoziale Krebsberatung der SLK-Kliniken zu den Angeboten im Haus. Konkurrenz gibt es auf dem Gebiet der Pflege einige. Den Fachkräftemangel hat die Diakoniestation schon gespürt. "Im Vorjahr waren wir unterbesetzt", sagt Bürkert. In diesem Jahr sehe es dagegen gut aus.

Woher die Schwestern und Altenpfleger in einem starren System die Motivation für ihre tägliche Arbeit nehmen? Bürkert überlegt nicht lange. Weil sie trotz schwieriger Umstände "viel Dank und Anerkennung erhalten", vor allem von Alten und Kranken, die in vielen Fällen "aus der Gesellschaft rausgefallen sind".

Festtermine

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In 30 knallgelben Smarts sind die Mitarbeiter heute unterwegs.

Foto: Friese

Zum 150. Geburtstag veranstaltet die Diakoniestation Heilbronn gleich drei öffentliche Termine: Los geht es am Donnerstag, 16. Mai, mit einem Jubiläumsgottesdienst in der Kilianskirche. Beginn ist um 17.30 Uhr. Prälat Harald Stumpf wird unter anderem am Gottesdienst mitwirken. Diakonie-Schwestern werden Szenen aus dem Alltag vorführen. Anschließend gibt es einen Sektempfang mit Häppchen. Die Festschrift zum Jubiläum wird vor Ort ausgelegt.

Einen Tag der offenen Tür veranstaltet die Diakoniestation am Samstag, 13. Juli, von 11 bis 17 Uhr rund ums Gebäude in der Moltkestraße 25. Ein Festnachmittag steht am Freitag, 18. Oktober, um 14.30 Uhr in der Heilbronner Harmonie im Kalender.

 

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