Mit sanftem Zwang in den Sattel gehoben

Region  Wie verhalten sich Pendler, wenn man ihnen ein Fahrrad sponsert? Eine Studie der Hochschule Heilbronn mit überzeugten Autofahrern kommt zu verblüffenden Ergebnissen.

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Mit sanftem Zwang in den Sattel gehoben

Erstaunlich viele Pendler, die bislang Auto gefahren sind, zeigen sich offen fürs Fahrrad. Das zeigen Zwischenergebnisse einer HHN-Studie.

Foto: Archiv/Berger

Mit dem Rad zur Arbeit? Wie viele haben sich das schon fest vorgenommen, dann die Idee aber verworfen und sich ins bequeme Auto gesetzt.

Gegen diese Macht der Gewohnheit kämpft Professorin Jana Heimel vom Studiengang International Business an der Hochschule Heilbronn (HHN): Sie hat im vergangenen Jahr ein Forschungsprojekt namens PendlerRatD gestartet, das Gewohnheiten von Berufspendlern ermittelt - und wie sie sich ändern, wenn man den Pendlern ein kostenloses Fahrrad samt kompletter Ausrüstung vor die Tür stellt. Das Ergebnis übertrifft sogar die Erwartungen die Forscherin.

Heimels Team befragte 2800 Berufspendler von beteiligten Firmen aus Heilbronn und Stuttgart zu ihrem Pendelverhalten - denn in beiden Städten wollte sie Fahrräder verteilen. Über 1000 von denen, die sich als überzeugte Autofahrer outeten - also mehr als ein Drittel - konnten sich vorstellen, sich als Testpersonen aufs Leihrad zu schwingen. Das hat Jana Heimel überrascht, denn bislang liegt der Radverkehrsanteil in Stuttgart bei nur acht Prozent. "Der Wille zum Umstieg scheint da zu sein", schließt die Forscherin daraus. Alltägliche Gewohnheiten zu verändern sei jedoch ein mühsames Unterfangen. Jana Heimel stellt sich der Herausforderung.

Ein erstes Zwischenfazit bringt positive Überraschungen

Nachdem 110 Testpersonen in Heilbronn zwei Monate lang über 26.000 Kilometer geradelt waren, kam das Projekt Anfang August auch nach Stuttgart. Bis Ende November sind dort etwa 175 Testradler unterwegs, die in sieben Gruppen zu je 20 bis 25 Personen jeweils vier Wochen lang leihweise ein Fahrrad oder Pedelec erhalten.

Mit den Ergebnissen aus Heilbronn wagt Heimel ein Zwischenfazit. Erste Ergebnisse zeigten, dass die Testpersonen das Pendeln mit dem Rad mehrheitlich positiv erlebten, sich fitter und ausgeglichener fühlten und das Radfahren in ihren Alltag integrieren wollten. "Uns erreichen Zuschriften von Testpersonen, die sich gleich nach ihrem Testradeln ein eigenes Fahrrad gekauft haben", berichtet Heimel, die selbst mehrmals wöchentlich mit Rad und Bahn von Stuttgart nach Heilbronn pendelt. Das macht ihr Mut für die Testphase in Stuttgart - und für die nächste Projektphase, die im Jahr 2020 starten und sich über längere Dauer, nämlich acht Monate, erstrecken soll.

Im Gegenzug für die kostenlose Nutzung der Leihräder erhalten die Wissenschaftler Daten für ihre Forschung. Die Pendler zeichnen täglich per Smartphone ihre Fahrstrecke auf, führen ein Pendler-Tagebuch und nehmen an Interviews teil.

Arbeitgeber schaffen Anreize zum Umsteigen

Die Pendler profitieren von der "PendlerRatD-App", die Heimels Team und die Projektpartner entwickeln. Sie plant die persönliche Route, navigiert, motiviert und verteilt Belohnungen, die der Arbeitgeber für die Beinarbeit auslobt. Nutzer können ihre persönliche Bilanz einsehen, die sämtliche Umstiegseffekte berücksichtigt - also die finanzielle Einsparung, den positiven Einfluss auf die Fitness und die eingesparte Umweltbelastung.

Insgesamt beträgt die Projektlaufzeit von PendlerRatD drei Jahre. Unterstützt wird das Projekt mit 425.000 Euro vom Nationalen Radverkehrsplan des Bundesverkehrsministeriums. Infos zum Projekt und den beteiligten Firmen stehen auf pendlerratd.com.

 


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