Lothar Hesser erzählt, worauf es als Wirt ankommt

Interview  Hadern ist (meistens) nicht seine Sache, um was es geht, ist Zufriedenheit: Lothar Hesser spricht im Stimme-Interview über sein Leben als Wirt in der Heilbronner Gaststätte Kernerhöhe, wo fast alles Kult ist.

Von Stefanie Sapara
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"Der  Tod hat keine Tasche"

Ein Becher Kaffee, eine Scheibe Brot und das dicke Reservierungsbuch immer griffbereit: Sein Frühstück mitten im Lokal, ein bisschen Zeit nur für sich, das genießt Lothar Hesser. Foto: Andreas Veigel

In der einen Ecke steht ein Kaffeevollautomat, und an der Wand hängt ein Flachbildfernseher. Das ist zusammengefasst das Neueste, was es in der Kernerhöhe in Heilbronn, besser bekannt als Hessersbeck, zu sehen gibt. Der Rest ist Kult. "Ich weiß gar nicht, warum", sagt Wirt Lothar Hesser. Wichtig ist ihm etwas anderes: Zufriedenheit mit dem, was man hat, und das Bestreben, genau daraus das Beste zu machen.

Herr Hesser, stand für Sie jemals zur Diskussion, kein Wirt zu werden?

Lothar Hesser: Ja, in der Not schon. Ich hab' viel Zeit gebraucht, bis ich zu der Person wurde, die ich heute bin. Locker. So, wie man mich halt kennt. So war ich nicht immer. Gelernt habe ich im kommunalen Verwaltungsdienst. Deswegen kenn' ich auch so viele Leute. Aber das war nicht so meins. Und jetzt bin ich hier so drin, dass ich es nie bereut habe, anderswo nicht so erfolgreich gewesen zu sein. Für vergossene Milch kriegt man eh nix mehr. Wichtig ist immer, das Beste draus zu machen.

Ihre Eltern werden froh gewesen sein, dass Sie den Betrieb übernommen haben.

Hesser: Ja, daheim war einfach Not am Mann. Ich war schon früh das Mädchen für alles, habe hier geholfen, da geholfen, Ware geholt. Mit der Zeit kriegst du Routine. Aber man kommt auch in eine Tretmühle. Früher hatten wir schon vormittags offen, da hat man funktionieren müssen, auch als Kind schon. Wissen Sie, manchmal verfolgt mich das noch, dass andere ihre Karriere gemacht haben, studiert haben. Andererseits: So, wie es jetzt läuft, könnte ich es mir nicht anders vorstellen. Nicht jeder Mensch kann alles, deshalb soll jeder das tun, was er kann. Und durch viel Übung bin ich jetzt hier drin, und so ist es am besten.

Lernt man, Wirt zu sein, oder trägt man so etwas auch in sich?

Hesser: Beides. Du musst dich schon auskennen. Viele machen Fehler mit der Betriebswirtschaft. Ein elektronisches Kassensystem habe ich eingeführt, weil es halt vorgeschrieben ist. Auch Lieferanten und Handwerker sollte man gut kennen. Und die Behörden. Und man muss immer bedenken: Essen und Trinken können die Leute auch daheim. Wichtig ist also, sich abzuheben. Es bringt nichts, wenn ich Pizza mache. Das hier ist ein schwäbisches Lokal. Wo es immer gut gekühltes Fassbier gibt. Das ist wichtig.

Fachliche Kompetenz ist das eine. Aber es menschelt ja auch sehr in Ihrem Job.

Hesser: Immer. Damit umzugehen, das eignet man sich über die Jahre an. Wichtig ist, dass ich immer den Überblick behalte und keinen vergesse, vor allem, wenn es sehr voll ist. Auch meine Leute wissen, dass sie hier immer für die Gäste da sein müssen, auch gedanklich. Gäste müssen angemessen bedient und behandelt werden. Es ist wie beim Fußball: Zusammengezählt wird am Schluss und gezittert zwischendurch. Wir schauen, dass der Laden zur Spielzeit läuft, und am Ende stellen wir dann hoffentlich fest, dass alles gut geklappt hat. Und ansonsten sage ich immer: Das Gefühl ist wichtiger als der Inhalt. Klar ist es mal voll und dauert dann etwas länger. Aber da kann man mit wenigen Worten viel sagen, sich entschuldigen. Und Konversation sollte immer nett und zum Schmunzeln sein, aber nie unter der Gürtellinie. Das ist ganz wichtig.

Ist es ähnlich wie beim Friseur: Man sollte bei allen Themen mitsprechen können?

Hesser: Ja und nein. Man merkt, ob jemand über etwas reden will oder nicht. Manche sind froh, wenn man sie zu bestimmten Dingen fragt. Aber alles hat auch seine Grenze. Manchmal, wenn ich über Politik spreche, steiger' ich mich auch rein. Da muss ich aufpassen. Was ich nicht leiden kann, ist, wenn sie hier ständig mit dem Handy telefonieren. Dann schick ich sie raus. Geht doch mich nix an, was da gesprochen wird, wo soll ich meine Ohren hinschicken? Über Burn-outs braucht man sich nicht zu wundern. Man muss doch auch mal abschalten können. Und wenn ich das Telefonieren hier bei dem einen dulde, machen es die anderen nach. Also dulde ich es jetzt nicht mehr.

Besitzen Sie ein Handy?

Hesser: Ja, ich habe mal eins gekriegt. Das liegt irgendwo oben im Haus. Ich nehm' das nie mit.

Die meiste Zeit verbringen Sie im Hessersbeck. Trotzdem scheint Sie jeder zu kennen.

Hesser: Klar, überall kennen sie mich. Kein Ahnung wieso. Das ging aber schon meinen Eltern so. Ich denke, es kommt auch daher, dass wir die nächstgelegene Wirtschaft am Hauptfriedhof sind. Vielleicht ist es auch der Stil, den ich hab'. Ich sprech' halt jeden an, grüße überall. Und frage meine Gäste immer, wie der Abend für sie war. Man schaut halt, dass es allen gut geht. Steht irgendwo ein leeres Glas, ist die Sauce am Tisch alle? Das Wort "aufmerksam" ist wichtig. Wer dann letztlich als Gast hierher kommt, ist mir völlig egal. Wie viel der auf dem Konto hat und so. Hier hängt eh keiner irgendwas raus. Jeder will normal behandelt werden. Und Dinge, die man vielleicht mitbekommt, mit denen geht man nicht hausieren.

Hier regiert immer noch der Charme der 50er Jahre. Die Leute kommen nicht wegen des modernen Ambientes zu Ihnen. Was schätzen die Menschen hier?

Hesser: Man sagt, wir seien Kult. Ich weiß gar nicht, warum. Das hat sich so eingebürgert. Hier geht es nicht immer glatt zu, es gibt Scherze, aber die dürfen nicht abgestumpft sein. Das ist mein Anspruch, und meistens bin ich damit gut gefahren. Und man darf halt auch nie denken: Du als Gast bist für mich Mittel zum Zweck, und ich bin froh, wenn du wieder weg bist. Das merkt der. Man darf nicht zu offen sein, aber eben ehrlich, auch wenn es stressig ist. Und selbst, wenn es morgens 4 Uhr ist, und ich müde bin: "Gute Nacht" und "Guten Morgen" gehören hier immer dazu. Ach so: Und hier drinnen, da sagen mir die Leute immer, dass ich bloß nix ändern oder modernisieren soll. Dabei will ich das eh nicht. Ist doch alles gut.

Es gibt einige Events, da ist der Besuch bei Ihnen für viele Pflicht.

Hesser: Am Rosenmontag kommen sie alle. Ich mach' keine Werbung, aber alle kommen. Und wehe, ich würde da kein Fest machen. Das gehört hier dazu. Genauso wie ich an Heiligabend bis 16 Uhr geöffnet habe. Das ist Tradition. Und Totensonntag auch, weil viele nach dem Friedhofsbesuch noch einkehren wollen.

Bleibt Ihnen Zeit für Hobbys?

Hesser: Hobbys? Mmh. Da fällt mir nix ein. Vielleicht meine Zeitung. Ich muss ja Bescheid wissen über alles. Urlaub mache ich auch eher nicht. Wenn, dann nur spontan. Ich sage immer zu mir: Man muss sich auch mal von außen betrachten lassen, sonst wird man betriebsblind. Deshalb geh" ich ab und zu ins Theater. Dann sieht man, dass es noch andere Berufe und andere Sorgen gibt, und ich sage mir wieder: Sei zufrieden mit dem, was du hast, auch wenn mal nicht alles glatt läuft. Und überschätze dich nie selbst. Diese Gefahr ist nämlich immer da, wenn man nichts anderes kennt. Das ganze Leben ist doch eine Maß-Frage. Es gibt Leute, die früher viel erfolgreicher waren als ich, aber heute mit ihrer Gesundheit Sorgen haben. In dieser Beziehung geht es mir besser. Man muss Realist sein. Lernen, mit den Dingen umzugehen. Am Ende musst du dich ja stellen. Auch dem Tod. Und der hat keine Tasche.

Würden Sie sagen: Die Wirtschaft ist mein Leben?

Hesser: Ja klar. Mittlerweile bin ich hier angekommen. Man kann sich immer fragen: Gibt man auf oder schaut man nach vorne? Klar habe ich manchmal Angst und frag' mich: Was ist, wenn du ausfällst? Und natürlich gibt es viele stressige Tage. Aber das hier ist nunmal mein Geschäft, da jammert man nicht. Ich mach' das hier auch noch mindestens zwei bis drei Jahre. Dann wird wieder neu nachgedacht.

 

Zur Person

Zeit seines Lebens wohnt Lothar Hesser, geboren im März 1953, in der Heilbronner Wollhausstraße 111. In diesem Haus liegt das Wirtshaus Kernerhöhe, das es seit 1919 gibt. Bis 1968 war im heutigen Nebenzimmer ein Lebensmittelladen mit Bäckerei untergebracht. Erreichbar ist Lothar Hesser ausschließlich persönlich vor Ort oder telefonisch.


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