Lösungen für Wohnungsnot in Heilbronn gesucht

Heilbronn  Die Lokale Agenda Heilbronn hatte zu einer Expertenrunde über die Wohnungsfrage geladen. Das Thema bewegt die Gemüter seit Wochen. Einfache Rezepte gibt es nicht.

Von Bärbel Kistner

Diskussion bei der Lokalen Agenda.

An diesem Freitag entscheidet der Heilbronner Gemeinderat über baulandpolitische Beschlüsse. Am Vorabend hatte die Lokale Agenda zu einer Expertenrunde ins Heinrich-Fries-Haus geladen, um über die Wohnungsfrage und mögliche Lösungen zu debattieren.

Rolf Gassmann, Vorsitzender des Mietervereins Baden-Württemberg, hat sich gut über die Heilbronner Situation informiert und kommt zu dem Schluss, dass der momentane Zuwachs an Wohnungen bei weitem nicht für den Zuwachs an Einwohnern reicht. Insgesamt sei der Markt aus den Fugen geraten. Ein Plus von 23 Prozent bei den Mieten in den vergangenen Jahren hat Gassmann für Heilbronn ausgemacht.

Er ist Verfechter einer Quote für geförderten Wohnraum: "Bauträger brauchen verbindliche Standards und keine Prüfanträge oder Absichtserklärungen".

Beispiele aus München und Ulm

Gassmann verweist auf die Stadt München, die seit 20 Jahren erfolgreich mit einer 30-Prozent-Quote operiere. 12.000 geförderte Wohnungen seien seither entstanden. Ulm und Ludwigsburg arbeiten nach dem Prinzip, nur dann Baurecht zu schaffen, wenn alle Grundstücke der Stadt gehören. Auch die Konzeptvergabe beim Verkauf städtischer Grundstücke hält Gassmann für ein gutes Mittel, um Einfluss zu nehmen auf das, was gebaut wird.

Beim Modellquartier im Neckarbogen hat Heilbronn so verfahren und die Grundstücke nach dem Konzept und nicht nach Höchstpreis verkauft. Dass geförderter Wohnraum nicht hässlich sein muss, davon ist Carmen Mundorff, Sprecherin der Architektenkammer in Baden-Württemberg, überzeugt. Wichtig sei vor allem eine Mischung der Bewohnerstruktur in Mehrfamilienhäusern, um den sozialen Frieden zu sichern. Auch für Mundorff ist Ulm eine "Paradiesstadt, was den Wohnungsbau betrifft". Duch ihre Baulandpolitik könne die Stadt Ulm Einfluss auf Investoren nehmen und bei stadteigenen Grundstücken Quoten für geförderten Wohnraum durchsetzen.

Immer mehr Single-Haushalte

Die Architektin verweist auf die steigende Zahl von Haushalten mit Alleinstehenden im Land: 2005 waren es noch 37,6 Prozent, inzwischen ist die Zahl auf rund 43 Prozent geklettert. Auch diese Zahl lässt aufhorchen. In Baden-Württemberg haben 3,63 Millionen Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein. Höher und dichter zu bauen, sieht Mundorff als Aufgabe der Zukunft und rechnet vor: 8000 Wohneinheiten verbrauchen in dieser Bauweise 628 Hektar Fläche. Als Einfamilienhäuser gebaut, wären es 4190 Hektar, das entspräche der Fläche der Stadt Ludwigsburg. Dichtere Bauweise habe positive Effekte auf die Infrastruktur.

Mundorff will nicht nur private Investoren in die Pflicht nehmen, viele müssten sich aber auch selber "am Schlawittchen packen", wenn es darum ginge, Bauvorhaben vor der eigenen Nase verhindern zu wollen. Wichtig für Kommunen sei aber auch, genau zu hinterfragen, welche Art von Wohnungen gebraucht werden. Kluge Grundrisse seien gefragt, die auch für kleinere Wohnungen funktionieren.

Schafft es die Stadtsiedlung allein?

Susanne Bay, Grünen-Stadträtin und als Landtagsabgeordnete wohnungsbaupolitische Sprecherin ihrer Fraktion, ist sich sicher, dass die in den baulandpolitischen Beschlüssen für Heilbronn angestrebten fünf Prozent gefördertem Wohnraum nicht ausreichen werden. Deshalb könne es auch nicht alleine die Stadtsiedlung richten, entsprechenden Wohnraum für Menschen mit kleinem Geldbeutel zu bauen.

Dies von privaten Investoren zu fordern, sei nicht unverschämt, sondern legitim: "Die Bauträger verlassen sich auf die Infrastruktur." Wer diese bereitstelle, etwa Verkäuferinnen oder Arzthelferinnen, müsste sich die Stadt zum Wohnen auch noch leisten können. Die Grünen fordern deshalb eine verbindliche Quote bei Baugrundstücken ab 3000 Quadratmetern. Auch sollte es künftig keine reinen Einfamilienhaus-Gebiete mehr geben, sondern von Anfang an eine Durchmischung mit Geschosswohnungsbau geplant werden. Das erlaube auch älteren Bewohnern, dort zu bleiben, wenn ihnen ein großes Haus mit Garten zu viel werde.

Fördergelder nicht abgerufen

Dass 60 Millionen Euro an Fördergeldern nicht abgerufen wurde, liegt für Bay daran, dass man im Land jahrelang aus dem Tritt geraten war bei gefördertem Wohnungsbau. Das verbliebene Geld soll auf das neue Förderprogramm übertragen werden. Eine wichtige Neuerung darin: Bis 2016 konnte nur für Ballungsräume Fördergeld beantragt werden, jetzt können auch kleinere Kommunen zum Zuge kommen, und mit Unterstützung geförderte Wohnungen bauen. "Das nimmt den Druck von den Städten", ist Bay sich sicher.

Mit dem Antrag auf eine verbindliche Sozialquote für Heilbronn wolle man niemanden etwas wegnehmen. "Wir ringen vielmehr um die die beste Lösung." Von Heilbronn als Regionshauptstadt müssten entscheidende Signale ausgehen. Die rege Diskussion mit dem Publikum ergab weitere Aspekte. Joachim Beuchert von der Stadtsiedlung etwa sieht vor allem Bedarf für Wohnungen zu einem Mietpreis zwischen acht und elf Euro. In diesem Bereich seien Neubauten nötig: Dadurch würden auch günstigere Wohnungen frei.

Der vergleichbare "Sickereffekt" durch den Bau hochpreisiger Wohnungen - das Gros dessen, was in Heilbronn auf den Markt kommt - hält er dagegen für ganz gering. Christoph Böhmer, Chef des Stadtplanungsamts, bekräftigte die Position der Verwaltung, die einer verbindllichen Quote für Heilbronn ablehnend gegenüber steht.

 


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