In Heilbronn wird die Orgel im Deutschordenmünster aufpoliert

Heilbronn  Im Heilbronner Deutschordenmünster geben dieser Tage Orgelbauer aus Lauffen den Ton an. Sie reinigen, sanieren und erweitern für 250.000 Euro die Orgel. In aller Ruhe, denn öffentliche Gottesdienste sind wegen Corona tabu.

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Seit Aschermittwoch und wohl noch bis weit in den Juni hinein wird die Orgel am Heilbronner Deutschordensmünster für 250?000 Euro saniert.

Foto: Dennis Mugler

Zuletzt haben sie im Januar in Norwegen eine nagelneue Orgel montiert. Angesichts der Corona-Pandemie können die Mitarbeiter der traditionsreichen Lauffener Orgelbaufirma Richard Resch von Glück sagen, dass ihre aktuelle Baustelle fast vor der Haustür liegt. Im Heilbronner Deutschordensmünster reinigt, saniert und erweitert das hochmusikalische Team um Firmenchef Philipp Dominik Neßling seit Aschermittwoch die dortige "Königin der Instrumente".

Nicht mehr auf dem Präsentierteller

"Eigentlich haben wir uns das Orgelfasten anders vorgestellt", gibt Münsterkantor Michael Saum zu verstehen, der sich schon gut mit einer eigens im Chorraum neben Pfarrer Roland Rossnagel platzierten mobilen Truhenorgel arrangiert hatte - "obwohl man da auf dem Präsentierteller sitzt". Doch seit wegen der Infektionsgefahr gar keine öffentlichen Gottesdienste mehr stattfinden dürfen, ist auch dieses Problemchen vom Tisch.

4000 Pfeifen aus Metall und Holz

Orgelbauer Jonas Spohn versucht der Situation das beste abzugewinnen: "Jetzt können wir wenigstens in aller Ruhe durcharbeiten." Spätestens Ende Juni, im Idealfall zum Patrozinium von St. Peter und Paul, also am 29. Juni, soll das Werk vollendet sein. Mit welchem Musikstück Saum über maximal drei Mal 61 Tasten und 32 Pedale bis zu 4000 Pfeifen zum Klingen bringen will? "Darüber mache ich mir derzeit keine Gedanken, da haben wir ganz andere Probleme und Sorgen."

Nicht mehr die Finger verbrennen

Während Paul Neßling den Kollegen Marco Greiner und Dalibar Trfunov vorsichtig einige auf einem Holzständer fixierte Pfeifen reicht, die diese zu einer improvisierten Werkstatt in der Turmkapelle tragen, stehen Saum und Spohn am Orgelbock. Sie brüten über einem technischen Problem. Spohn greift zum Spieltisch, stemmt ein großes Element heraus - und im Handumdrehen scheint eine Lösung gefunden zu sein. Nagelneu ist auch die Tischbeleuchtung. "Da hatte sich mancher Kollege nach seinem Gastspiel die Finger verbrannt", gibt Saum augenzwinkernd zu verstehen. Mit den neuen LED-Elementen sollte das allerdings nicht mehr passieren.

Längste Pfeife misst sechs Meter

In Heilbronn wird Königin der Instrumente aufpoliert

In der Turmkapelle, dem ältesten Sakralraum Heilbronn, haben sich die Lauffener Orgelbauer eine gut ausgeleuchtete Werkstatt eingerichtet.

Während die Elektronik auf Höhe der Zeit gebracht wird, habe sich bei der Orgeltechnik seit 500 Jahren kaum etwas verändert, wissen Saum und Spohn. Im Prinzip besteht jede Orgel aus lauter kleinen Flöten, über die durch einen großen Balg wohl dosiert Luft geblasen wird. Die größte Pfeife ist sechs Meter oder 16 Fuß hoch und gehört zum Kontrabass, die kleinste 15 Zentimeter, wobei allein der Befestigungsfuß hier 14,5 Zentimeter misst, die eigentlich Flöte wenige Millimeter. Tonhöhe: 15 000 Hertz. Unterschiedliche Tonfärbungen ergeben sich auch aus dem Material: überwiegend variable Zinn-Blei-Legierungen, teils auch Holz. "Eine Elektroorgel wird nie an den Klang einer echten Orgel heranreichen", weiß Spohn. Jede Pfeife sei ein eigener Resonanzkörper. Ein Lautsprecher, und sei er noch so groß, könne da nicht mithalten. Selbst gute E-Orgeln gäben nur Töne von sich, die an ihren großen Vorbildern aufgenommen worden seien, weiß Saum.

Etliche Mängel müssen beseitigt werden

Zwar sei die Münsterorgel erst vor 24 Jahren von der Firma Seifert aus Kevelaer installiert worden, gleichwohl seien zuletzt einige technische Mängel aufgetreten. Bei Klebestellen wurde an den Bälgen Pattex statt Heißleim verwendet. Probleme machten auch die Pulpeten, also Dichtungen an Ventilabzugsdrähten. Zudem waren einige Pfeifen schwer zugänglich und schlecht aufgehängt. Nicht zuletzt spielte die Spielmechanik nicht immer mit.

Baustelle wirbelten Staub auf

In Heilbronn wird Königin der Instrumente aufpoliert

Jonas Spohn richtet am Orgelbock die Elektronik des Spieltischs.

Benachbarte Großbaustellen der letzten Jahre hätten der Orgel zudem zugesetzt, berichtet Saum. "Manchmal kam der Mesner und musste erstmal alle Kirchenbänke saubermachen." So sei auch das Orgelgehäuse arg verstaubt gewesen, verursacht durch den Bau der Stadtgalerie, dem Abriss des C&A, Marrahaus-Baustelle, Umbau der Kirchbrunnenstraße plus Kirchenterrasse. Kurzum: Die Reinigung und Generalüberholung seien unumgänglich. Außerdem blieben beim Einbau 1996 drei Register vakant, erklärt Saum. "Eine Ergänzung wäre schön, wobei es hier nicht um Lautstärke geht, sondern um Vollständigkeit des Klangkonzepts."

Bürger können für die Sanierung der Orgel spenden

Die Bürger von Heilbronn haben bei Spendenaktionen für prominente Bauwerke schon oft bewiesen, wie sehr ihnen die Kulturgüter ihrer Stadt am Herzen liegen: von der Kilianskirche bis zum Theresienturm. Darauf baut auch die katholische Kirchengemeinde St. Peter und Paul.

In ihrem Deutschordensmünster wird derzeit die Orgel saniert. Kostenpunkt: 250.000 Euro. Der Spendenstand nähert sich der Marke 100.000 Euro − wie am Zeiger einer Stele ablesbar ist. Die Aktion steht unter dem schönen Motto "Von Ihrer Spende werden alle hören".

Oberbürgermeister Harry Mergel hat die Schirmherrschaft übernommen. Die Seifert-Orgel gehöre "fest zum Kultur- und Musikleben unserer Stadt". Pfarrer Roland Rossnagel erinnert daran, dass Orgelbau und Orgelmusik seit 2017 als "immaterielles Kulturerbe der Menschheit" von der Unesco anerkannt und geschützt sind."Das Instrument hat seine Qualität zweifelsohne bewiesen" erklärt Münsterkantor Michael Saum: seit 1996 in rund 6000 Gottesdiensten und hunderten von Konzerten. So sei etwa die Reihe der Heilbronner Meisterkonzerte eine kulturelle Größe für die Region, aber auch ein "großartiges Zeichen ökumenischer Zusammenarbeit" mit der evangelischen Kilianskirche.


Kilian Krauth

Kilian Krauth

Autor

Kilian Krauth kümmert sich um die Heilbronner Kommunalpolitik, um historische und kirchliche Themen sowie um den Weinbau der Region und weit darüber hinaus.

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