Im Jugendgemeinderat macht Politik richtig Spaß

Interview  Rund 6000 Heilbronner Jugendliche dürfen im Februar genau 20 neue Jugendgemeinderäte (JGR) wählen. Bis 6. November läuft die Kandidatensuche. Ratsvorsitzende Lisa Roth (18) berichtet im Stimme-Gespräch, was die Nachwuchspolitiker beschäftigt, was sie bewegen und wie sie das tun.

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Im Jugendgemeinderat macht Politik richtig Spaß

Lisa Roth, ihren Stellvertretern Mehmet Can Sözen (li.) und Marco Heine sowie 17 anderen Räten macht die Arbeit im Jugendgemeinderat sichtlich Spaß.

Foto: Stadt Heilbronn

Was macht Ihnen eigentlich mehr Spaß: Käthchen sein oder die Arbeit im Jugendgemeinderat?

Lisa Roth: Mir macht beides Spaß. Aber man kann das schwer vergleichen, das ist wie Äpfeln und Birnen, oder sagen wir wie bei Kleist und Heuss. Okay, beide Ämter dienen der Stadt, wobei das Käthchen eigentlich repräsentativen Aufgabe hat. Als Jugendgemeinderat kann man indes Ideen einbringen und bei vielem mitgestalten oder mitreden.

 

Dieses Jahr wurde erstmals eine ehemalige Jugendrätin zur Stadträtin gewählt. Ist der JGR ein Sprungbrett in die große Politik?

Roth: Er schafft jedenfalls Berührungspunkte mit politischem Handeln und mit vielen politischen Akteuren. Manche von uns wollen Politikwissenschaft studieren. Neben Isabell Steidel haben zwei andere Räte kandidiert: Lea Mariano und Jakob Dongus. Außerdem ist Marco Heine in einer Partei. Ich halte mir das noch offen. Tatsächlich symbolisiert man nach außen ein Stück Kommunalpolitik und ist auch Ansprechpartner dafür. Politik aus Schulbüchern ist ja eher trocken, aber live macht"s richtig Spaß. Man kann mitmischen, was bewegen, das prägt schon ein bisschen und kann ein Zukunftsweiser sein.

 

Wozu braucht man eigentlich ein eigenes Gremium für junge Leute?

Roth: Weil in der Stadt sehr viele Jugendliche leben und man erst ab 18 Jahren Stadtrat werden kann. Der JGR ist wichtig, um die Interessen und Sichtweisen der Jugend einzubringen. Erwachsene sehen vieles anders oder gar nicht. Zum Beispiel Nachtbusse, für Ü-30er ist das gar kein Thema. Das Hip Island gäbe es ohne uns gar nicht mehr und vielleicht auch die Beach- und Volleyballplätze in den Wertwiesen nicht.

 

Habt Ihr im Rathaus was zu sagen oder hat das Gremium nur Alibifunktion, fühlt Ihr Euch ernstgenommen?

Roth: Nun, es hängt natürlich immer vom Thema ab. Aber wir haben im richtigen Gemeinderat tatsächlich Rede-, Anhörungs- und Antragsrecht. Einmal im Jahr gibt es eine gemeinsame Sitzung, wir dürfen auch eine Etatrede halten. Der JGR entsendet zudem Vertreter in den Arbeitskreis Fußgänger und Radverkehr, den Beirat für Partizipation und Integration und in den Jugendhilfeausschuss. Außerdem werde ich als Vorsitzende in viele Fraktionssitzungen geladen. Letztlich hängt es auch an der Verwaltung, wie ernst man genommen wird, aber da geht es den Stadträten ähnlich.

 

Die Namen der Mitglieder des Jugendgemeinderates lassen darauf schließen, dass die meisten Eltern aus dem Ausland stammen.

Roth: Das spiegelt die Stadtgesellschaft wider, zwei Drittel der Heilbronner unter 18 haben einen Migrationshintergrund. Vielfalt tut unserem Gremium gut, wir bekommen Zugang zu anderen Gruppen und zu anderen Meinungen, letztlich wirken wir so auch integrativ.

 

Was ist Euer größter Erfolg?

Roth: Wie gesagt, das Hip Island und die Plätze im Wertwiesenpark. Der schon 2002 eingeführte Nachtbus ist ein Meilenstein, wobei er ein Dauerbrenner ist, weil wir nach den zwei Linien nach Westen und in den Süden um 1 Uhr und um 2 Uhr gerne einen zeitlichen Ausbau hätten.

 

Was war Ihre größte Niederlage?

Roth: Ich war gefrustet, als ich vor der Buga eine Anfrage an die Verwaltung stellte, ob man nicht das historisch und sozial wertvolle Schleusenwärterhäuschen, das zuletzt als Obdachlosenunterkunft diente, erhalten könnte. Der JGR wäre bereit gewesen, bei der Renovierung mitzuhelfen. Die Antwort lautete: "Es wird schon niemand erfrieren."

 

Zur Person

Die heute 18-jährige Lisa Roth kam im Jahr 2000 in München zur Welt, lebt aber seit 2002 mit ihren Eltern Christian Roth und Marion Rathgeber-Roth, die Heilbronner FWV-Stadträtin ist, in Biberach. Über das Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium kam Lisa Roth an die Peter-Bruckmann-Schule, wo sie im Frühjahr ihr Abitur macht. Danach will sie in Ludwigsburg Public Management studieren. Seit 2016 wurde sie zweimal zur Vorsitzenden des Jugendgemeinderates gewählt, ihre Vertreter sind derzeit Marco Heine und Mehmet Can Sözen. Seit April 2018 ist Lisa Roth eines der vier Käthchen von Heilbronn. Die Turnerin und Tennisspielerin ist Mitglied im TSV Biberach.

Sie machen im April Abi. Kriegt man als Schüler das alles unter einen Hut?

Roth: Das ist eine Frage der Organisation und der Unterstützung durch die Eltern, wenn man etwa als Stadtteilbewohner auf das Mama- und Papa-Taxi angewiesen ist. Auch ein gewisses Entgegenkommen der Schule ist notwendig, wenn man mal frei braucht. Ansonsten spielt sich das meiste abends ab. Jeden Monat hat man um 18 Uhr eine Sitzung, die drei Vorsitzenden bereiten sie mit der Geschäftsstelle vor. Jeder Rat sollte in zwei Arbeitskreisen mitmachen, die sich einmal im Monat treffen. Dann gibt es noch Seminare, Exkursionen und Papierkram, für den ich einen halben Nachmittag pro Woche brauche, und manchmal Einladungen zu Veranstaltungen.

 

Fällt man nach der Wahl eigentlich ins kalte Wasser?

Roth: Nein, es gibt ein Wochenend-Einführungsseminar mit der Landeszentrale für politische Bildung, auch Vorgänger geben Tipps. Nach einem halben Jahr bekommen wir ein Rhetorikseminar, außerdem viele Angebote für Seminare und Workshops oder Dachverbandstreffen. Marco Heine war sogar drei Wochen bei einem Begegnungsprojekt in den USA, auch in Berlin und Leipzig. Außerdem besuchten wir auf Einladung der heimischen Abgeordneten den Landtag und den Bundestag.

 

Angenommen, Sie hätten als JGR-Vorsitzende einen Wunsch frei.

Roth: Dann wünsche ich mir eine Neukonzeption des Nachtbusses. Nicht jeder hat genügend Geld für ein Taxi, manche setzen sich dann leichtsinnigerweise hinters Steuer, das gefährdet nicht nur sie selbst, sondern auch andere. Dass junge Leute sicher nach Hause kommen: Das sollte allen wichtig sein.

 

Kandidaten werden gesucht

Noch bis 6. November können sich Heilbronner Jugendliche als Kandidaten für die Wahl des Jugendgemeinderats (JGR) aufstellen lassen. Wählbar – und wahlberechtigt – sind alle Jugendlichen, die zum Zeitpunkt der Wahl in Heilbronn ihren Hauptwohnsitz haben, im Wahljahr 14 Jahre alt sind oder werden, beziehungsweise in die achte Klasse gehen und am letzten Tag der Wahl noch nicht 18 Jahre alt sind. Die eigentliche Wahl findet vom 3. bis 7. Februar 2020 statt.

Dann sind knapp 6000 Jugendliche aufgerufen, 20 Jugendgemeinderäte für eine zweijährige Amtszeit zu wählen. Der JGR gehört seit mehr als 20 Jahren fest zum politischen Bild von Heilbronn. Durch seine Arbeit konnten viele jugendrelevante Angelegenheiten aufgegriffen und umgesetzt werden. Bei der Wahl 2018 traten zuletzt 43 Jugendliche als Bewerber an. 2016 waren es sogar 53 Bewerbungen. Die Wahlvorschläge sind von Schülern an ihren Heilbronner Schulen einzureichen. Jugendliche, die keine Heilbronner Schule besuchen, können ihren Wahlvorschlag im Olga-Jugend- und Familienzentrum, Olgastraße 45, abgeben. Vordrucke sind an den jeweiligen Wahlstellen vor Ort erhältlich.

Weitere Informationen im Internet unter Adresse https://jugendgemeinderat.heilbronn.de

 

 

Kilian Krauth

Kilian Krauth

Autor

Kilian Krauth kümmert sich um die Heilbronner Kommunalpolitik, um historische und kirchliche Themen sowie um den Weinbau der Region und weit darüber hinaus.

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