Heilbronner Mekka für Nähfans

Heilbronn  Beim deutsch-holländischen Stoffmarkt in Heilbronn herrscht großer Andrang trotz Corona-Epidemie. Rund hundert Händler sind am Start. Der Markt profitiert von der Do-it-yourself-Welle.

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Zur Mittagszeit gibt es am Samstag in der Unteren Neckarstraße in Heilbronn kaum ein Durchkommen mehr. Der deutsch-holländische Stoffmarkt mit seinen rund hundert Ständen ist ziemlich anziehend. Trotz Corona-Epidemie. Vor der Kasse des Selbstbedienungs-Bändershops steht eine lange Warteschlange. Auch wenn der Besuch am Nachmittag durch einzelne Regenschauer zeitweise etwas stockt, ist der Markt immer noch ein Selbstläufer. Kein Wunder: Nähen und Selbermachen boomt in Deutschland. Davon profitiert der Stoffmarkt.

Die Kunden suchen das direkte Fachgespräch

Twan Gerrits ist einer der holländischen Stoffhändler. Er verkauft unter anderem Deko-, Kunstleder- und Outdoor-Ware. "Heilbronn ist ein guter Marktstandort", sagt Gerrits. Dass Nähen so in Mode ist, erklärt er sich so: "Was Eigenes zu machen, ist exklusiv. Man kann Trends setzen."

Gerry Willemsen ist auch eine holländische Händlerin. Sie bietet Tischdecken und beschichtete Baumwolle an. In ihrer Heimat habe das Internet das Geschäft kaputt gemacht, berichtet sie. "In Deutschland ist das noch nicht so." Die Kunden würden auf den Märkten das Fachgespräch suchen. Vielleicht sei das das Erfolgsgeheimnis des analogen Geschäfts.

In Deutschland ist das Nähen wieder in Mode gekommen

Hier wird noch das direkte Fachgespräche von Kunde zu Händler gepflegt: der deutsch-holländische Stoffmarkt in der Unteren Neckarstraße in Heilbronn.

Foto: Dennis Mugler

Schon das dritte Mal ist Kristin Franke mit ihren bunt bedruckten T-Shirt- und Pullover-Stoffen beim Heilbronner Stoffmarkt dabei. Sie kommt aus Münster/Westfalen. "Der Heilbronner Markt lohnt sich für uns", sagt Mitarbeiter Denis Müller. "Sonst würden wir nicht den langen Weg in Kauf nehmen." Der Händler freut sich natürlich darüber, dass Nähen in Deutschland wieder so in Mode gekommen ist.

Warum das so ist? "Vielleicht ist das eine Entwicklung weg von Billig-Läden wie Primark", versucht sich Denis Müller in Ursachenforschung. Das Selbstgenähte sei eben schön und individuell. Möglicherweise sind Stoffe auch eine Ware, die nicht so sehr zum Charakter des digitalen Geschäfts passen. Kristin Franke verkauft jedenfalls keine Stoffe im Internet. "Stoff ist halt immer noch eine haptische Sache", unterstreicht Denis Müller. Etwas, das man anfassen will, bevor man es kauft. "Wenn man online kauft, stimmt dann am Ende in Wirklichkeit nicht der Farbton des Produkts, dann schickt man die Ware wieder zurück, und so geht das hin und her."

Warum boomt Nähen so?

Die Kunden halten dem deutsch-holländischen Stoffmarkt jedenfalls die Treue. Sylvia Vogel ist mit ihrer Tochter Karin schon das zweite Mal dabei. "Wir lassen uns hier inspirieren", sagen beide unisono. Ein bisschen schlendern und bummeln, das gefällt Mutter und Tochter, die beide gerne nähen. "Vor allem Taschen und Schals machen wir selbst", erklärt Karin Vogel.

Warum das so Spaß macht? "Weil man etwas selbst gemacht hat", lautet die Antwort der Tochter. "Und man kann tragen, was man selbst produziert hat. "

Dagmar Bauer ist ebenso zum zweiten Mal beim Stoffmarkt. "Ich schaue mich ein bisschen um", sagt sie. Warum Nähen so "in" ist, kann sie sich nicht so recht erklären. Vielleicht liege das an den Bloggern im Internet, die viele Anregungen geben. "Ich habe es von meiner Mutter gelernt, habe früher für die Kinder geschneidert, und jetzt nähe ich mir vor allem Kleider." Beim Nähen könne sie entspannen. "Ich mache das, wenn ich schlechte Laune habe, das ist halt mein Hobby."


Helmut Buchholz

Helmut Buchholz

Autor

Helmut Buchholz arbeitet seit 1999 bei der Heilbronner Stimme. Er kümmert sich im Stadtkreisressort um die Themen Gericht, Polizei und Soziales. Er leitet außerdem das Thementeam Migration.

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