Gluthölle Heilbronn: Erinnerungen an den 4. Dezember 1944

Heilbronn  Das Wollhaus war nur noch ein Haufen Asche: Als 17-Jähriger erlebte Ernst Fehrenbach den Luftangriff auf Heilbronn. Erinnerungen eines verstorbenen Zeitzeugen und ein Ring, der das Inferno bis heute unvergessen macht.

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Als die Heilbronner die Luftschutzkeller verlassen konnten, brannte ihre Stadt. Ein Zeitzeugenbericht vom damals 17-jährigen Ernst Fehrenbach beschreibt, wie es auf den Straßen über dem Weinkeller am Wollhaus, den Michael Scheerle fotografierte, aussah.


"Wir gingen die Wilhelmstraße stadteinwärts. Vorbei an immer mehr brennenden Häusern und einem heruntergebrannten Straßenbahnwagen, passierten wir die Cäcilienstraße - in deren Bereich die letzten nicht nennenswert beschädigten Gebäude standen - und erreichten ohne Schwierigkeiten den Wollhausplatz. Das aus Holz gebaute ehemalige Wollhaus, ein einstockiges Gebäude, war völlig niedergebrannt, es war nur noch ein Haufen schwach glimmender Asche.

 

„Ich war mir fast sicher, dass unter dem Haufen glühender Asche auch die Reste der Pferde und ihrer Betreuer lagen.“

von Ernst Fehrenbach

 

Ich dachte an die Pferde, die im Nordflügel ihre Ställe neben der Reitbahn hatten. Vor wenigen Tagen wurden sie mir noch von einem Freund stolz vorgeführt, und an unsere Diskussion, als ich sah, wie fest die Pferde in ihrer Box angekettet waren. Ich wollte wissen, was mit den Pferden bei Fliegeralarm geschieht, ob man sie losbindet und ihnen ein Entkommen ermöglicht.

Nein, das geht nicht, war seine Antwort, sie würden in wilde Panik geraten, keiner könne sie mehr bändigen, und sie wären in dieser Situation eine Gefahr für die Menschen. Der Stalldienst ist da und sorgt für das Notwendige. Ich war mir fast sicher, dass unter dem Haufen glühender Asche auch die Reste der Pferde und ihrer Betreuer lagen. Ohne Mühe und Gefahr konnten wir in Richtung Allee weiterkommen.

„Hoch lodernde Flammen schlugen weit über die Dächer hinauf, es war eine Gluthölle, ein Inferno.“

von Ernst Fehrenbach

 

Nie vergessen werde ich das Bild, das sich vom Beginn der Wollhausstraße bot: Zwischen den Häusern - die meisten wohl Fachwerkhäuser - war eine einzige Feuersäule. Hoch lodernde Flammen schlugen weit über die Dächer hinauf, es war eine Gluthölle, ein Inferno."


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Der Ring, den Gudrun S. jeden Tag am Finger trägt, gehörte einst ihrer Schwiegermutter. Foto: Gleichauf

Zur Stimme gelangte dieser Bericht indirekt durch Michael Scheerle. Er hatte auf der Suche nach Fluchtstollen an der Oststraße eine Frau angesprochen. Sie wohnte damals mit Ernst Fehrenbach - der im März dieses Jahres verstorben ist - in einem Haus und bekam von ihm vor einigen Jahren den Bericht.

Mehr zum Thema: Die ausführliche Version des Berichts, den Ernst Fehrenbach hinterlassen hat, ist hier zu lesen.

Der 4. Dezember 1944 ist für sie bis heute auch auf andere Weise präsent. Ihre eigene Familie war zwar mit dem Schrecken davongekommen. Doch ihr späterer Mann verlor, während er selbst in Russland kämpfte, seine Eltern. Während er für 14 Tage in den "Heimaturlaub" durfte, fielen an der Front seine Kameraden. Noch heute trägt seine 89-jährige Frau aber jeden Tag den mit zwei Rubinen besetzten Ring, den die Schwiegermutter bis zu ihrem Tod am Finger hatte.


Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Stv. Leiter der Stadtkreis-Redaktion

Über den Raum Heilbronn in all seinen Facetten schreibt Christian Gleichauf seit dem Jahr 2000. Der gebürtige Südbadener kam damals als Volontär zur Heilbronner Stimme. Nach Stationen in der Wirtschaftsredaktion, im Service und im Landkreis steht jetzt die Stadt Heilbronn ganz oben auf der Agenda. 

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