Feinkost Müller schließt nach 120 Jahren

Heilbronn  Im Frühjahr hat das Traditionsgeschäft Feinkost Müller noch 120-jähriges Bestehen gefeiert. Jetzt ist bald Schluss. Die Müllers schließen den Laden - schweren Herzens, aber wohlüberlegt.

Von Bärbel Kistner

Feinkost Müller schließt nach 120 Jahren

Sie sind eine Institution in Heilbronn: In vierter Generation betreiben Gabi und Wolfgang Müller ihr Feinkostgeschäft. Ende Januar wird der Laden geschlossen, die beiden hängen ihre weißen Kittel dann an den Nagel.

Foto: Mugler

Als Wolfgang und Gabi Müller in diesem Frühjahr ihr 120-jähriges Bestehen feierten, haben sie noch nicht ans Aufhören gedacht. Doch nun wollen die Inhaber des Feinkostgeschäfts an der Titotstraße einen Schlussstrich ziehen: schweren Herzens, wie beide zugeben. Den Ausschlag gab die Kündigung ihres Mitarbeiters, der sich gesundheitshalber zurückzog.

Einen neuen Auszubildenden einstellen, das wollte Wolfgang Müller nicht, auch wegen der Einarbeitungszeit, die nötig gewesen wäre, "damit ein Azubi mich wirklich entlasten kann". Eine langfristige Perspektive hätten sie einem Mitarbeiter zudem nicht bieten können.

Nach dem Dreikönigstag beginnt der Räumungsverkauf

Ohne Unterstützung durch Personal aber war den Müllers klar: "Wenn einer von uns beiden krank wird, müssten wir den Laden zusperren." Das schien ihnen zu ungewiss und der Einsatz auf Dauer für sie beide alleine zu anstrengend. Deshalb ist Ende Januar Schluss. Nach dem Dreikönigstag beginnt der Räumungsverkauf.

Im Laden ist das Ende des Traditionsgeschäfts natürlich Thema Nummer eins. Kunden schlagen vor, die Öffnungszeiten zu reduzieren und weiterzumachen. Doch kürzer zu treten war für den 62-Jährigen Kaufmann keine Option: "Ein Geschäft wie unseres kann man nur ganz oder gar nicht betreiben", erklärt Müller.

Im Weihnachtsgeschäft ist die Wehmut besonders groß, denn der Feinkostladen war stets mehr als nur ein Ort, an dem es Dinge zu kaufen gibt, die andere Läden nicht führen. "Unsere Kundschaft ist unsere Familie", sagt Gabi Müller (57). Man habe gegenseitig an guten wie traurigen Ereignissen Anteil genommen. Diese Verbundenheit wird beiden Seiten fehlen.

In vierter Generation aktiv

Feinkost Müller schließt nach 120 Jahren

Handel muss nicht immer Wandel sein: Die Müllers setzen auf Beständigkeit. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1996, seither hat sich an dem Geschäft an der Ecke Titot- und Gymnasiumstraße nicht viel verändert.

Foto: Archiv

Vor allem um die ältere Kundschaft tut es den Müllers leid, die eine Einkaufsadresse verlieren, für die es in Heilbronn keinen Ersatz gibt. Supermärkte und Discounter haben zwar ihr Feinkost-Angebot massiv ausgebaut, doch der persönliche Kontakt, das Wissen um die Vorlieben der Stammkunden, dass der Einkauf zum Auto getragen oder nach Hause geliefert wird - das ist typisch für den Laden, den Wolfgang Müllers Urgroßvater 1897 gegründet hat.

In vierter Generation aktiv, Chef und Chefin im weißen Kittel an der Kasse und hinter der Ladentheke: In der modernen Handelswelt hat ein Laden wie Feinkost Müller längst Seltenheitswert. Ohne den Personalengpass hätten Wolfgang und Gabi Müller noch eine Weile weitergemacht, auch wenn es schwieriger geworden ist, als individueller Händler zu bestehen. "Ich kann auf kein Zentrallager zurückgreifen", berichtet der Kaufmann, der von manchen Artikeln, etwa Feinkostsuppen, gleich 30 Kartons bestellen muss, auch wenn nur eine Sorte ausgegangen ist. "Die Firmen, die uns beliefern, werden immer weniger, weil es auch Geschäfte wie uns immer seltener gibt."

Immer Spaß am Geschäft gehabt

Müller ärgert sich auch über lange Lieferzeiten, die er darauf zurückführt, dass große Onlinehändler beim Versender Vorrang haben: "Auf meine Lebkuchen habe ich zwölf Tage gewartet." Als Privatperson könne man "jeden Bleistift einzeln bestellen", häufig portofrei. "Ich zahle dagegen bei kleinen Bestellungen horrende Frachtkosten."

Auch wenn sich das Paar über solche Erfahrungen ärgert - den Spaß am Geschäft hat es ihnen nie verdorben. Wie es sein wird, ohne ihre Kunden-Familie zurecht zu kommen und ihr Leben von "300 auf Null" zurückzufahren, das wissen die beiden noch nicht. Fest steht nur: 70-Stunden-Arbeitswochen wird es für sie nicht mehr geben. Dafür aber vielleicht einen Urlaub zu zweit, auf den das Ehepaar dem Laden zuliebe immer verzichtet hat.


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