Erinnerung an den Marsch der 10.000 auf die Waldheide

Heilbronn  Das Pershing-Unglück 1985 rückt Heilbronn in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Mitten in Deutschland lagern Atomraketen. Kurz darauf versammeln sich 10.000 Menschen zum Protestmarsch auf die Waldheide. Ein Heilbronner, der dabei war, blickt zurück.

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Am Nachmittag des 11. Januar 1985 explodiert auf der Waldheide die erste Antriebsstufe einer Pershing-II-Rakete. Drei US Soldaten werden getötet, andere teils schwer verletzt. Heilbronn steht im Fokus der Weltöffentlichkeit. Was viele Friedensaktivisten nur geahnt hatten, wird am Abend von einem US-General bestätigt: Mitten in Deutschland lagern Atomraketen.

Der heute 56-jährige Thomas Heim-Rueff hat die denkwürdigen Tage als Student miterlebt. In der Reihe "Heilbronner Stunde" des Buga-Freundeskreises gab der Diplombetriebswirt einen spannenden Rückblick. Hier leicht redigierte Auszüge seines Vortrags: "Heilbronn ist damals zu Tode erschrocken. Allen wird bewusst, dass die Großstadt zu einem wichtigen Ziel des Warschauer Pakts geworden war.

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Wie ein Unglück dem Frieden Aufwind gab: Nicht nur in Heilbronn veränderten sich Politik und Gesellschaft. 

Gewerkschaften, Parteien, Kirchen und Friedensgruppen rufen für den 2. Februar 1985 zum Schweigemarsch auf. Die Nachrichten, die von amerikanischer Seite, deutschem Militär oder Stadtverwaltung veröffentlicht wurden, waren beschwichtigend. Niemand glaubte, dass keine reale Gefahr bestanden hätte. In Fernsehsendungen wurden verschiedene Szenarien vorgestellt."

"Am 2. Februar, der Tag des Protestmarschs, herrscht regnerisches Winterwetter. Es wird spät hell. Noch immer ist unklar, was genau passiert ist. Offenbar waren die Amerikaner nicht gut vorbereitet. Heilbronner Feuerwehr und Rettungsdienste mussten löschen und die Opfer ins Krankenhaus bringen. Die Raketen hatten atomare Sprengköpfe. Wie weit diese entfernt waren und was hätte passieren können, wenn die Rakete fertig montiert gewesen wäre ist unklar.

In der Jägerhausstraße formiert sich der Demonstrationszug. Es kommen auch Menschen, denen man ansieht, dass sie bisher noch nicht auf der Waldheide und für die Abrüstung demonstriert haben. Es soll ein Schweigemarsch sein. Also keine Musik, keine großen Reden, kein Rufen von Parolen. Ruhig setzt sich der Zug in Bewegung. Die steile Straße zum Jägerhaus und zur Waldheide hinauf. Wir laufen mittendrin. Tausende haben sich angeschlossen, geschätzt 10.000.

Oben am Zaun wird es eng. Die Amerikaner haben mit Fahrzeugen den Blick verstellt. Als Farbbeutel fliegen gellen Pfiffe. Die Tore bleiben verschlossen." Thomas Heim-Rueff erklärt in seinem Bericht, "wir wissen nicht, welchen Anteil unser Protest hatte. Reagan und Gorbatschow vereinbaren 1987 den Abzug und die Vernichtung der russischen SS20 und der amerikanischen Pershing II, also des atomaren Mittelstreckenarsenals in Europa."

Im April 1990 verlässt die letzte Pershing die Waldheide. Viele Heilbronner feiern den Abzug mit Sekt vor den Toren. Auch andere Atomwaffen wurden abgerüstet. "Zur Entwarnung besteht kein Anlass", betont Heim-Rueff. Inzwischen hätten die USA und Russland den INF-Vertrag aufgekündigt, der in den 1980er Jahren für die Vernichtung der Mittelstrecken Raketen sorgte. 

 

 

Buga-Freundeskreis: Im Garten der Heilbronner des Buga-Freundeskreises berichten donnerstags um 18.30 Uhr sowie samstags und sonntags um 14 Uhr bei der "Heilbronner Stunde" Bürger Persönliches, Historisches, Heiteres aus ihrer Stadt.

 


Kilian Krauth

Kilian Krauth

Autor

Kilian Krauth kümmert sich um die Heilbronner Kommunalpolitik, um historische und kirchliche Themen sowie um den Weinbau der Region und weit darüber hinaus.

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