Ein außergewöhnliches Jugendhaus wird 30

Heilbronn  Lange kämpften die Heilbronner Jugendlichen für einen Treff. Mit dem Olgazentrum bekamen sie dann sogar einen ganzen Komplex. Wie es jetzt damit weitergeht, ist noch nicht geklärt.

Von Christian Gleichauf

Thiago schießt - vorbei. Ganz entspannt sitzen die sechs Jungs vor der Playstation in der Caféteria des Olgazentrums und lassen die digitalen Weltstars für sich spielen. Noch. "Natürlich", versichern sie, treten sie auch gern gegen den echten Ball, gleich nebenan in der Halle. Ihrer Halle. Der Halle, für die Jugendliche vor Jahrzehnten so lange gekämpft hatten und die seit nunmehr 30 Jahren als das Olgazentrum bekannt ist.

 

 

 

Als das Projekt 1984 auf den Weg gebracht wurde, drückte der damalige SPD-Stadtrat und spätere Heilbronner Ehrenbürger Friedrich Niethammer seinen Unmut darüber aus, dass OB Hans Hoffmann das Vorhaben über viele Jahre "schlicht hintertrieben" habe. Umso erfreuter war er, dass mit Manfred Weinmann nun ein Oberbürgermeister die Bedeutung des Hauses für die Heilbronner Jugend erkannt hatte.

Fast fünf Jahre dauerte der Umbau

Im Herbst 1984 sollte der Umbau der ehemaligen Fabrikhalle der Heilbronn Maschinenbau GmbH beginnen. Doch so schnell war das nicht erledigt. Das Denkmalamt wollte ein Wörtchen mitsprechen, die Technik stellte die Baufachleute vor Herausforderungen. 1987 wurde dann ein erster Teil eingeweiht, am 1. Juni 1989, vor exakt 30 Jahren, wurde dann der Gesamtkomplex seiner Bestimmung übergeben. Das Kernstück war die ehemalige Maschinenhalle, die als Veranstaltungsort für Musik und Tanz, für Sport und Kultur genutzt werden sollte.

Ein 13-köpfiges Team betreute und begleitete fortan die Jugendlichen. Eine beachtliche personelle Ausstattung, verglichen mit den heutigen Verhältnissen, da sich nur noch drei Pädagogen um die Jugendlichen kümmern können. In den 90er Jahren wurden weitere Jugendtreffs dezentral in der Stadt eingerichtet, was zulasten des zentralen Standorts an der Olgastraße ging.

Lüftung und Nachbarn ließen keine Nutzung für Konzerte zu

Ein außergewöhnliches Jugendhaus wird 30

Heute bietet das Olga Jugend- und Familienzentrum außen und innen viel Platz für sportliche Aktivitäten.

Foto: Dennis Mugler

Der erlebte in den 30 Jahren seit der Eröffnung eine wechselvolle Geschichte. Bald hatte man erkennen müssen, dass sich das Olga nicht unbedingt für die großen Konzerte eignete, die anfangs dort vorgesehen waren. Jam-Sessions und Breakdance-Battles kamen bei den Jugendlichen gut an, aber nicht bei den Nachbarn. Dazu kam, dass die Lüftungsanlage nicht für die 400 oder 500 Leute ausreichen würde, die eigentlich locker in die Halle passen. Eine Ertüchtigung hätte Millionen gekostet. Also wurde die Halle vor allem für den Sport genutzt.

Michael Fokken, der die Einrichtung seit 16 Jahren leitet, erinnert sich gut an seine erste Zeit. Das Olga hatte einen schlechten Ruf. "Eine Reihe von Jugendlichen ist in den 90er Jahren ab dem Kindesalter im Olgazentrum sozialisiert worden. Und diese Generation beanspruchte die Einrichtung irgendwann für sich." Mit klaren Regeln und einer Mischung aus Zutrauen und harter Hand sei der Generationenwechsel aber gelungen.

Immer wieder im Gerede

Obwohl Alkohol und Zigaretten auf dem Gelände strikt verboten sind, spielten Drogen immer wieder mal eine Rolle. Da auch Zehn- oder Zwölfjährige kommen sollten, habe man in solchen Fällen eng mit der Polizei zusammengearbeitet, erzählt Fokken. "In der Öffentlichkeit herrschte durch solche Vorkommnisse aber teilweise ein falsches Bild von dem, was hier stattfindet."

Zu vielen Eltern der Jugendlichen besteht heute ein guter Kontakt. Und auch zahlreiche Vereine und Gruppen haben Unterschlupf in den alten Gemäuern gefunden: die Offenen Hilfen ebenso wie der Deutsch-Afrikanische oder der Deutsch-Kroatische Verein. Es gibt eine Disco, Werkstatt, Töpferwerkstatt, Platz für Yoga und Pilates.

Die Zukunft des Zentrums in seiner derzeitigen Form ist offen

Wie lange das noch so sein wird, ist allerdings offen. OB Harry Mergel hat angekündigt, das Olga zusammen mit der Zigarre und dem Wilhelm-Waiblinger-Haus zu einem Soziokulturellen Zentrum zusammenspannen zu wollen. Was das für das Jugendzentrum in seiner heutigen Form bedeutet, ist offen.


Ein außergewöhnliches Jugendhaus wird 30

Die Idee, die Halle für große Tanz- und Konzertveranstaltungen zu nutzen, musste irgendwann begraben werden. Den Nachbarn wurde es zu laut.

Foto: Archiv/Sattar

Die Vorgeschichte des Olga-Jugendzentrums

Bereits in den 50er Jahren hatte der damalige Heilbronner OB Paul Meyle 50 000 Mark für ein Jugendhaus in den Etat einstellen lassen. Ob oder wie das Geld ausgegeben wurde, ist nicht überliefert. Was bekannt ist: Es tat sich nichts.

Im März 1964 gingen junge Heilbronner offenbar erstmals auf die Straße, um für einen Treffpunkt zu demonstrieren. Die Stadt reagierte. An der Moltkestraße wurde ein städtisches Grundstück als Standort für ein Jugendzentrum ausgewiesen. Die Hoffnung war groß, doch wieder passierte nichts. 1971 verkaufte die Stadt das Areal neben dem Wienerwald. Ein Hotel wurde gebaut, und die Enttäuschung bei den Jugendlichen wuchs.

Mit dem Rückenwind der 68er-Bewegung meldeten sich die Jugendlichen wieder zu Wort. Der fehlende Jugendtreff wurde zum Gesprächsthema in der Stadt - und eine überraschende Lösung zeichnete sich ab. 1973 überließ der Heilbronner Bauunternehmer Herbert Ensle den Jugendlichen Räume in einem ehemaligen Bürogebäude der Silberwarenfabrik Bruckmann an der Lerchenstraße für eine symbolische Monatsmiete von einer Mark. Es sollte ein Experiment werden, und es schien zu funktionieren. Mit großem Einsatz machten sich die jungen Leute daran, das Haus zu entrümpeln, eigene Möbel zu organisieren und sich ihr Jugendhaus einzurichten. Nur drei Monate später zerstörten Rowdies die Räume und das Mobiliar. Das Experiment war gescheitert.

Erstes Jugendhaus an der Schillerstraße

Die Stadt hatte den Bedarf jedoch erkannt. 1975 eröffnete das Jugendhaus Schillerstraße 7 als erstes kommunales Jugendhaus, das allerdings zu klein war und immer ein Provisorium blieb. Inoffizielle Jugendtreffs kamen und gingen. Das Gelände an der Olgastraße in der Bahnhofsvorstadt rückte Anfang der 80er Jahre in den Fokus.

1984 zeigte die Heilbronner Stimme ein Foto der ehemaligen Maschinenhalle, die damals noch einen "ziemlich trostlosen" Eindruck machte. Doch zu dieser Zeit war bereits klar, dass hier investiert werden sollte. Die Stadt war bereit, 4,4 Millionen D-Mark für Umbaumaßnahmen an der Fabrikhalle und den angrenzenden Räumen, die bis dahin auch als Möbelhalle genutzt wurden, auszugeben. Künftig sollte hier viel Platz für Sport, Musik, Tanz und Theater sein. Am 1. Juni 1989 wurde das Olga-Jugendzentrum in den ehemaligen Fabrikräumen eröffnet. wgl/cgl

 

 


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