Digitalforscher Armin Grunwald kommt nach Heilbronn

Heilbronn  Armin Grunwald forscht zu Folgen des technischen Fortschritts. Er berät den Bundestag, war Mitglied der Ethik-Kommission zum autonomen Fahren. Am Montag hält er einen Vortrag an der DHBW in Heilbronn. Im Gespräch erklärt er, warum es durch Digitalisierung immer Verlierer gibt und warum die Deutschen gerne bar bezahlen.

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Grunwald beschäftigt sich mit Folgen des technischen Fortschritts.

Foto: KIT

Welche Folgen der technische Fortschritt für den Menschen hat, ist eine Frage für Professor Armin Grunwald. Im Interview erklärt der Physiker und Philosoph, warum Arbeit digitaler wird und was er vom Kohlekompromiss hält.

 

Was passiert, wenn Studierende mit digitaler Kompetenz auf Traditionsunternehmen treffen?

Armin Grunwald: Das verursacht Konflikte. Wir kennen das von früheren technischen Veränderungen. Die Leichtbau-Aluminiumtechnik in der Automobilbranche hat die Werkstätten anfangs vor Herausforderungen gestellt, weil Aluminium andere Verfahren erfordert als Stahl. Man neigt dazu, die Digitalisierung immer als gut wahrzunehmen und das Traditionelle als schlecht. Dabei wird vergessen, dass diese Menschen oft Jahrzehnte dort gearbeitet und sich Wissen angeeignet haben, das Neulinge nicht haben. Diese Wissensbestände muss man abgleichen und verbinden.
 

Digitales Arbeiten wird trotzdem wichtiger, oder?

Grunwald: Es gibt nur noch wenige Berufe, die ohne digitale Technik auskommen. Im Dienstleistungssektor ist es schon seit Jahrzehnten so, dass Prozesse immer mehr digitalisiert werden. Ein anderes Beispiel sind Reisebüros: Heutzutage findet die Urlaubsplanung fast komplett im Internet statt.
 

Wird der Mensch dabei überflüssig?

Grunwald: Immer wieder wird die Tätigkeit bestimmter Menschen überflüssig. Ein Beispiel sind die Weberaufstände vor etwa 200 Jahren. Damals hat die Automatisierung Arbeitsplätze wegrationalisiert und damit Menschen die Lebensgrundlage entzogen. Es gab keine Gewerkschaften und keine Sozialversicherung. Die Tätigkeit der Weber wurde schlicht überflüssig. In den 1980er-Jahren gab es den Siegeszug der Industrieroboter, etwa in der Automobilindustrie. Dabei sind Hunderttausende Jobs weggefallen. Gleichzeitig sind neue Jobs entstanden. In der Summe ist das ungefähr gut ausgegangen.
 

Dem Einzelnen nützt das nicht.

Grunwald: Stimmt, für Betroffene kann der technische Fortschritt erhebliche Nachteile mit sich bringen. Wenn der Lastwagenverkehr automatisiert wird, wird es Hunderttausende arbeitslose Fahrer geben, die man nicht einfach zu IT-Spezialisten umschulen kann. Für uns als Gesellschaft ist das eine Aufforderung, frühzeitig Verantwortung zu übernehmen und über Weiterbildung und alternative Beschäftigungen nachzudenken.
 

Die Bundesregierung will bis 2038 alle Braunkohlekraftwerke abschalten und die Kohleregionen mit Milliarden unterstützen. Ein guter Kompromiss?

Grunwald: Die Transformation gesamter Regionen raus aus der Braunkohle mit dieser Unterstützung ist schon mal nicht schlecht. 18 Jahre sind keine kurze Zeit, da ist viel möglich. Die Dimension ist auch überschaubar, wenn man es vergleicht mit der Transformation nach dem Steinkohle-Bergbau und der Stahl-Verhüttung im Ruhrgebiet. Dabei waren viel mehr Menschen betroffen. Verlierer gibt es aber immer, nicht nur im ökonomischen Sinne. Den Wegfall einer Identität kann man durch Geld nicht kompensieren.
 

Vortrag an der DHBW Heilbronn

Am Montag, 20. Januar, kommt Professor Armin Grunwald vom Karlsruher KIT nach Heilbronn. Er hält einen Vortrag an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg zum Thema "Digitalisierung - Werden Menschen überflüssig?" Die Veranstaltung ist eine Kooperation mit der VHS. Beginn ist um 18 Uhr in der Aula am Bildungscampus. Eine Anmeldung ist erforderlich unter 07131/99650.

Ist Vorsicht ein Grund, warum die technische Entwicklung in Deutschland eher langsam voranschreitet?

Grunwald: Ich nehme es so wahr, dass es in Deutschland eine große Technikoffenheit gibt. Oft wird über die Deutschen und ihre Technikfeindlichkeit gejammert. Empirisch gesehen ist das Unsinn. Die Menschen kaufen wie wild neue Geräte und laden neue Apps sofort runter. Da bin ich selbst manchmal deutlich zögerlicher (lacht). Dass dennoch Vieles hinterfragt wird, halte ich für geradezu notwendig. Ich empfinde das als Ausdruck einer reifen Gesellschaft, die nicht jedem Versprechen der Technik blind hinterherläuft.
 

Ein Beispiel ist die Kartenzahlung. Es gibt sie seit Jahren, noch immer haben Menschen Angst, dass dadurch das Bargeld abgeschafft wird.

Grunwald: Die Deutschen mögen es, verschiedene Optionen zu haben. Das finde ich für ein aufgeklärtes Land angemessen. Wenn man Bargeld abschaffen würde, hätte man keine Wahlmöglichkeit mehr. Außerdem wäre das problematisch, falls das System mal nicht funktioniert.
 

Was macht es mit uns, wenn wir nicht mehr verstehen, was Technik tut?

Grunwald: Wenn wir nicht nachvollziehen können, warum ein Algorithmus ein bestimmtes Ergebnis liefert, ist das wie damals beim Orakel von Delphi. Man konnte nur glauben, aber nicht nachfragen, aus welchen Gründen eine Entscheidung entstanden ist. Das muss erkennbar sein.
 

Politiker betonen, auf den technologischen Fortschritt zu setzen. Ist der planbar?

Grunwald: Wenn man viele Forschungsgelder in bestimmte Themen investiert, führt das meist zu Ergebnissen. Das ist aber eher eine Abschätzung als eine wirkliche Planung. Belastbare Voraussagen sind nur in weit entwickelten Branchen möglich. In der Automobilwirtschaft funktioniert das gut. Die wissen, was sie für das nächste Modell entwickeln wollen und haben ein gutes Gefühl dafür, wie viel Zeit und Geld das braucht.
 

Sie sind auch Leiter des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag. Finden sich ihre Beratungen in der Politik wider?

Grunwald: Wir beraten vor allem die Ausschüsse. In den Sitzungen lernt man eine andere Welt des Bundestages kennen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit werden sachliche, an den Themen orientierte Debatten geführt. Manchmal entwickeln sich dabei ungewöhnliche Konstellationen über die Parteien hinweg. Bei der Blackout-Studie 2011 haben wir uns angeschaut, was die Folgen eines langfristigen Stromausfalls in Deutschland wären. Es wurde ein großer Handlungsbedarf sichtbar, der Bundestag hat auf Basis unserer Analysen Beschlüsse gefasst. Bei anderen Themen sind die Spuren nicht immer so deutlich.


Christoph Donauer

Christoph Donauer

Autor

Christoph Donauer kümmert sich bei der Stimme um alles, was in Heilbronn, Deutschland und der Welt los ist. Seit 2019 ist er Redakteur für Politik und Wirtschaft. Davor war er als Journalist in Berlin, Brüssel, Dänemark und Stuttgart unterwegs.

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