Die Heilbronner Hafenmarktpassage gibt es seit 65 Jahren

Heilbronn  "Hafenmarktpassage fehlt es an Frequenz", titelte die Heilbronner Stimme im Jahr 2011. Wie es trotzdem gelungen ist, die vor 65 Jahren gebauten Passage zwischen Allee und Sülmerstraße vor dem Untergang zu retten.

Von Bärbel Kistner

Zur Eröffnung im Sommer 1954 setzt die Hafenmarktpassage Maßstäbe im Einzelhandel. Selbst in Stuttgart gebe es nicht diese "Massierung" modern ausgestatteter Läden, urteilt der aus der Landeshauptstadt stammende Architekt in einem Artikel der Heilbronner Stimme. 17 Geschäfte zieht es in die als "architektonische Sehenswürdigkeit" gepriesene Passage, mit der Heilbronn einen Hauch von Großstadt bekommen soll.

Feinkost und Juwelen

Zu kaufen gibt es Daunendecken und Feinkost, Ledertaschen und Herrenhosen, Tabak und Juwelen, Wäsche und Wollwaren. Ein Damenfriseur hat sich niedergelassen, eine Kaffeerösterei, der Hafenmarktwirt und das "Passage-Café" Mayer. Grün glasierte Tonplatten schmücken die Sockel der Gebäude, begrenzt von mit Mosaiken belegten Säulen - in Anlehnung an den traditionell dort abgehaltenen Häfelesmarkt.

Wie Handel und Dienstleistung in den ersten Jahren und Jahrzehnten florieren, ist nicht überliefert. Doch ist Leerstand zunächst kaum ein Thema. Ihre heutige Optik mit den vorspringenden Glasdächern zu beiden Seiten erhält die Passage im Jahr 1990. Mittlerweile gibt es es auch mehr Wechsel bei den Mietern. Einige Geschäfte wie Optik Hiller, Wolle Rödel und Wolle Eskasa, Wäsche Arnold, Galerie Seiler und Lolo Moden sorgen dagegen für Kontinuität.

Die Frequenz schwindet

"Hafenmarktpassage fehlt es an Frequenz" titelt die Heilbronner Stimme im Jahr 2011. Die Händler beklagen das Fehlen einer optisch ansprechenden Verbindung zur Sülmerstraße - der Hafenmarktturm wirkt als Barriere. Das Ende der Unterführung unter der Allee zur Harmonie 2006 hat sich ebenfalls negativ bemerkbar gemacht. Die Idee eines Einkaufs-Kleinods wartet in weiter Ferne.

Was tun? Mit Martin Ric und Matthias Eckert kommt 2015 frischer Wind in die angestaubte Passage, die von weiteren Leerständen bedroht ist. Die Inhaber der Möbelmanufaktur Performa öffnen einen Pop-up-Store in einem freien Laden für Ausstellungsstücke. Das Provisorium wird zum Dauerzustand, der Laden bleibt bestehen. Bei verkaufsoffenen Sonntagen finanzieren Händler und Gastronomen gemeinsam ein Musikprogramm, so mancher Innenstadtbesucher entdeckt den schmalen Durchgang neu. Aufmerksamkeit gibt es durch temporäre Kultur-Projekte und weitere Pop-up-Stores. Doch richtig viel Kundschaft will sich nicht einstellen.

Zunächst gab es viel Leerstand

Zunächst steht jeder zweite Laden leer. Neulinge wie ein Fußballschuhgeschäft, ein Sportmodenshop und eine Eisdiele haben rasch wieder aufgegeben. Auch für die Buchhandlung Dichtung & Wahrheit kommt 2015 das Ende. Doch Martin Ric und sein Partner halten an der Passage fest, übernehmen die Buchladenfläche und drei angrenzende Läden und geben Performa eine neue Adresse auf 300 Quadratmetern. Neben eigenen Möbeln stehen Design-Klassiker von Vitra zum Verkauf. "Hoffnung für die Hafenmarktpassage" schreibt die Stimme Anfang 2016.

Passage wird zum In-Place

Als weiterer Schlüssel zu mehr Frequenz erweist sich die Gastronomie. Vor einem Jahr öffnet Michael Allmis sein schwäbisches Lokal "Michels Küche". Bei fast jedem Wetter sitzen Gäste sogar draußen - an Tischen, die Performa bereitstellt. Schräg gegenüber gibt es seit April wieder ein "Café Passage" mit Croissants und Baguette aus Frankreich. "Die Frequenz hat zugenommen. Früher haben wir oft gewartet, bis jemand vorbeikommt", betont Martin Ric. "Jetzt sind wir zum In-Place aufgestiegen." Für viele sei die Passage der favorisierte Durchgang zu Sülmerstraße und Neckarmeile.

Der gebürtige Heilbronner Ric kann sich seine besondere Verbindung zum Standort inzwischen erklären. Sein Vater, ein Flüchtling aus Ungarn, hat tatsächlich am Wiederaufbau des Hafenmarktturms mitgewirkt, wie der 56-Jährige erst kürzlich erfahren hat.


Historie und Calwer Passage

Die ersten komplett überdeckten Ladenpassagen entstanden im 19. Jahrhundert in Paris. Sie galten als Vorstufe von Kaufhäusern und Einkaufszentren mit dem Ziel, Kunden eine angenehme Umgebung zu bieten. In der Regel waren Einzelhändler mit höherwertigem Sortiment und entsprechender Gastronomie ansässig. Imposante Beispiele gibt es in vielen Metropolen. Berühmt sind restaurierte Passagen wie die Galerie Vivienne in Paris, die Galleria Vittorio Emanuele II in Mailand oder die Mädlerpassage in Leipzig. Bei vielen greift der Denkmalschutz.

Zwischenzeitlich hatten Passagen oft Leerstand zu beklagen. Ein bekanntes Beispiel aus Stuttgart ist die Calwer Passage von 1978 mit einem gewölbten Glasdach und Marmorboden. Lange Jahre galt die Passage als besonders feine Adresse, doch gab es später auch dort Probleme, leerstehende Flächen zu belegen. Ab 2014 wurde die Passage deshalb dreieinhalb Jahre für alternative Konzepte und Pop-up-Stores genutzt. Rund um den Rotebühlplatz entsteht derzeit eine neue Bebauung. Weil die Calwer Passage unter Denkmalschutz steht, ist sie als einziges Gebäudeelement vom Abriss verschont.

 


Kommentar hinzufügen