Das schönste Erlebnis für die Barackenkinder

Heilbronn  Es ist das erste Weihnachtsfest, an das sie sich erinnern kann. Ein Weihnachtsfest in einer Baracke in Biberach, einige Zeit nach einer dramatischen Flucht am Ende des Zweiten Weltkriegs, auf der Annemarie Schnepf im eisigen Winter 1945 in einem Wald bei Päwesin (Brandenburg) geboren wurde.

Von Carsten Friese
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Die Baracke im Biberacher Ortskern, in der die Flüchtlingsfamilie lebte: Der Hauptteil war aus Holz, an einer Seite hatte der Vater eine Küche angemauert. Fotos: privat

Die Familie musste vor den vorrückenden Russen aus ihrem Wohnort im heutigen Polen wegziehen, machte sich mit einem Pferdewagen am 12. Januar 1945 auf den Weg. Die Mutter war hochschwanger. Zwölf Tage später setzten die Wehen ein. Die Oma wurde zur Hebamme, in einer Decke neben dem Pferdewagen kam Annemarie Schnepf zur Welt.

Da ihre Mutter nicht stillen konnte, besorgte ein Onkel irgendwoher eine Ziege. Es war die Rettung für das Baby. "Ohne die Ziegenmilch", sagt die 72-jährige Biberacherin, "wäre ich verhungert."

Bis Weinsberg führte die beschwerliche Reise, dem zentralen Lager für Flüchtlinge aus dem Osten. Von dort wurden sie weiterverteilt.

In Armut aufgewachsen

Das schönste Erlebnis für die Barackenkinder

Weihnachten 1952: Für Annemarie Schnepf (li.) und ihre Schwestern das schönste Fest ihrer Kindheit. Es gab auf einmal neue Kleider, neue Stiefel, eine große Puppe.

Wenn sie jetzt an Weihnachten in ihrer Kindheit denkt, fällt ihr sofort das Fest im Jahr 1952 ein. In einer der provisorischen Baracken war die Familie in Biberach untergekommen, der schwer verletzte Vater, die Mutter, sie und ihre zwei jüngeren Schwestern. Sie waren arm, hatten nur wenig Geld. Aber: Der kleine Gemüsegarten, ein paar Hühner, Ziege und Hasen bildeten die Basis der Versorgung.

Taschengeld? Gab es nicht. Süßigkeiten? Alle paar Wochen höchstens ein paar billige Pfefferminzbruchstücke. Gespielt wurde mit Maiskolben, die zu Puppen umgestaltet wurden. Ein Puppenhaus aus Karton und alten Lumpen war die Bühne.

Und plötzlich kam dieses Weihnachtsfest, das den drei Schwestern "die schönsten Kleider", neue Stiefel und neue Puppen bescherte. Wie im Schlaraffenland habe sie sich gefühlt, sei so dankbar gewesen, dass die Eltern offenbar irgendwie doch etwas gespart hatten. "Wir waren so was von glücklich." Ein schöneres Weihnachtsfest hat es in ihrer Kindheit nie gegeben.

Ablehnung war spürbar

Einfach war es nicht für die "Barackenkinder". Es gab Ausgrenzung, sie spürten eine gewisse Ablehnung den Flüchtlingen aus dem Osten gegenüber. Eine einzige Freundin sei auch mal zu ihr nach Hause gekommen, erzählt Annemarie Schnepf. Die anderen Kinder blieben auf Distanz. Sie kann es heute nachvollziehen, weil die Bürger ja nicht gewusst hätten, was da für Leute hergezogen waren. Die Kinder hätten auch nur Weisungen befolgt. "Das kam ja von den Eltern."

 

 

Barackenkinder - das blieben sie eine Reihe von Jahren. Gut 40 Quadratmeter hatten sie für fünf Personen, eine große Wohnküche, einen Schlafraum, wo Annemarie Schnepf mit einer Schwester in einem Bett schlief. Die Toilette war im Freien, auf dem Esstisch wurden Hausaufgaben gemacht, gegessen und die Kinder abgetrocknet, wenn sie am Badetag aus der Badewanne stiegen. Arm habe man sich in der Familie nicht gefühlt, betont die 72-Jährige. Auch wenn man sonst nicht viel zum Leben hatte und manchmal vor der Schule schon Zuckerrüben aufsammeln musste, die den Landwirten vom Hänger gefallen waren.

Haus mit eigenem Bad und Toilette

Das schönste Erlebnis für die Barackenkinder

Annemarie Schnepf engagierte sich im Sportverein, besuchte die Höhere Handelsschule, ging als Au Pair nach England und arbeitete später 15 Jahre als Übersetzerin bei der US-Kripo in den Wharton Barracks der US-Armee in Heilbronn. Die Barackenzeit war zu Ende, als die Familie 1959 in ein Haus mit eigenem Bad und Toilette nach Frankenbach umzog. Mit Ehemann Herbert kehrte Annemarie Schnepf 1977 nach Biberach zurück, hat heute zwei erwachsene Kinder.

Die Baracken gibt es nicht mehr. Ihre Erinnerung an das Leben dort fällt positiv aus. "Wir haben uns geborgen gefühlt", sagt sie, durch den Zusammenhalt in der Familie, trotz ärmlicher Verhältnisse. Heute gebe es viele, die reich sind - "und die keine Zeit haben für ihre Kinder".

 

Massenexodus

Etwa 15 Millionen Flüchtlinge zogen am Ende des Zweiten Weltkriegs aus den deutschen Ostgebieten Richtung Deutschland. Sie kamen auf Pferde- und Ochsentrecks, in Vieh- und Güterwaggons, zu Fuß. Geschätzte zwei Millionen starben auf der Flucht.

Wirklich willkommen waren sie nicht, da in den ausgebombten Städten kein Platz war. An vielen Orten wurden die Flüchtlinge in Baracken, früheren KZs, Bunkern oder Zwangsarbeiterlagern untergebracht. 

 

 

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