Buga als Sprungbrett für Menschen mit Handicap

Heilbronn  In Sachen Inklusion setzte die Heilbronner Buga neue Maßstäbe. Die Gartenschau-Erfahrung hat Menschen mit Behinderung dabei geholfen, von der Lebenswerkstatt in einen regulären Job zu wechseln.

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Buga als Sprungbrett für Menschen mit Handicap

Kevin Engelhardt (mit Deutschland-Hut) und sein Jobcoach Tobias Katz (rechts) bei einer Veranstaltung der Lebenswerkstatt im Buga-Holzpavillon.

Foto: Archiv/Berger

Für die meisten bleibt die Bundesgartenschau eine schöne Erinnerung. Für manche ist das Event aber noch viel mehr: etwa für einige Menschen mit Behinderung, die bei der Buga als Mitarbeiter dabei waren. Die sechs Monate Gartenschau haben ihr Leben verändert - weil sie danach den Sprung in einen festen Job geschafft haben, oder weil sie durch die dabei gesammelten Erfahrungen auf dem besten Wege dazu sind. Vor der Buga waren sie in der Lebenswerkstatt beschäftigt.

Von der Buga-Grünpflege zum Bauhof

Zum Beispiel Kevin Engelhardt. Der junge Mann aus Bad Friedrichshall war bei der Buga in der Grünpflege tätig, half beim Wässern der Pflanzen. Sein Wunsch, danach nicht wieder in die Lebenswerkstatt zurückzukehren, sondern im Bauhof zu arbeiten, ging in Erfüllung. Kevin Engelhardt ist mittlerweile in der kommunalen Einrichtung als Helfer angestellt. Auch Johanna Selig, die am Buga-Eingang beschäftigt war, hat hinterher eine Stelle gefunden. Die junge Frau ist im Kloster Bad Wimpfen im hauswirtschaftlichen Bereich untergekommen, zunächst in Form eines Praktikums. Der mit beiden geplante Foto- und Interviewtermin ist wegen der Corona-Krise ausgefallen.

Hotelbay im Parkhotel

Der Job in der Buga-Busfahrerlounge hat einer weiteren Mitarbeiterin den Weg zu einem Praktikum als Helferin beim Großhandel Selgros geebnet. Ein Vierter wartet auf den Beginn seines Praktikums als Hotelboy im neuen Parkhotel.

Buga setzt Maßstäbe

In Sachen Inklusion setzte die Heilbronner Buga neue Maßstäbe. Dass Menschen mit Behinderung bei Gartenschauen mitarbeiten, ist nicht neu. Aber außergewöhnlich waren die große Anzahl, und dass die Menschen mit Handicap nicht im Hintergrund arbeiteten, sondern Teil des normalen Betriebs waren. Im 80-köpfigen Buga-Team gab es 15 regulär bezahlte, sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung, die Mitarbeiter im Inklusionscafé Samocca nicht eingerechnet. Über das Budget für Arbeit aus dem Bundesteilhabegesetz wurde das Projekt bezuschusst. Stadt- und Landkreis hatten 75 Prozent der Lohnkosten übernommen. Auch Jobcoaches wurden über das Projekt mitfinanziert. Alle Mitarbeiter hatten die Zusicherung an ihren Werkstatt-Arbeitsplatz zurückkehren zu können.

13 von 15 haben durchgehalten

Nur zwei haben davon Gebrauch gemacht, "weil sie es dann doch nicht gepackt haben", sagt Hagen Kramer, der Leiter des Bildungswerks in der Lebenswerkstatt. 13 haben durchgehalten bis zum Schluss. "Das war eine Riesenleistung."

Langfristig den Weg in den regulären Arbeitsmarkt zu bereiten, war das Ziel. Allerdings sind die Hürden hoch. Vielfach sind es Praktika oder Probearbeitsplätze, die Jobcoaches wie Tobias Katz außerhalb der Werkstätten helfen zu vermitteln. Gefragt sind einfache Tätigkeiten oder Nischenarbeitsplätze, die es in vielen Firmen gar nicht gibt. "Das ist eine Herausforderung für die Betriebe", sagt Lebenswerkstatt-Geschäftsführer Friedemann Manz. Menschen mit Behinderung zu beschäftigen, lässt sich selten monetarisieren. Deshalb braucht es das Wohlwollen von Firmen, das bei der Buga sehr ausgeprägt gewesen sei.

Besseres Betriebsklima

Vom Mehrwert für Betriebe ist Manz überzeugt: Menschen mit Behinderung zu beschäftigen, schafft einen respektvolleren Umgang untereinander und erweitert die Sozialkompetenz. Doch nicht immer sei der Wechsel in einen regulären Job für Menschen mit Handicap das Richtige. Manz: "Wir tun alles, damit sie einen Arbeitsplatz haben, an dem sie glücklich sind, egal ob in der Werkstatt oder außerhalb."


Werkstätten wegen Corona geschlossen

Corona hat Auswirkungen auf den Alltag von Menschen mit Handcap. Denn das in der Corona-Verordnung des Landes auferlegte Betreuungsverbot gilt auch für die Lebenswerkstatt. In allen Werkstätten und in den dazugehörigen Förderstätten ist die Beschäftigung und Betreuung von Menschen mit Behinderung derzeit untersagt. Alle Standorte der Lebenswerkstatt sind zunächst bis zum 19. April geschlossen. An einzelnen Standorten gibt es Notbetreuungsgruppen für Menschen mit Behinderung, deren Angehörige in der kritischen Infrastruktur beschäftigt sind. Der Lohn wird regulär an die Mitarbeiter der Werkstätten weiterbezahlt. Informationen in leichter Sprache zu Corona unter: www.die-lebenswerkstatt.de 


Bärbel Kistner

Bärbel Kistner

Autorin

Bärbel Kistner schreibt seit 1999 im Stadtkreis-Ressort der Heilbronner Stimme über Stadtentwicklung und Wohnen, über Trends im Einzelhandel und den demografischen Wandel  

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