Brandstifter soll für acht Jahre in Haft

Heilbronn  Der Staatsanwalt sieht beim Anschlag auf den Kaufland-Markt in Neckarsulm einen versuchten Mord. Die Verteidigerin plädiert dagegen nur auf Brandstiftung. Am Donnerstag wird das Landgericht ein Urteil fällen.

Von Carsten Friese

Brandstifter soll für acht Jahre in Haft

Tatort der zweifachen Brandstiftung: der Kaufland-Markt an der Neckarsulmer Rötelstraße. Im Dezember 2018 legte der Täter an zwei Stellen Feuer.

Foto: Dennis Mugler

Als Staatsanwalt Julian Bohnsack nach einem differenzierten Plädoyer für die zweifache Brandstiftung im Kaufland-Markt acht Jahre Haft für den Angeklagten fordert, blickt er im Heilbronner Landgericht für kurze Zeit gedankenverloren in die Ferne.

Der 51-Jährige, der seit Jahren zwischen Gefängnis und Freiheit pendelt, immer wieder durch Drogen und Alkohol abrutscht und Therapien abbrach, hat mehr als ein Jahrzehnt hinter Gittern verbracht. Jetzt hofft er auf eine letztmalige Therapiechance, doch der Staatsanwalt würde sie ihm nicht geben. Der Angeklagte suche die Schuld für sein verpfuschtes Leben oft bei anderen. "Das ist höchstproblematisch", sieht Bohnsack keine große Chance für einen Erfolg der teuren, rund zweijährigen Therapie.

Aus Frust und Ärger hat der Angeklagte das Feuer gelegt, glaubt der Staatsanwalt

Dass der 51-Jährige zur Marktzeit im Kaufland zunächst Babykleider mit Grillanzünder und Feuerzeug in Brand setzte, dann in einem Warenlager einen Stapel Holzpaletten anzündete, hat er zugegeben. Das Besondere an dem Prozess ist, dass der Mann keinerlei Erklärung für sein Tun hat. "Das nehme ich ihm sogar ab", sagt der Staatsanwalt, verweist auf eine Wesensveränderung des Mannes unter Drogen. Aus Frust, Ärger und Wut hat er demnach gehandelt, sich ein Ventil gesucht, um sich abzureagieren. Sein Geständnis und die Reue wertet der Anklagevertreter positiv. Aber: Der Täter auf dem Überwachungsvideo gehe planvoll und heimlich vor, versichert sich, dass er von niemandem beobachtet wird. Es sei ein Anschlag "aus dem Hinterhalt" auf arglose Menschen gewesen.

Tötung billigend in Kauf genommen

Das Mordmerkmal der Heimtücke sieht Bohnsack eindeutig erfüllt, auch wenn ein Brandsachverständiger die reale Gefahr für Kunden durch sehr breite Gänge zwischen einzelnen Regalen im Markt, eine Sprinkleranlage, eine Rauchklappe im Dach, viele Feuerlöscher und die gut ausgebildete Werksfeuerwehr als gering einstufte. Das, so Bohnsack, könne ein Laie beim Feuerlegen aber nicht überblicken. Der Angeklagte habe die Tötung von Menschen billigend in Kauf genommen. Und: Es sei eine glückliche Fügung gewesen, dass Kunden und ein Kaufland-Mitarbeiter die Flammen sehr schnell entdeckten und geistesgegenwärtig handelten, um den Schaden gering zu halten.

Auch Verteidigerin plädiert für Haft, sieht aber Mordmotiv nicht als erwiesen

Verteidigerin Tanja Haberzettl-Prach sieht keine Schädigungsabsicht in der Tat. Grillanzünder habe keinen hohen Flammpunkt, für einen Übergriff auf weitere Regale sei der Abstand im Markt zu groß gewesen. Der Angeklagte habe beim Betrachten des Tatvideos mehrfach gesagt, "Ich fasse es nicht, das bin nicht ich...", dass er so etwas nüchtern nie gemacht hätte. Und da das Motiv für seine Tat nicht geklärt sei, könne man auch nicht Heimtücke oder niedere Beweggründe annehmen. Auch Haberzettl-Prach sieht eine Haftstrafe als notwendige Sanktion an. Eine Höhe bezifferte sie nicht.

Der Angeklagte bittet um eine letzte Therapie-Chance

Jetzt habe ihr Mandant verstanden, dass er so nicht mehr weitergehen kann in seinem Leben. Eine umfassende Therapie sei notwendig. Denn ohne neue Perspektive gehe es sonst nach einer erneuten Haftentlassung "genauso weiter", mahnte die Anwältin.

Eine Besonderheit in dem Prozess war, dass die Tante des Angeklagten ihn als Tatverdächtigen der Polizei gemeldet hatte, als sie ihn auf Bildern der Überwachungskamera erkannte. "Ich musste es sagen", erklärte sie als Zeugin im Gericht. Sie haben sich gefragt, "was passiert noch". Unfassbar nannte sie die Tat.

"Mir tut es leid, was ich getan habe", sagte der Angeklagte in seinem letzten Wort. Er wisse, dass er "ganz viel tun muss, dass ich die Therapie schaffe - und es meine letzte Chance ist". Ein Urteil wird am Donnerstag fallen.


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