Boris Palmer präsentiert in der Volkshochschule sein neues Buch

Heilbronn  "Erst die Fakten, dann die Moral: Warum Politik mit der Wirklichkeit beginnen muss" heißt der Titel seines neuen Buchs. Bei einigen Zuhörern in der VHS Heilbronn hat Grünen-Politiker Boris Palmer damit für Verwirrung gesorgt.

Von Michelle Christin List
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In der VHS präsentierte Boris Palmer sein neues Buch. Foto: Mario Berger

Ich bin sehr verunsichert", sagt eine Zuhörerin am Mittwochabend nach dem Vortrag des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer in der Volkshochschule Heilbronn. "Ich war so begeistert von ihm. Aber jetzt weiß ich nicht mehr, was ich von ihm halten soll." Da wird sie nicht die einzige sein. 90 Minuten lang präsentierte der Grünen-Politiker sein neues Buch "Erst die Fakten, dann die Moral: Warum Politik mit der Wirklichkeit beginnen muss".

Palmer fordert eine Analyse der Fakten

Was er darin fordert, ist ein Ideal, das in der Politik sowie am Stammtisch zweifelsohne selten beherzigt wird: Damit bei kontroversen Themen ein Diskurs über moralische Standpunkte zielführend sein kann, müssen zuerst die Fakten analysiert und für alle verständlich sein. Viel zu oft seien es aber Angst, Empörung oder moralische Filter, die sofort über die Wirklichkeit gelegt werden.

Tierschützer sollten erst einmal Massentierhaltung ins Visier nehmen

Dies führe dann etwa dazu, dass der Brandschutz ständig verschärft werde, es auf deutschen Autobahnen aber kein Tempolimit gibt. Ein weiteres Beispiel, das Palmer in seinem Buch nennt: "Tierschützer sollten erst einmal Massentierhaltung ins Visier nehmen als ausgerechnet internationale Spitzenforschung zu bislang unheilbaren Krankheiten." Das schreibt er im Hinblick auf die Proteste und das Ende der Versuche mit Rhesusaffen am Tübinger Max-Planck-Institut vor einigen Jahren.

Viele Gründe für Fahrverbote

Auch Luftreinhaltung und Fahrverbote sind für den Grünen-Politiker so eine Sache: "Jährlich 3000 Verkehrstote, 50.000 Schwerverletzte, die Lärmbelästigung, der Platz, den die Autos rauben - das alles wären gute Gründe für Fahrverbote in Innenstädten. Zwei Mikrogramm Grenzwertüberschreitung zwei Meter neben der Straße hingegen nicht." Man solle richtige Ziele nicht mit falschen Argumenten anführen. "Denn wenn die Angst dominiert, dann gerät die reale Einschätzung des Risikos vollkommen in den Hintergrund."

Dazwischen ist laut Palmer wenig erlaubt

Zum Thema Fakten greift er auch die Reden von Greta Thunberg und US-Präsident Donald Trump beim Weltwirtschaftsforum in Davos vor wenigen Tagen auf: "Sie unterlegt ihre Forderungen mit echten Fakten, er nur mit alternativen Fakten." Das Recht, jemanden wie Greta auch mal zu kritisieren, möchte sich Palmer dennoch herausnehmen: "Es stimmt, was sie sagt. Klimaschutz ist sehr dringend und wichtig. Und genau deshalb dürfen wir nicht in Panik verfallen, sondern müssen mit klarem Kopf da rangehen."

Dass aus solchen Aussagen in Boulevardzeitungen dann Überschriften wie "Boris Palmer: Greta irrt sich" entstanden sind, sei Kern des Problems: Entweder sei man moralisch für oder gegen eine Sache. Dazwischen ist laut Palmer wenig erlaubt. "Greta-Kritik ist wie Papst-Kritik vor 500 Jahren. Entweder ist sie heilig oder des Teufels. Viele lesen doch nur die Überschrift. Und die halten mich dann gleich für einen Klimaleugner."

Titel soll zum Kauf anregen

Warum er sich gegen irreführende, provokante Überschriften ausspricht und seinem Buch dann aber einen ebenfalls mehrdeutigen Titel gibt, der an Bertolt Brechts Aussage "Erst das Fressen, dann die Moral" angelehnt ist? "Da wird direkt ein Triggerpunkt getroffen. Und das Argument des Verlags ist natürlich, dass der Titel wachrütteln und zum Kaufen anregen soll", sagt Palmer im Gespräch mit der Heilbronner Stimme.

Seine Zuhörer führt Palmer immer wieder in die Irre: So gibt er sich etwa zehn Minuten lang als Klimaleugner aus, um anschließend zu erklären, wie diese durch Verknüpfung von wissenschaftlich richtigen mit falschen Argumenten gefährliche alternative Fakten erfinden. Im Buch funktioniert das, bei einem Vortrag ist es schwieriger. Das Publikum bleibt teils verwirrt und etwas angekratzt zurück.

Handgeschriebene Briefe von Klimaleugnern

So sagt Palmer etwa, dass ihn immer wieder Klimaleugner von ihren Thesen überzeugen wollen. Meist bekomme er hierzu handgeschriebene Briefe von älteren Männern. Eine Information, die nicht bei jedem der größtenteils über 70-jährigen Zuhörer gut ankommt.

Auch bei dieser Veranstaltung schafft es Palmer, mit provokanten Thesen zu polarisieren. Während einige irritiert zurückbleiben, ihn und seine Aussagen nicht wirklich einschätzen können, sind Bettina und Martin Springer aus Talheim vollauf begeistert: "Wir haben alle Bücher von ihm gelesen. Er legt Fakten und Argumente auf den Tisch. Das ist etwas, was andere Politiker nicht machen", sagt die 57-Jährige.


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