Böckinger erinnern an den Bombenangriff im Jahr 1944

Heilbronn  75 Jahre nach dem Fliegerangriff auf Heilbronn und Böckingen treffen sich rund 250 Menschen zu einer Gedenkfeier. Die Botschaft der Böckinger: Nie wieder Krieg. Über einen bewegenden Appell zur Versöhnung und Frieden.

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Böckingen nach dem Luftangriff 1944

Das Foto stammt aus einem US-Archiv. Es zeigt Böckingen nach dem Angriff vom 10. September 1944 im Bereich Heilbronner Straße/Stedinger Straße.

In einer bewegenden und emotionalen Gedenkstunde haben der Böckinger Ring, Böckinger Vereine und die evangelische Kirchengemeinde am Dienstagabend an den Bombenangriff am 10. September 1944 erinnert. In dem Bombenhagel auf Heilbronn und Böckingen vor 75 Jahren verloren 281 Menschen ihr Leben, mehr als 170 davon in Böckingen. Über 300 Gebäude wurden zerstört.

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Zunächst hatten sich rund 250 Besucher am Gedenkstein des Dorfplatzes versammelt, einem Zentrum des Fliegerangriffs. Pfarrer Jochen Rexer, zugleich Vorsitzender des Böckinger Rings, rief hier Bilder ins Gedächtnis: von der Taufe, die beim Bombenagriff in der Stadtkirche gefeiert wurde. Aber auch Bilder von Schuhbergen im KZ Auschwitz und dem Bürgerkrieg in Syrien. Angesichts all dessen forderte er: "Nie wieder Krieg." Eine Schweigeminute schloss sich an.

Botschaft der Böckinger Gedenkfeier lautet: Nie wieder Krieg

In der Böckinger Stadtkirche: Das Gotteshaus bildete den würdigen Rahmen für rund 250 Besucher und die Gedenkfeier.

Fotos: Mario Berger

 

Oberbürgermeister Harry Mergel: "Es kam noch schlimmer."

In der Stadtkirche erinnerte Oberbürgermeister Harry Mergel daran, dass die Spuren des "ersten schweren Bombenangriffs auf Heilbronn und Böckingen" bis heute sichtbar sind. Nicht nur am Dorfplatz, der durch den Wiederaufbau entstanden ist. Auf dem Böckinger Friedhof an der Heidelberger Straße wurden die Opfer in acht Reihen in der Abteilung 17 beigesetzt. Zirka zehn getötete Zwangsarbeiter aus Polen und Russland sind auf dem Sontheimer Friedhof beerdigt.

Mergel erklärte, dass es "noch schlimmer kam". Der verheerende Bombenangriff am 4. Dezember 1944 habe Heilbronn in Schutt und Asche gelegt. In dem Feuersturm starben schätzungsweise 6500 Menschen. Der Oberbürgermeister betonte jedoch ebenso, dass es vermutlich ohne den deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 auch keinen 10. September 1944 und 4. Dezember 1944 in Heilbronn und Böckingen gegeben hätte. "Was können wir daraus lernen?", fragte Mergel. Seine Antwort: "Nie wieder Krieg." Und dennoch gebe es weiterhin heute Kriege. Die Demokratie und die Freiheit müssten immer wieder neu verteidigt werden. Wer die Schuld am Krieg verharmlose oder relativiere, "dem müssen wir entschieden entgegentreten".

Botschaft der Böckinger Gedenkfeier lautet: Nie wieder Krieg

Auf dem Dorfplatz: Pfarrer Jochen Rexer am Gedenkstein.

Das Inferno beginnt an einem sonnigen Sonntagvormittag

Welche Gräuel der Krieg verursacht, wurde in dem Bericht eines Zeitzeugen deutlich. Helmut Nester von der Geselligkeit Böckingen las den Bericht eines zehnjährigen Mädchens vom Angriff am 10. September 1944 vor, das sich mit seiner Familie und Nachbarn an jenem sonnigen Sonntagvormittag in den Gewölbekeller ihres Hauses in der Rathausstraße 6 flüchtete: "Das fürchterliche Inferno setzte ein, wir warfen uns auf den Boden, die Münder offen, damit die Trommelfelle nicht platzten." Danach habe sich der Schutt meterhoch getürmt, Menschen und die getötete Tiere der Landwirte lagen in den verwüsteten Straßen. Ein Bild des Grauens.

Pfarrer Jochen Rexer stimmte am Ende ein Versöhnungs- und Friedensgebet mit den Besuchern an, das ursprünglich im englischen Coventry entstanden ist, wo die deutsche Luftwaffe 1940 verheerende Schäden anrichtete und auch die spätmittelalterliche Kathedrale im Bombenhagel zerstörte. Das Gebet wird heute noch in vielen Kirchen gebetet, um die Wunden des Krieges zu heilen und eine Friedenskultur aufzubauen.


Programm: Etliche Böckinger Vereine sorgten dafür, dass die Gedenkfeier "75 Jahre Fliegerangriff auf Böckingen" einen würdigen Rahmen bekam. Auf dem Dorfplatz umrahmte die Musikvereinigung Böckingen die Veranstaltung. In der Stadtkirche traten die Harmonika-Vereinigung Böckingen, der Gesangverein Germania Böckingen und der Männerchor der Geselligkeit Böckingen auf. Alle Chöre stimmten schließlich gemeinsam das "Dona nobis pacem" an. Bezirkskantor Thomas Astfalk hatte die Besucher an der Orgel mit dem Präludium c-Moll, BWV 546, von J.S. Bach eingestimmt. Astfalk dirigierte dann auch am Ende den Chor der Stadtkirche, der das Lied sang: "Der Herr segne uns."

 

Helmut Buchholz

Helmut Buchholz

Autor

Helmut Buchholz arbeitet seit 1999 bei der Heilbronner Stimme. Er kümmert sich im Stadtkreisressort um die Themen Gericht, Polizei und Soziales. Er leitet außerdem das Thementeam Migration.

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