Auch Schulen können etwas für die Lebenszufriedenheit tun

Heilbronn  Glück in der Schule? Professorin Ulrike Graf erzählt im Interview, wie die Erkenntnisse aus der Glücksforschung in den Schulunterricht einfließen können und warum das Thema gerade in den industrialisierten Ländern wichtig ist.

Von Christine Faget
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"Wer sich beteiligt, der fühlt sich glücklicher"

Ulrike Graf

Foto: privat

Professorin Ulrike Graf leitet das Institut für Erziehungswissenschaft der Pädagogische Hochschule Heidelberg und arbeitet zum Thema Glück in der Schule. Am 23. November hält sie einen Vortrag in der VHS Heilbronn.

 

Worum geht es beim Thema Glück in der Schule?

Ulrike Graf: Im Grunde um Persönlichkeitsstärkung. Häufig wird mit der Schule ja das kognitive Lernen verbunden, also das Wissen. Die kognitiven Inhalte hängen jedoch mit Selbsterfahrung und sozialen Erfahrungen von Schülerinnen und Schülern zusammen: Wie geht es ihnen mit der Lernsituation, welche Erfolge haben sie, wie wird mit Misserfolgen umgegangen?


 

Wie ist man in der internationalen Forschung auf das Thema gestoßen?

Graf: Das Thema hat große Beachtung gefunden, auch weil man auf den Staat Bhutan aufmerksam wurde. In seiner Verfassung sieht dieser nicht das Bruttoinlandsprodukt als Messlatte für politischen Erfolg, sondern das Bruttoinlandsglück.

 

Was ist das denn?

Graf: Dazu gehört die Erkenntnis, dass nicht nur finanzielle und materielle Sicherheit zur Lebenszufriedenheit beitragen.


 

Was hat es mit der Lebenszufriedenheit konkret auf sich?

Graf: Das ist natürlich subjektiv. Jeder kann nur für sich sagen, wie zufrieden er ist. Wir wissen aber inzwischen aus der Forschung quer durch die Disziplinen, dass die Lebenszufriedenheit unter bestimmten Bedingungen höher ist. Dazu gehört es, Arbeit und materielle Absicherung zu haben, in soziale Bezüge eingebettet zu sein, auch religiös verankert zu sein und demokratische Strukturen zu haben. Also zu erfahren, ich kann meine Meinung einbringen und etwas bewirken.


 

Warum beschäftigen sich ausgerechnet westliche Länder damit?

Graf: Man hat in Studien festgestellt, dass gerade in Ländern mit hohen Lebensstandards bei Jugendlichen die subjektive Lebenszufriedenheit niedrig ist. Die Lebenszufriedenheit hat auch mit einer Perspektive auf sich, auf die Welt und auf die anderen zu tun. Also: Worin erkenne ich einen Sinn? Oder auch: Beklage ich mich über alles oder kann ich realisieren, woran ich mich freue und wofür ich dankbar bin?
 

Und wie kann man das ganz konkret in der Schule lernen?

Graf: Mir ist wichtig, dass die Erkenntnisse, die wir haben, in jedem Unterricht umgesetzt werden. Das heißt, den Kindern Sinnperspektiven zu eröffnen in dem, was sie tun und lernen. Wie beteiligt die Lehrkraft die Kinder daran, was wann gelernt wird oder wer mit wem lernen will? Das heißt, dass man Kindern ermöglicht, Verantwortung zu übernehmen, indem man ihre Ansichten berücksichtigt. Wer sich beteiligt, der fühlt sich glücklicher. Im Grunde ist das beste demokratische Erziehung.


 

Wird das an den Schulen nicht schon gemacht?

Graf: Es wird leider immer noch zu wenig gemacht, wie verschiedene Studien zeigen.


 

Warum braucht unsere heutige Gesellschaft mehr Glück im Schulleben?

Graf: Weil Kinder ein Recht darauf haben, Zugang zur Lebenszufriedenheit zu finden. Das ist ein Kinderrecht, das übrigens in der UN-Kinderrechtskonvention steht: dass ein Kind umgeben von Glück, Liebe und Verständnis aufwächst.


Vortrag: "Wenn Glück Schule macht"

Vortrag am Freitag, 23. November, 19 bis 21 Uhr, in der VHS Heilbronn im Deutschhof. Eintritt: zehn Euro. Anmeldung: Telefon 07131 996506.

 

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