Anwohner machen in der Gerberstraße mobil

Heilbronn  In der Heilbronner Gerberstraße wollen Bürger die Dauerbelastung in Sachen Verkehr nicht hinnehmen. Sie regen konkrete Verbesserungen an und bereiten eine Unterschriftenaktionen vor. In einem Jahr hatte sich der Autoverkehr dort verdoppelt.

Von Carsten Friese
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Wehren sich als Anwohner gegen den extremen Verkehr in der Gerberstraße: (v. li.) Wibke Backhaus, Irene Schnabel, Elke Woll, Petra Thiessen-Veith.

Foto: Carsten Friese

Sie sind Betroffene einer extremen Verkehrszunahme in der Innenstadt, empfinden die Situation als "absolut krass" oder "unerträglich".

Weil der Autoverkehr in der engen Gerberstraße mit der neuen Verkehrsführung ohne Kranenstraßenach Messdaten der Stadt fast auf das Doppelte zugenommen hat, formiert sich im Viertel Widerstand.

Ein Leben wie auf einem großen Parkplatz

Bürger haben eine Anwohnergruppe gegründet, protestieren gegen die Zustände und wollen mit Öffentlichkeitsarbeit und Unterschriftenaktionen auf die Situation aufmerksam machen. "Es könnte hier so ein tolles Viertel sein. Es gibt kleine Geschäfte, Lokale, Höfe, Spielplätze. Aber eigentlich leben wir hier auf einem großen Parkplatz", ärgert sich Wibke Backhaus. Weil Gehwege überall zugeparkt seien, könne man auch Kinder nicht laufen lassen. "Das ist zu gefährlich."

Zu Fuß läuft Petra Thiessen-Veith jeden Morgen zur Arbeit durch die Gerberstraße, am frühen Abend zurück. Seit die Kranenstraße geschlossen ist, erlebt sie eine "stehende, dampfende und stinkende" Verkehrsmasse zu den Hauptzeiten - am schlimmsten sei es zwischen 17 und 19 Uhr und am Samstag.

Lebensqualität hat sich radikal verschlechtert, sagt eine Anwohnerin

Seit fünf Jahren lebt Irene Schnabel in der Gerberstraße. Die Lebensqualität habe sich "radikal verschlechtert". Sie erlebt von ihrem Fenster, wie von der Mannheimer Straße "von drei Seiten Autos in das Nadelöhr einfahren", sich dann behindern und wildes Hupen beginnt. "Wir wohnen jetzt mitten im Verkehr", sagt sie.

Elke Woll ärgert, dass Heilbronn eine moderne Stadt sein will und dann eine solche Verkehrsführung zulässt. Das Viertel habe außer an der Neckarpromenade "keine Aufenthaltsqualität mehr". Die fast verdoppelte Kfz-Menge sei "nicht mehr zu ertragen".

Anwohner machen gegen Verkehrsmasse mobil

Was die Anwohnergruppe - bis zu 20 Bürger zählen zum harten Kern - vor allem nervt, ist der extreme Parksuchverkehr im Viertel. Viele wollten bis ans Rathaus oder an die Fußgängerzone ranfahren, fänden keinen Platz, parkten dann auch verbotenerweise auf Bürgersteigen oder sorgten durch Wendemanöver für Rückstau. Ein solches Verhalten hat Wibke Backhaus in Berlin oder Freiburg nicht erlebt. "Zu viele Leute meinen, es gäbe hier viele Parkplätze", sagt Elke Woll. Parkhäuser, die überall in direkter Nähe stehen, seien dagegen nicht ausgelastet.

Von Tatenlosigkeit der Stadt sind die Bürger enttäuscht

Was tun? Wenn 2019 die Bundesgartenschau beginnt, erwarten die Anwohner eine weitere Verkehrszunahme. "Man kann es nicht laufen lassen", betont Elke Woll. Die Bürger planen eine Internetseite mit Informationen, bereiten Infogespräche und Unterschriftenaktionen vor. Sie sind auf Parteien zugegangen. Von der Stadt sind sie bisher "sehr enttäuscht". Weil die Verwaltung keine Perspektive aufgezeigt habe, wie man kurzfristig die Situation verbessern könnte.

Die Anwohner haben Vorschläge: Entscheidend wäre für sie, dass der Durchgangsverkehr gestoppt wird, Autofahrer von der Mannheimer nur noch bis zur Lohtorstraße fahren dürfen und dann in einer Schleife durch das Viertel. Von der Bahnhofstraße sollte die Einfahrt nur bis zum Käthchenhof möglich sein.

Zudem sollte die Stadt ein Zuparken der Bürgersteige unterbinden - durch mehr Kontrollen oder Poller. Auch das System des Anwohnerparkens sollte überarbeitet werden. Abends könnte man für freie Plätze Parkgebühren verlangen - ähnlich den Abendtarifen in den Parkhäusern.

Anwohner stoßen auf offene Ohren

Bedenken von Einzelhändlern, dass eine Beschränkung der Durchfahrt den Tod für die Geschäfte bedeute, weisen die Anwohner zurück. Die Kaiserstraße sei auch erfolgreich verkehrsberuhigt worden. In Nürnberg käme man in die Altstadt nicht mit dem Auto - "und die Menschen gehen dort gern einkaufen", vergleicht Petra Thiessen-Veith. Sie ist optimistisch, dass sich etwas zum Besseren bewegen lässt. "Wir stoßen auf offene Ohren - und alle Parteien haben geäußert, dass man etwas ändern muss."


Steiler Anstieg beim Verkehr im Viertel

Drei Mal hat die Stadt Heilbronn zuletzt den Verkehr in der Gerberstraße gezählt. Im Juli 2017 - vor Öffnung der Nägelebrücke und Sperrung der Kranenstraße - notierte man 7349 Kfz binnen 24 Stunden. Im September 2017 (nach Schließung der Kranenstraße) waren es 9425 Kfz, im Juli 2018 stieg der Wert auf rund 14.000 Kfz in 24 Stunden. Die Kontaktadresse der Anwohner: innenstadt.heilbronn@gmail.com

 

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