Als Heilbronn 1970 zur Großstadt wurde

Heilbronn  Vor 50 Jahren wurde Klingenberg nach Heilbronn eingemeindet. Bei einem Festakt in der Klingenberger Grundschul-Turnhalle am Sonntagvormittag sprach OB Harry Mergel von einer Win-win-Situation für beide Seiten.

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Als Heilbronn 1970 zur Großstadt wurde

OB Hans Hoffmann (links), der Landsknecht und Klingenbergs Bürgermeister Rolf Hagner frieren mit Bürgern, Stadtkapelle und CGH am 1. Januar 1970.

Foto: Stadtarchiv

Küss mich, halt mich, lieb mich - mit großer Lebensfreude brachte der Donna Frauenchor mit diesem Lied aus dem Film "3 Haselnüsse für Aschenbrödel" zum Ausdruck, wie gedeihlich und wohltuend sich die Beziehungen zwischen Heilbronn und Klingenberg in den vergangenen fünf Jahrzehnten entwickelt haben. Am Sonntag wurde bei einem unterhaltsamen Festakt an die Eingemeindung der damals 1684-Seelen-Gemeinde zu Heilbronn am 1. Januar 1970 erinnert. Das heutige Oberzentrum der Region war dadurch mit 101 383 Einwohnern zur Großstadt geworden.

Es war ein bitter kalter Tag

Bei der Feier vor 50 Jahren im "Anker"-Saal waren viele der gut 200 Klingenberger, die am Sonntag den Weg in die Grundschul-Turnhalle gefunden hatten, dabei. Einer von ihnen ist Helmut Mokler. Der damals 20-Jährige erinnert sich: "Ich war bei der Feuerwehr und stand am Ortseingang Spalier. Es war bitter kalt."

Mit dem Oldtimerbus nach Klingenberg

"Es war ein schönes Gefühl, als wir den Bus mit den Heilbronner Honoratioren kommen sahen. Ich denke gerne an den Tag zurück", bekennt der heute 88-jährige Georg Wittgen. Und wie am 1. Januar 1970 fuhr auch jetzt eine kleine Delegation aus tiefer Symbolik mit einem Oldtimerbus aus dem Jahre 1950 nach Klingenberg. Eines war den Menschen damals sehr wichtig: eine Buslinie nach Heilbronn.

"Es war ein mord"s Fest im Anker", weiß Gertrud Remmele (83) und spricht von einem "besonderen Tag". Knitz wie eh und je merkte Professor Friedrich Golter (83) an: "Meine Sportfreunde und ich haben dagegen gestimmt. Sonst wären wir ja auf 100 Prozent Zustimmung gekommen." Der langjährige Hauptgeschäftsführer des Landesbauernverbands grinst, als er das sagt. Etwas kritisch blickt Herbert Stemper, damals 20, auf die Eingemeindung zurück: "Die Infrastruktur bei uns ist seitdem schlechter geworden."

 

Von 1970 bis 1974 wuchs Heilbronn um 2000 Hektar

"Heilbronn ohne Klingenberg, Klingenberg ohne Heilbronn? Heute undenkbar", unterstrich Oberbürgermeister Harry Mergel die Bedeutung dieser Eingemeindung, die Auftakt einer Reihe von Eingemeindungen gewesen war: 1972 kam Kirchhausen zu Heilbronn, 1974 folgten Biberach, Frankenbach und Horkheim. Dadurch wuchs die Fläche der Stadt um 2000 auf 10 000 Hektar.

Der Klingenberger Ortskartell-Vorsitzenden Ruth Kinbacher hatte Mergel zwei Säckchen, gefüllt mit 2508 zehn Centstücken, mitgebracht - für jeden Klingenberger eine Münze. Der damalige Oberbürgermeister Hans Hoffmann musste 1970 noch einen Wegzoll von 1684 zehn Pfennigen bezahlen.

Nur ein Lehrschwimmbecken gab es nicht

Kenntnisreich und humorvoll beleuchtete Professor Christhard Schrenk die Eingemeindungsgeschichte. Der Direktor des Heilbronner Stadtarchivs erinnerte an die ersten kommunalpolitischen Gespräche Mitte 1968 und vergegenwärtigte die Klingenberger "Wünsche" wie eine Buslinie nach Heilbronn, die Dorfsanierung, der Anschluss an die Wasserversorgung, eine neue Straßenbeleuchtung, Ausbau der Landwirtschaftswege und ein neuer Friedhof. "All das haben die Klingenberger bekommen - nur nicht ein Lehrschwimmbecken", stellte Schrenk sachlich fest.

7,5 Millionen Mark investiert

Für den Stadtarchivar hat sich die Eingemeindung für beide Seiten gelohnt: "In Klingenberg hat Heilbronn in den 1970er Jahren 7,5 Millionen Mark investiert, und Heilbronn hat den Anspruch als Metropole des Unterlands unterstrichen." Als Schrenk die alte Klingenberger Schelle herausholte und so ein altes Versprechen ablöste, gerieten die Klingenberger aus dem Häuschen.

Leidenschaftlich gefeiert wurden die Auftritte der Pop- und Jazzsängerin Kim Hofmann, begleitet von Werner Acker an der Gitarre. Das Duo, das schon bei der Bundesgartenschau auf sich aufmerksam gemacht hatte, war mit seiner Musik Sinnbild für ein modernes Klingenberg.


Große Mehrheit für Zusammenschluss

93,3 Prozent der Klingenberger Wähler stimmten Mitte September 1969 für einen Zusammenschluss mit Heilbronn. Wahlberechtigt waren 984 Bürger, an die Urnen gingen 737 Personen. Die Verhandlungen mit Heilbronn waren vom damaligen Bürgermeister Rolf Hagner ausgegangen. Er und seine Gemeinderäte wussten: Auf Dauer ist Klingenberg nicht überlebensfähig. Doch auch ohne die damals 1684 Seelen-Gemeinde hätte Heilbronn nur Monate später die 100.000er Hürde zur Großstadt genommen.


Joachim Friedl

Joachim Friedl

Stv. Leiter der Stadtkreis-Redaktion

Joachim Friedl arbeitet seit Ende 1979 bei der Heilbronner Stimme. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Kommunalpolitik. 

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