Eine unfreiwillige Heimfahrt am 4. Dezember 1944 um 18 Uhr

Heilbronn  Bernd Saxenberger wurde kurz vor dem verheerenden Angriff auf Heilbronn von seiner Mutter in einen Bus gesetzt. Es war ein Abschied für immer. Die Mutter erstickte wie viele Heilbronner in einem Luftschutzkeller, der Sohn überlebte.

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Bernd Saxenberger (81) und seine Mutter Trudel, die mit 30 Jahren im Luftschutzkeller starb. Keine zwei Stunden zuvor hatte sie ihren damals sechs Jahre alten Sohn mit dem Bus nach Bonfeld geschickt.

Foto: Christian Gleichauf

Vor vielen Jahren hat sich Bernd Saxenberger auf dem Heilbronner Ehrenfriedhof einen Baum ausgesucht, an den er regelmäßig zurückkehrt. Auch an diesem 4. Dezember wird er dort eine Kerze anzünden im Gedenken an seine Familie, die heute vor 75 Jahren umgekommen ist. Der 81-Jährige verdankt sein Leben einem Zufall, einer kleinen Lüge - und seinem Lehrer.

Aufgewachsen mit dem Fischgeschäft Treuer

Diese Geschichte hat viel zu tun mit dem Fischgeschäft Treuer in der Sülmerstraße, das bis 1998 dort zu finden war wo heute Tabak Sasse firmiert. Seit den 1920er Jahren befand sich dieses Geschäft im Besitz der Familie Saxenberger. Gemeinsam mit den Großeltern arbeiteten Bernd Saxenbergers Eltern in dem Laden, eröffneten dann auch eine Filiale an der Fleiner Straße. Doch der Krieg forderte viele Opfer - und besonders viele in dieser Familie.

Früh zum Halbwaisen geworden

Bernd Saxenbergers Vater Fritz fiel bereits 1943 auf dem Russland-Feldzug. "In einem Brief hatte er noch geschrieben, dass er den kleinen Bengel - also mich - doch ziemlich vermisst, und dass er ihn ja leider nicht aufwachsen sieht."

Bei einem Luftangriff im Spätsommer 1944 wurde dann auch noch das Haus an der Fleiner Straße, wo die verwitwete Trudel Saxenberger mit ihrem Sohn Bernd wohnte und arbeitete, zerstört. Also zog sie nach Bonfeld zu ihrer Schwester. Trotzdem ging es täglich nach Heilbronn, wo je nach Zuteilung auch im Laden in der Sülmerstraße viel zu tun war.

Das Dorfleben war Bernd Saxenberger zu langweilig

Obwohl er bereits in die erste Klasse ging, waren die Tage auf dem Dorf für den sechsjährigen Bernd offenbar ziemlich langweilig. Also erzählte er dem Lehrer, er würde in Heilbronn in die Schule gehen. Der Mutter erzählte er, er habe schulfrei und könne deshalb mit nach Heilbronn. Das funktionierte wenige Tage - bis zum Schicksalstag, dem 4. Dezember. "Da bin ich aufgeflogen. Der Lehrer rief an und fragte, was denn da jetzt los sei", erzählt Bernd Saxenberger.

Genaue Erinnerungen hat er allerdings nicht mehr. Der Busfahrer erzählte ihm später, er habe bitterlich geweint, als die Mutter ihn um 18 Uhr in den Bus nach Bonfeld gesteckt habe. "Und der Lehrer hat immer gesagt: ,Ich hab dir's Lebe g'rettet, Bue!""

Der Luftschutzkeller wurde zur Falle

Denn Trudel Saxenberger wartete an jenem Abend noch auf eine Zuteilung und konnte nicht mit nach Bonfeld fahren. Dann ertönte wenig später der Fliegeralarm. Gemeinsam mit einer weiteren Schwester und den Schwiegereltern suchte sie Zuflucht im Luftschutzkeller unter dem Kaisheimer Hof, der sich direkt hinter dem Gebäude an der Schulgasse befand. Der Keller wurde - wie für so viele Heilbronner - zur tödlichen Falle. "Sie sind alle erstickt", erzählt Bernd Saxenberger.

Der Mann mit der Fliege

Die Zeit schien die Wunden zu heilen. Seine Tante Julie Röck aus Bonfeld adoptierte den Jungen, der schon wenig später wieder in den Ruinen spielte. Dann kam die Zeit des Wiederaufbaus, später übernahm Bernd Saxenberger mit seiner Frau Erika selbst das Fischgeschäft. Als Verkäufer mit Fliege war er vielen Heilbronnern ein Begriff. "Die hatte ich einer Krawatte vorgezogen, weil sie bei der Arbeit nicht aus Versehen ins Heringsfass hängt."

Heute erzählt Bernd Saxenberger ruhig die schreckliche Geschichte jenes Jungen, der er selbst einmal war. Ein Lächeln umspielt seine Lippen. Und doch spürt man, dass ihn dieser 4. Dezember 1944 nie losgelassen hat. "Ich frage mich manchmal: Wollten sie raus? Haben sie gekämpft? Oder sind sie nur eingeschlafen?"


Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Chefkorrespondent Wirtschaft

Christian Gleichauf schreibt über Menschen, Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklungen in der Region Heilbronn-Franken. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Südbadener bei der Heilbronner Stimme.

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